Eishockey-WM
So gut ist die Schweizer Eishockey-Nati wirklich

Die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft bestreitet an der Weltmeisterschaft in der Slowakei sein erstes Gruppenspiel gegen Frankreich. Lesen Sie hier, wie stark die Mannschaft von Sean Simpson wirklich ist.

Vasilije Mustur
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Es begann mit einem Startfurioso und endete in einer schallenden Ohrfeige. Nach der bitteren Viertelfinalniederlage der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft an der Weltmeisterschaft 2010 gegen Erzrivale Deutschland, sinnen die Schweizer Eishockeyaner an der diesjährigen Endrunde in der Slowakei nach Wiedergutmachung. Die Zielsetzung ist für Nationaltrainer Sean Simpson denn auch klar: Die Schweiz will den fünften Rang aus dem Vorjahr toppen. Nun stellt sich die Frage: Ist diese Mannschaft gut genug, um in die Halbfinals vorzustossen?

Diaz und Sbisa: Die Anker in der Defensive

Die Grundvoraussetzung - eine stabile Defensive - bringt die Nationalmannschaft auch an diesem Turnier mit. Mehr noch: Die Schweizer Verteidigung wird in Bratislava zum Besten gehören, was das moderne Eishockey derzeit zu bieten hat. Massgeblichen Anteil an dieser Stabilität hat Rafael Diaz. Der Verteidiger des EV Zug befindet sich seit Monaten in beneidenswerter Form und sorgte mit seiner Torgefährlichkeit und Spielintelligenz dafür, dass die Innerschweizer bis in die Playoff-Halbfinals vorstossen konnten. Knüpft Diaz an der WM an diese Leistungen an, wird er nicht nur eine tragende Rolle innerhalb der Mannschaft einnehmen, sondern die Aufmerksamkeit der NHL-Scouts auf sich ziehen.

Das ist das Schweizer WM-Kader

Torhüter:

Genoni Leonardo (HC Davos), Manzato Daniel (Rapperswil-Jona Lakers), Stephan Tobias (Genève-Servette HC).

Verteidiger:

Bezina Goran (Genève-Servette HC), Diaz Rafael (EV Zug), Du Bois Félicien (Kloten Flyers), Furrer Philippe (SC Bern), Gerber Beat (SC Bern), Sbisa Luca (Anaheim/NHL), Seger Mathias (ZSC Lions), Vauclair Julien (HC Lugano), Yannick Weberr (Montreal/NHL).

Stürmer:

Ambühl Andres (ZSC Lions), Bieber Matthias (Kloten Flyers), Déruns Thomas (SC Bern), Gardner Ryan (SC Bern), Lemm Romano (Kloten Flyers), Lötscher Kevin (EHC Biel), Monnet Thibaut (ZSC Lions), Moser Simon (SCL Tigers), Plüss Martin (SC Bern), Rubin Daniel (Genève-Servette HC), Rüthemann Ivo (SC Bern), Sprunger Julien (HC Fribourg-Gottéron), Stancescu Victor (Kloten Flyers), Trachsler Morris (Genève-Servette HC).

Zudem wird Luca Sbisa als «defensives Gewissen» zur Mannschaft stossen. Diesen Baustein zum Erfolg wird Nationaltrainer Simpson auch benötigen. Der NHL-Söldner wird mit seiner physischen Präsenz und Einschüchterungspotential für die Stabilität sorgen, während Goran Bezina und Julien Vauclair ihre offensive Interpretation ihrer Rolle ausleben können. Ausserdem wird Yannick Weber buchstäblich in letzter Sekunde die Schweiz in der Defensive verstärken. Der NHL-Söldner befindet sich auf dem Weg von Montreal nach Kosice. Seine Auftrag: Das Offensivspiel der Eishockeyaner von der Defensive aus ankurbeln.

Keine NHL-Torhüter

Trotz diesem defensiven Grundgerüst bleiben vor dem Turnierstart einige Baustellen - allen voran die Torhüterfrage. In der Vergangenheit konnte die Nationalmannschaft stets auf die Dienste von NHL-Söldnern zählen. Das Resultat: Die Schweiz konnte dank Weltklasseleistungen von David Aebischer, Martin Gerber oder Jonas Hiller mit den Topnationen mithalten, ja sogar einen Exploit schaffen. Damit ist jetzt Schluss. Zum ersten Mal seit 2003 reisen die Schweizer ohne NHL-Torwart an eine Weltmeisterschaft. Vielmehr wird sich Trainer Simpson auf das Trio Stephan, Genoni und Manzato verlassen - und diese müssen zuerst den Beweis erbringen, über internationale Klasse zu verfügen.

