Nach Ammans Horror-Sturz
«Skispringer leben grundsätzlich mit dem Risiko zu stürzen»

Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann begleitet Skispringer Simon Ammann seit 1999. Im Interview spricht er darüber, wie der Toggenburger seinen Sturz von Bischofshofen verarbeiten wird und was es dazu alles braucht.

Dean Fuss
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Hanspeter Gubelmann begleitet Simon Ammann seit 1999

Hanspeter Gubelmann begleitet Simon Ammann seit 1999

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Simon Ammann hat sich beim Sturz von Dienstag keine schwereren Verletzungen zugezogen. Wie geht er mit dem Sturz um?

Hanspeter Gubelmann: Bevor man das beurteilen kann, muss man genau wissen, was passiert ist. Schweregrad des Sturzes und auch das Erleben hangen sehr stark mit der Tragweite zusammen. Insbesondere von der körperlichen Versehrtheit. Deshalb muss man das abschliessende medizinische Bulletin abwarten.

Es hat also auch einen Einfluss auf die Verarbeitung, wie lange es dauert, bis er wieder auf die Schanze zurückkehren kann?

Genau. Verhindern die zugezogenen Verletzungen eine schnelle Rückkehr auf die Schanze, muss er sich auch damit auseinandersetzen, dass er nicht gleich wieder ins Training einsteigen kann. Das ist deshalb für die Verarbeitung massgeblich, weil es aus psychologischer Sicht von Vorteil ist, wenn der Athlet möglichst schnell wieder positive Erlebnisse auf der Schanze sammeln kann.

Simon Ammann muss nun gleich zwei ähnliche Stürze innert weniger Tage verkraften. Spielt das bei der Verarbeitung eine Rolle?

Die technische Seite muss man mit seinen Trainern anschauen. Weil Simon seit langer Zeit etwas Mühe mit der Landung hat, kursiert eine Hypothese: Es scheint sich bei ihm eine Unsicherheit bei der technisch sehr anspruchsvollen Landung aufgebaut zu haben. Vielleicht fühlt er sich dabei nicht mehr wohl, agiert vielleicht zuwenig entschlossen. Simon muss sich zusammen mit seinen Trainern damit auseinandersetzen. Das ist sicher anspruchsvoll, aber notwendig. Allenfalls müssen für die Zukunft auch technische Anpassungen vorgenommen werden.

Sie haben es gerade angesprochen. Wenn es bei Simon Ammann denn einen Schwachpunkt gibt, dann ist es wohl die Landung. Ist es möglich, dass er sich gerade deshalb beim Landen sehr stark unter Druck setzt?

Da berufe ich mich auf eine Aussage von Werner Schuster (seit 2008 Trainer der Deutschen Skispringer, Anm. d. Red.): Er hat in einem Interview gesagt, dass das Besondere am Sturz vom Dienstag war, dass sich Simon mit aller Kraft und bis zum Ende gegen den Sturz gewehrt hat. Er habe den Sprung unbedingt stehen wollen. Das sei im Vergleich zu anderen Stürzen eine Auffälligkeit und könnte auch erklären, weshalb der Sturz schliesslich so gravierend ausgefallen sei.

Was sagen Sie dazu?

Simon ist sicher ein Springer, der auch bereit ist, das Risiko einzugehen. Das muss man ihm auf jeden Fall zu Gute halten. Bei der Stigmatisierung, dass Simon ein schlechter Lander sei, muss man allerdings auch aufpassen. Er springt eben auch Weiten, bei denen die Landung wesentlich anspruchsvoller ist. Bei 120 Metern einen Telemark zu setzen ist nicht dasselbe wie bei 136 Metern. Wahrscheinlich ist ihm am Dienstag auch etwas seine Unverfrorenheit zum Verhängnis geworden. Das gilt es in der Verarbeitung des Sturzes sicher mit ihm zu diskutieren.

Gleichzeitig spricht diese Risikobereitschaft aber auch für Simon Ammans Fokus.

Genau. Simon hat sich ganz sicher in der Lage gefühlt, diesen Sprung zu meistern – eine Bombe rauszuhauen, wie er vor dem Sprung gesagt haben soll. Und wenn einer wie Simon so etwas sagt, dann ist er auch davon überzeugt.

Sie kennen Simon Amman seit vielen Jahren. Macht er nach diesem Sturz weiter?

Das ist völlig offen. Aber das war es auch vor einem Jahr nach Olympia in Sotschi. Simon lässt sich bei diesem Entscheid nicht von aussen beeinflussen. Entscheidend ist das Feuer, das er als Skispringer fühlt. Ob das auch nach diesem Sturz noch da ist wird sich zeigen müssen, das wird er zu gegebener Zeit entscheiden und kommunizieren. Eine gewisse Rolle wird auch spielen, dass er mittlerweile Familienvater ist. Das wird er auch in seine Überlegungen miteinbeziehen. Denn es ist schon so: Skispringer leben grundsätzlich mit dem Risiko zu stürzen.