Wenn sie im Starttor stehe, werde sie zur Tigerin, hat Petra Vlhova einmal gesagt. Ihre Krallen zeigt sie mittlerweile nicht mehr nur im Slalom, die eingleisig fahrende Spezialistin ist Vergangenheit. Sie hat in diesem Winter auch im Riesenslalom gewaltig Fahrt aufgenommen und im Weltcup in Semmering und in Maribor gewonnen. Der Titelgewinn, der erste im alpinen Rennsport für die Slowakei, kommt deshalb alles andere als überraschend.

Das eine tun und das andere nicht lassen. Petra Vlhova scheint den Spagat zwischen den Riesenslalom-Toren und den Slalom-Stangen bestens im Griff zu haben. Sie ist in der einen Disziplin erstarkt, ohne in der anderen nachzulassen. Das ist auch ein Verdienst ihres Trainers Livio Magoni. Der Italiener, früher in Diensten von Tina Maze, hat sie nicht nur skitechnisch weitergebracht. "Er hat mir zu einer anderen Mentalität verholfen. Mein Selbstbewusstsein ist heute ungleich ausgeprägter als früher."

Hirschers Methoden

In Kinderjahren war Janica Kostelic Petra Vlhovas grosses Vorbild. Zu den Rennen trat sie mit geflochtenen Zöpfen an, um ihrem Idol noch getreuer nacheifern zu können. Heutzutage orientieren sie und ihr Coach sich an den Trainingsmethoden von Marcel Hirscher. Die Intensität des Programms im konditionellen Bereich und eine Reihe von aussergewöhnlichen Koordinationsübungen haben sie dem Salzburger abgeschaut.

Magoni, dessen Schwester Paoletta 1984 Slalom-Olympiasiegerin und dessen Bruder Oscar Profifussballer bei Atalanta, Genoa, Bologna und Napoli war, hat aber auch eigene Ideen auf Lager, um seinen Schützling im Ausdauer-Bereich auf Trab zu halten. Im Mai, so hat er geplant, wollen sie gemeinsam in St. Pölten in Österreich im Triathlon über die halbe Ironman-Distanz an den Start gehen.

Wie Hirscher ist auch Petra Vlhova mit einer eigenen Equipe unterwegs. Der Alleingang war zu Beginn ein Wagnis, zumal die finanziellen Mittel nicht im Überfluss vorhanden waren. Vater Igor Vlha betreibt eine kleine Firma in der Metallbranche und ist entsprechend nicht auf Rosen gebettet, die Zuschüsse des nationalen Skiverbandes halten sich in einem äusserst bescheidenen Rahmen.

Die Finanzen dürften mittlerweile nicht mehr das grösste Problem für Petra Vlhova sein - nicht nur dank nachgebesserten Verträgen mit Sponsoren, sondern auch dank Mehreinnahmen beim Preisgeld. In den bisherigen Weltcup-Rennen des Winters haben sich auf Petra Vlhovas Konto bereits 353'000 Franken angesammelt. Der WM-Titel ist 48'000 wert, und für den zweiten Rang am letzten Freitag in der Kombination hinter Wendy Holdener sind ihr weitere 30'000 Franken überwiesen worden.

14 Hundertstel Vorsprung

Das Riesenslalom-Gold gewann Petra Vlhova mit 14 Hundertsteln Abstand auf Viktoria Rebensburg - auch deshalb, weil die nach dem ersten Lauf führende Bayerin im untersten Teil des zweiten Durchgangs einen Vorsprung von über einer halben Sekunde preisgab. Riesenslalom-Olympiasiegerin und Super-G-Weltmeisterin Mikaela Shiffrin wurde Dritte. Sie erhält am Samstag die Chance zur Revanche, wenn zum Abschluss dieser Weltmeisterschaften der Slalom im Programm steht. Doch die Amerikanerin ist gewarnt. Der auf Wolke sieben schwebenden Slowakin ist nochmals alles zuzutrauen. Ungeachtet dessen, dass es die Slalom-Spezialistin Petra Vlhova mittlerweile nicht mehr gibt.