Tom Stauffer hat es geahnt, als er am Samstagabend einen Kaffee trinkt. «Die Jungs waren in den Trainings im Vergleich mit den Topfahrern vorne dabei. Das ist für sie eine neue Ausgangslage für das Rennen», sagt der Cheftrainer der Schweizer Männer. Mit den Jungs sind Daniel Yule und Luca Aerni gemeint. Beide 22, beide talentierte Slalomfahrer. Und plötzlich im erweiterten Favoritenkreis.

«Ich war tatsächlich angespannt und habe im ersten Durchgang die Lockerheit nie richtig gefunden», sagt Yule am Sonntag. Rang 15 bei Halbzeit. Das ist nicht das, was die Trainings zeigten. Die Hoffnung auf mehr war durchaus vorhanden. Noch schlimmer geht es Aerni. Er verpasst sogar knapp den Einzug in den zweiten Lauf. Dafür sind am Nachmittag zwei Schweizer dabei, die man weniger auf der Rechnung hatte: Ramon Zenhäusern und Reto Schmidiger, der mit Startnummer 57 (!) auf Rang 24 vorstösst.

Die Lockerheit kommt zurück

Zehnhäusern beendet das Rennen auf Rang 19. Noch besser fährt Schmidiger, der als 17. so gut ist wie seit fast vier Jahren nicht mehr. 2011 fährt der heute 23-Jährige in seinem achten Weltcuprennen in die Top Ten. «Ich war jung und ich war locker. Es ging bis dahin nur bergauf», erinnert sich Schmidiger. Ein Jahr lang geht es gut, mit Klassierungen in den Punkten. Doch dann geht nichts mehr. Nur noch zweimal fährt er in den letzten Jahren in die Top 30 und rutscht in den Startlisten immer weiter nach hinten.

Kommt jetzt der nächste Anlauf? «Es ist ein Anfang», sagt Schmidiger. Parallel zum Skisport hat er eine KV-Lehre begonnen und die Ausbildung zum Skilehrer abgeschlossen. Er gönnt sich nun auch mal Abstand zur Leistungskultur des Sports. Das hat ihm gutgetan. «Ich bin reifer geworden und habe gelernt, mit Rückschlägen umzugehen» sagt der Innerschweizer. Nun kommt die Lockerheit zurück.

Yule will mehr

Stetig aufwärts ging es bisher für Yule. Nachdem er im vergangenen Winter drei zehnte Plätze im Slalom erreichte, fährt er gestern im zweiten Durchgang so wie in den Trainings und verbessert sich auf Rang neun. Es ist nach dem siebten Rang 2014 in Kitzbühel sein zweitbestes Resultat im Weltcup. Und es verspricht mehr.

Bis ganz an die Spitze dauert es aber wohl noch. Sieger Henrik Kristoffersen nimmt Yule am Ende 2,79 Sekunden ab. Im ersten Durchgang schockt der erst 21-jährige Norweger damit sogar Marcel Hirscher. «Ich war baff», sagt der Österreicher, der 1,66 Sekunden verliert und bei Halbzeit nur auf Rang acht liegt. Das ist zu wenig für den 16-fachen Slalomsieger und viermaligen Gesamtweltcupgewinner. Für den zweiten Durchgang ändert Hirscher sein Set-up. «Nicht um Millimeter, gleich um Zentimeter», sagt er. Das Risiko zahlt sich aus. Entfesselt stösst der 26-Jährige noch vor Felix Neureuther auf den zweiten Schlussrang vor.

Henrik Kristoffersen ist nicht mehr einzuholen. Der sechsfache Juniorenweltmeister und Olympiabronzegewinner von 2014 hat nun bereits fünf Weltcupsiege auf seinem Konto: vier im Slalom und einen im Riesenslalom. Sein Geheimnis: Wie Hirscher wird er von seinem Vater im Weltcup mitbetreut. «Trainer kommen und gehen. Mein Vater bleibt mein Vater», sagt er.