Faszinierend
Snooker ist hochgradig ansteckend

Ein Tisch, 22 Kugeln, 17 Tage WM – und trotzdem schauen Millionen zu: Eine Erklärung der Faszination.

Martin Probst
Drucken
Teilen
Mit dem weissen Spielball wird abwechselnd eine roter und ein andersfarbiger Ball versenkt.

Mit dem weissen Spielball wird abwechselnd eine roter und ein andersfarbiger Ball versenkt.

KEYSTONE

Barry Hearn ärgerte sich. Nicht zum ersten Mal. Eine Schande sei es gewesen, wetterte der Vermarkter des Sports. Der Gemeinte, Ronnie O’Sullivan, passt so gar nicht in Hearns Liga der Gentleman. In einen Sport, der fair ist und vor allem elegant. Die Fliege am Kragen ist im Snooker Pflicht. Ebenso schicke Schuhe, lange Hosen, Hemd und Weste.

Und ausgerechnet O’Sullivan ist der Star der Szene. Der Nonkonformist, fünffacher Weltmeister, der gerne und oft provoziert. So auch im Februar. Auf bestem Weg, alle Bälle bestmöglich zu versenken, hielt der 40-Jährige an einem Turnier inne und erkundigte sich beim Schiedsrichter über die Prämie für das sogenannte Maximum Break. 10 000 Pfund.

Zu wenig, befand Ronnie O’Sullivan und begnügte sich mit 146 statt den maximal möglichen 147 Punkten. Danach sagte er: «Ein Maximum Break muss mehr wert sein.» Schliesslich verkaufe der Mercedes-Verkäufer sein bestes Produkt auch nicht für 3000 Pfund. Sein 14. Maximum Break musste warten.

Hearn schäumte. Der tüchtige Geschäftsmann hat mit dem Snooker-Sport das idealeGegenteil zum in England ebenso beliebten Darts in seinem Portfolio. Die Party der fliegenden Pfeile vermarktet Barry Hearn als riesiges Fest. Die WM um den Jahreswechsel ist ein Treffen von singenden Fans in Bierlaune und Spielern in zu grossen Hemden. An der momentan stattfindenden Snooker-WM sind die Zuschauer andächtig ruhig. Aber ihr Held ist trotzdem O’Sullivan. Der Mozart des Snooker, wie er liebevoll genannt wird. Er ist ebenso brillant am Tisch wie der Komponist einst mit Noten. Und ebenso «verrückt».

So besann sich Hearn auch bereits am nächsten Tag und stärkte dem Spieler den Rücken. Schliesslich ist Ronnie O’Sullivan sein bestes Produkt – und Garant für die immer weiter reichende Vermarktung des Sports.

Ein Spiel voller Dramen

Die Darts-WM erzielt mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum Traumquoten. Snooker ebenfalls. Eurosport, das den Präzisionssport seit vielen Jahren im Free-TV zeigt, erreicht mit der Übertragung der jährlichen WM deutlich mehr Zuschauer als im Sendeschnitt.

Rolf Kalb, als Kommentator die deutsche Stimme des Snookers, hat eine einfache Erklärung für die überraschend hohe Beliebtheit. «Die Faszination liegt darin, dass es im Idealfall zu einer Abfolge unendlich vieler kleiner Dramen kommen kann, die sich am Ende zu einem grandiosen Spannungsbogen vereinigen können. Der Snooker-Virus ist hochgradig ansteckend», sagte er dem «Tagblatt».

In der Tat sind es die Nuancen im Spiel, das eigentlich keine Fehler erlaubt, die den Zuschauer schon nach kurzer Zeit fesseln. Die Taktik, das Können, der Spielwitz. Und die Nähe zu den Spielern, jede Gefühlsregung zu sehen, ohne Helme oder andere Sportutensilien, die Emotionen verdecken. Und natürlich die von Kalb zitierten vielen Dramen. Unzählige Geschichten: Etwa vom Spieler, dem auf einer Reise sein Queue zerbricht und der in der Folge nie mehr sein Spiel findet. Wie eine Liebe, die zerbricht. Oder das Reglement, das besagt: «Sollte sich ein Spieler in irgendeiner Form nicht wie ein Gentleman verhalten, kann der Schiedsrichter die Partie dem Gegner zusprechen.» Dazu passt, dass Spieler ihre begangenen Fouls jeweils sofort selbst anzeigen.

Oder immer wieder O’Sullivan, der an der WM 2015 in Socken spielte, weil plötzlich der Schuh drückte. Und der natürlich auch bereits in diesem Jahr an der WM, die noch bis zum 2. Mai dauert, verwarnt wurde, weil er seinen Medien-Pflichten nicht nachkam.

Zu den Favoriten gehört der 40-Jährige natürlich auch 2016. Ab heute spielt er im Achtelfinal. An der WM ist das Maximum Break mit 20 000 Pfund prämiert. Vielleicht ist das Ronnie O’Sullivan genug. Vielleicht auch nicht. Der Weltmeister erhält mehr: 330 000 Pfund und einen Pokal von Barry Hearn.

Aktuelle Nachrichten