Matthias Bieber
28 Bilder
Kevin Lötscher Kevin Lötscher
Julien Sprunger Julien Sprunger traf für die Fribourger zum 2:0
Andres Ambühl
Daniel Rubin
Beat Gerber
Felicien Du Bois
Julien Vauclair
Goran Bezina
Leonardo Genoni
Martin Plüss
Luca Sbisa
Daniel Manzato
Mathias Seger
Philippe Furrer (rechts)
Ryan Gardner
Rafael Diaz
Ivo Rüthemann
Romano Lemm
Simon Moser
Morris Trachsler
Tobias Stephan
Thibaut Monnet
Thomas Deruns
Victor Stancescu

Matthias Bieber

Keystone

Neben der Torhüterfrage wird Simpson mit dem seit Jahren vorhandenen Stürmerproblem beschäftigen müssen. Zwar sorgte das Trio Damien Brunner, Thibaut Monnet und Andres Ambühl letztes Jahr in der Vorrunde und in der Zwischenrunde für Offensivspektakel, doch kaum stand die Schweiz in den Viertelfinals den Deutschen gegenüber litt das Trio wieder an akuter Torimpotenz. Dieses Jahr sind von diesem Trio nur Ambühl und Monnet übrig geblieben. Damit nicht genug: Andres Ambühl spielt seit Monaten unter seinem spielerischen und technischen Potential. Damit steht Ambühl aber nicht allein. Auch Julien Sprunger ist derzeit nur ein Schatten seiner selbst. Überdies bereitet Simpson Kopdie Verletzung von Thomas Déruns Kopfzerbrechen. Der Stürmer wird das Startspiel gegen Frankreich verpassen - schlimmstenfalls droht gar das WM-Out. Umso wichtiger also, dass mit Yannick Weber ein gelernter Verteidiger mit Offensivdrang aus der NHL zur Schweizer Nationalmannschaft stossen wird.

System kann zur Belastung werden

Ein Hoffnungsschimmer ist jedoch Neuling Matthias Bieber. Das Nachwuchstalent erzielte in der vergangenen Saison 22 Tore und verdiente sich auf diese Weise das WM-Ticket. Das Problem: Die Tore in der Meisterschaft sind nicht zwingend ein Indiz dafür, dass Bieber auch international über die nötige Klasse verfügt. Damit ruhen die Hoffnungen auf Tore auf den Schultern von Ivo Rüthemann, Ryan Gardner und Martin Plüss. In der Vorbereitung harmonierten sie blendend und erzielten Treffer um Treffer.

Derweil könnte sich die drohende Torarmut im Verlaufe des Turniers noch verschärfen. Schuld daran wäre das neue System. Nach dem Rücktritt von Trainer Ralph Krueger implementierte der neue Coach eine offensivere Spielweise. So wartet die Mannschaft nicht mehr in der Mittelzone auf die Angriffe des Gegners, sondern attackiert die gegnerischen Verteidiger tief in dessen eigener Zone. Somit hat der Kontrahent keine Zeit, einen gepflegten Spielaufbau zu kreieren. Dieses kräftezehrende System funktionierte bis in die Zwischenrunde der letzten WM. Danach war der Tank bei den Spielern leer.

Das sind die Schweizer Vorrundengegner

Frankreich, Weissrussland, Kanada

Viertelfinals möglich

Nichtsdestotrotz ist das Erreichen des Minimalziels - die Viertelfinals - realistisch. Frankreich ist der Schweiz spielerisch unterlegen und auch die Weissrussen verfügen im Normalfall nicht über die Klasse, die Schweiz zu gefährden. Gewinnen die Schweizer Eishockeyaner die ersten beiden Partien, dann steht die Schweiz nicht nur in der Zwischenrunde, sondern stösst die Tür zu den Playoffs weit auf. Denn in der Zwischenrunde sollte bereits ein Sieg gegen Norwegen oder Österreich für die Viertelfinal-Qualifikation reichen.