Der Wille ist da, die Weite nicht mehr: Simon Ammann springt den grossen Erfolgen früherer Jahre hinterher.

Der Wille ist da, die Weite nicht mehr: Simon Ammann springt den grossen Erfolgen früherer Jahre hinterher.

Eine Analyse zur Frage, ob der Schweizer Ausnahme-Skispringer Simon Ammann den Zeitpunkt des Rücktritts verpasst hat.

Skispringen ist mehr als ein Sport. Skispringen ist ein Rausch. Die Erfüllung des ewigen Traums vom Fliegen. Droht man diesen zu verlieren, sind die Folgen bisweilen dramatisch.

Der grosse Finne Matti Nykänen verfiel dem Alkohol, den Österreicher Andreas Goldberger brachte Kokain zum Fliegen, der Deutsche Sven Hannawald kämpfte mit Depressionen, der Schweizer Stephan Zünd litt an Magersucht. Die Liste ist unvollständig.

Bei Simon Ammann deutet sich dergleichen nicht an. Der Toggenburger Bauernsohn ist in Geist und Körper kerngesund. Und er hat für die Zeit nach dem Sport vorgesorgt.

Privat mit Familie und Kind(ern), beruflich mit dem Aufbau einer Vermarktungsagentur für Athleten. Und für den Rausch mit dem Erwerb der Pilotenlizenz. Bald darf der 35-Jährige sogar grosse Passagiermaschinen steuern.

Im Skispringen hat Ammann alles erreicht, was möglich ist. Sogar noch mehr. Er war Gesamtweltcupsieger, Weltmeister, Doppel-Olympiasieger. Als Krönung wiederholte er diesen sensationellen Erfolg von 2002 in Salt Lake City acht Jahre später bei den Winterspielen in Vancouver noch einmal. Eigentlich unmöglich.

Simon Ammanns grossartige Karriere in Bildern

Die Bilder des lustigen, bisweilen listigen kleinen Toggenburgers gingen um die Welt. Als fliegender Harry Potter betitelten ihn die Amerikaner, als sportliches Idol verehren ihn die Japaner. Simon Ammann ist als Athlet längst unsterblich.

Überall, wo der quirlige Schweizer antritt, wird er gewürdigt. Auch in diesen Tagen an der Vierschanzentournee erhält Ammann bei der Ankündigung seines Namens warmen Applaus. Vielleicht gesellt sich auch Mitleid dazu.

Denn der 23-fache Weltcupsieger befindet sich derzeit in einer bedrohlichen Negativspirale. Zumindest, was die Resultate angeht. Bei der Tournee hat sich Ammann noch nie für den Finaldurchgang der besten 30 qualifizieren können. Eine solche Schmach erlebte er seit 16 Jahren nicht.

Roger kehrt zurück – Simi stürzt ab

Die Stimmen, Ammann habe schlicht den Zeitpunkt seines Rücktritts verpasst, werden lauter und zahlreicher. Seit seinem fürchterlichen Sturz vor zwei Jahren in Bischofshofen, erreichte er sein bestes Niveau nie mehr. Die Umstellung der Landung und die Anpassung der Flugkurve trugen das ihre zur aktuellen sportlichen Misere bei.

Ausgerechnet in der Woche des Comebacks von Roger Federer, der sich ebenfalls bereits mehrmals Fragen nach seinem Rücktritt anhören musste, wird ein anderer «Grosser» des Schweizer Sports definitiv abgeschrieben.

Kaum jemand traut Simon Ammann zu, noch einmal auf einem Weltcuppodest zu stehen. Genau so wie Federer kein Grand-Slam-Turnier mehr gewinnen wird.

Wann soll ein grosser Sportler abtreten? Auf dem Höhepunkt so wie Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg? Dann hätte Ammann nach den Olympischen Spielen 2002 mit 21 Jahren aufhören müssen. Oder spätestens nach der Wiederholung dieses Triumphs 2010? Damit wäre er heute nicht Skiflug-Weltmeister und würde auf 34 Podestplätze weniger im Weltcup zurückblicken.

Oder wenn es nicht mehr läuft, so wie beim österreichischen Springer Thomas Morgenstern? Dieser hatte mit 27 Jahren die Nase voll. Für ihn war Fliegen nach mehreren Stürzen Albtraum und nicht mehr Traum.

Es gibt für Sportler nun mal kein Drehbuch zum perfekten Rücktritt. Sie allein müssen den richtigen Augenblick spüren. Und sie sollen sich sicher sein, denn zu viele Beispiele von Comebacks endeten im Fiasko – bei Tennislegende Björn Borg, beim Schwimmstar Ian Thorpe oder bei Veloprofi Lance Armstrong.

Die Einstellung eines wahren Champions

Dass Simon Ammann nichts von Rücktritt wissen will und sich mit aller Kraft gegen die Krise stemmt, obwohl er in unserer Wahrnehmung niemandem mehr etwas beweisen muss, spricht für ihn. Für seine Einstellung. Für seinen Hunger. Es ist letztlich Ausdruck eines Champions.

Ein Sieger hasst das Verlieren und will nicht in dieser Rolle von der Bühne abtreten. Denn er hat sich selber etwas zu beweisen. Egal, ob Simon Ammann noch einmal Erfolg haben wird oder nicht, er hat unseren Respekt verdient. Auch dafür, dass er es jeden Tag aufs Neue versucht.

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