Bundesliga
So billig wie HSV-Trainer Joe Zinnbauer machts kein anderer

Der neue Trainer des Hamburger SV, Joe Zinnbauer, braucht kein Geld und kassiert deshalb weiter das Gehalt eines Nachwuchstrainers. Die Leidenschaft beim HSV scheint nun zurückgekehrt. Innenverteidiger Djourou berichtet von Gänsehaut in der Kabine.

Kai Behrmann
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Joe Zinnbauer, neuer Chef von Valon Behrami und Johan Djourou.

Joe Zinnbauer, neuer Chef von Valon Behrami und Johan Djourou.

Keystone

Viel Zeit zum Schlafen hat Joe Zinnbauer dieser Tage nicht. Die Nächte sind kurz für den neuen Chef von Valon Behrami und Johan Djourou beim Hamburger SV. Nicht nur drei Partien innerhalb von acht Tagen fordern seine ganze Energie. Auch in Sachen Bundesliga habe er noch «Nachholbedarf», wie Zinnbauer vor knapp zwei Wochen nach seiner überraschenden Beförderung von den Amateuren der U23 zu den Profis verraten hatte.
Seine Kollegen sieht er einen Schritt voraus. Zinnbauer sagt: «Die anderen Trainer kennen die Bundesliga, ich kenne sie nicht.» Zumindest nicht aus eigener Erfahrung. Als Profi hat er nie im Oberhaus gespielt. Nach 16 Zweitligapartien im Dress des FSV Mainz 05 hatte ihn 1996 ein Knorpelschaden zum vorzeitigen Karriereende gezwungen. Und auch als Trainer hat Zinnbauer bislang nur bei unterklassigen Vereinen gearbeitet.

Keine Angst vor dem Schleudersitz
Doch jetzt ist der gebürtige Bayer mittendrin. Und er ist gekommen, um zu bleiben. «Ich bin heiss auf die Bundesliga und will das so lange wie möglich machen. Dafür werde ich alles tun», sagt der 44-Jährige. Angst vor dem Schleudersitz beim HSV kennt er nicht. Seit der Demission von Klaus Toppmöller (63) im Herbst 2004 waren in den zurückliegenden zehn Jahren insgesamt 13 Trainer beim Hamburger Traditionsklub tätig.
Einen Tag nach der Demission von Mirko Slomka bekam Zinnbauer um 13.30 Uhr eine SMS von Klubchef Dietmar Beiersdorfer. «Um 14.15 Uhr sass ich in seinem Büro», erzählt er. Lange überlegen musste Zinnbauer nicht. Zwar unkte er: «Vielleicht werde ich bestraft dafür, dass ich das jetzt übernehme.» Doch der Traum von einer Trainerkarriere auf höchstem Niveau ist so gross, dass Zinnbauer sogar auf die Anpassung seines Vertrages verzichtete und sich weiter mit 10'000 Euro pro Monat begnügt.

Diskothekenbesitzer und Finanzguru
Für Zinnbauer kein Problem. Er gilt als finanziell unabhängig. Schon während seiner aktiven Zeit baute er sich verschiedene Standbeine auf: «Ich habe einige Ideen aufgeschnappt. Einige waren gut, einige schlecht.» Zinnbauer besass Diskotheken, war als Spielervermittler tätig und betrieb ein Restaurant. Ausserdem ist er Inhaber einer Finanz-Dienstleistungs-Firma mit Millionenumsatz. Aus dem operativen Geschäft hat er sich allerdings seit 2005 zurückgezogen.
Der Ferrari aus den Zeiten als erfolgreicher Jungunternehmer hat ausgedient: «Das ist nun ein Oldtimer und steht seit neun Jahren in der Garage.» Durchstarten will Zinnbauer jetzt in der Bundesliga – mit Tempofussball. Von den Spielern fordert er Dominanz, Pressing, Leidenschaft. Damit soll er dem zuletzt chronisch lethargisch und erfolglos daherkommenden HSV neues Leben einhauchen.

Hohes Mass an Emotionalität
In der Vorsaison wurde der erste Abstieg der Klubgeschichte erst mit viel Glück in der Relegation gegen Zweitligist Greuther Fürth abgewendet – dank eines erzielten Auswärtstors. Aktuell wartet der HSV saisonübergreifend seit zehn Bundesliga-Spielen auf einen Sieg. Und noch nie herrschte nach fünf Spieltagen die totale Torflaute. Beiersdorfer machte klar, was man sich von dem Erfolgstrainer des Nachwuchses erhofft: «Er verfügt über ein hohes Mass an Emotionalität. Wir versprechen uns, dass er die Mannschaft damit greifen kann.»
Die neu formierte Regionalligatruppe des Bundesliga-Urgesteins hatte Zinnbauer in kürzester Zeit an die Tabellenspitze geführt. Doch nicht nur die nackten Zahlen sprechen für den ehemaligen Coach der «Zweiten» des Karlsruher SC. Auch die frische Spielweise beeindruckte die HSV-Führung. Dass Zinnbauer keine grosse Trainer-Vita vorweisen kann, sieht Beiersdorfer nicht als Nachteil. «Er erscheint uns zum jetzigen Zeitpunkt als passende Lösung», sagte er. Die Zusammenarbeit läuft «bis auf Weiteres». Heisst im Klartext: Zinnbauer arbeitet auf Bewährung. Im Hintergrund sondiert Beiersdorfer den Markt. Er sagt: «Ich kann nicht ausschliessen, dass ich mal das eine oder andere Gespräche führe. Doch erst einmal geniesst Joe unser Vertrauen.» Nun muss er Taten liefern.

Djourou bekam Gänsehaut
Zinnbauer brennt auf seine Chance, sich als Dauerlösung zu empfehlen – und seinem ehemaligen Mainzer Mitspieler Jürgen Klopp nachzueifern: «Kloppo hat mal gesagt: Wir zwei Blinden können nicht Fussball spielen, aber vielleicht packen wir es ja als Trainer.» Der Start war vielversprechend: ein Remis gegen Rekordmeister Bayern München und eine engagierte Leistung beim 0:1 gegen Spitzenklub Borussia Mönchengladbach. Am Sonntag im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt soll nun endlich der erste «Dreier» folgen.
Die Leidenschaft scheint zurückgekehrt zu sein beim HSV. Innenverteidiger Djourou berichtet von Gänsehaut in der Kabine: «So eine Ansprache habe ich selten erlebt. Er hat uns richtig heissgemacht.» Strohfeuer oder Flächenbrand? Die kommenden Wochen werden zeigen, wohin der Weg des HSV unter Zinnbauer tatsächlich führt.