Olympia-Kandidatur
Skisport-Ikone Killy glaubt an eine reelle Chance der Schweiz

Er war einer der grössten Skifahrer aller Zeiten, wenn nicht der grösste überhaupt. Und er ist – als Vorsitzender der Koordinationskommission – eines der wichtigsten IOC-Mitglieder, nach Präsident Jacques Rogge vielleicht das wichtigste, wenns um den Wintersport geht.

Richard Hegglin
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Jean-Claude Killy holte 1992 die Olympischen Spiele nach Albertville.Key

Jean-Claude Killy holte 1992 die Olympischen Spiele nach Albertville.Key

Jean-Claude Killy (69) gilt als kompetent, fair und sachlich-neutral. 1992 holte er als Promoter (und späterer OK-Vizepräsident) die Olympischen Spiele nach Albertville. Bei der Wahl des Olympia-Ortes 2018 zeigte er Annecy die kalte Schulter, weil er vom Konzept der Bewerbung nicht überzeugt war. Der dreifache Olympiasieger von 1968, dem der damalige IOC-Präsident Avery Brundage wegen Verstosses gegen den damals umstrittenen Amateur-Paragrafen die Medaillen wegnehmen wollte, wird heute noch in Frankreich als Nationalheld verehrt.

Killy ist der erste Skirennfahrer, der seine Erfolge mit damals erst in Amerika üblichen Vermarktungsmethoden vergoldete, und er war als erster Europäer Kunde der Management-Agentur IMG von Mark McCormack, bei der heute auch Roger Federer unter Vertrag steht. Er ist Wahlschweizer, lebt seit Jahrzehnten in Genf und hat Schweizer Wurzeln; seine Grossmütter stammten aus der Schweiz.

Jean-Claude Killy, in Graubünden wird am 3. März über die Schweizer Olympia-Kandidatur abgestimmt. Wir beurteilen Sie die Bewerbung von Davos und St. Moritz?

Jean-Claude Killy: Die Schweiz hätte eine reelle Chance, die Spiele zu bekommen. Sie bietet beste Voraussetzungen. Wenn der Entscheid am Wochenende positiv ausfällt, muss sie engagiert dahinterstehen, nicht halbherzig, sondern mit aller Konsequenz. Bei einer Kandidatur müssen alle am gleichen Strick ziehen. Das Bekenntnis, die Spiele wirklich zu wollen, ist wichtig.

Was sind die wichtigsten Fakten, um international bestehen zu können?

Die Balance zwischen Politik, den technischen und administrativen Verantwortlichen der Bewerbung sowie der Bevölkerung muss stimmen, das ist zwingend. Die Überzeugung muss spürbar sein und das «Produkt» klar und detailliert definiert, mit Austragungsorten, Transportwegen, Logistik, Unterkunft und so weiter.

Sie holten selber schon einmal Olympische Spiele in Ihre Heimat und waren bei Albertville ’92 Vize-Chef des Organisationskomitees. Der letzten französischen Kandidatur von Annecy für die Spiele 2018 liehen Sie aber nur laue Unterstützung.

Genau aus dem Grund, weil das fehlte, was ich vorher erwähnte und das ich als wichtigste Voraussetzungen für eine Kandidatur betrachte. Das war leider bei Annecy nicht im erwünschten Ausmass spürbar. Das «Produkt» war nicht präzis definiert. Wenn es die Schweizer für 2022 besser machen, wäre die Ausgangslage günstig.

In der Vergangenheit fanden Winterspiele immer in grossen Städten statt. Besteht wirklich eine Tendenz, in die Berge zurückzukehren, wie aus IOC-Kreisen Glauben gemacht wird?

Absolut. Von der Charakteristik her würde die Schweizer Kandidatur genau dem entsprechen. Es ist eine «sportliche Kandidatur». Dafür bieten St. Moritz und Davos beste Voraussetzungen, abgesehen vom bereits bestehenden grossen Angebot für die Beherbergung.

Sie sind ein einflussreiches IOC-Mitglied, Chef des Koordinationskomitees. Ist das nur Ihre persönliche Meinung? Oder denken innerhalb des IOC viele so?

Man will die Kosten reduzieren, den Gigantismus eindämmen, die Nachhaltigkeit fördern – die Schweizer Kandidatur deckte sich genau mit diesen Absichten. Sie fände breite Unterstützung.

Schon einmal gaben Sie ein klares Bekenntnis für eine Schweizer Kandidatur ab, für Sion 2006. Den Zuschlag bekam aber Turin.

Schon damals war das eine gute Schweizer Kandidatur. Aber sie hatte sich mit einem italienischen Bewerber auseinanderzusetzen, der in Sachen Lobbying einen Schritt voraus war. Die Italiener hatten ihre Kandidatur besser «verkauft», die internationalen Beziehungen besser ausgeschöpft.

Manchmal kommt der Eindruck auf, die Schweiz habe im Ausland keine Freunde mehr. Wie sehen Sie das als Wahlschweizer mit Aussensicht?

Das sehe ich anders, manchmal sind Schweizer gegenüber sich selbst sehr kritisch. Bei einer Kandidatur müssten gewisse Grundregeln eingehalten werden. Es bräuchte geschicktes Lobbying, permanent und überzeugend. Auf der ganzen Welt. Nicht nur in der Schweiz. Dann wären die Aussichten sehr gut.