Im extrem spannenden Duell um Gold mit Petra Vlhova funktionierte Wendy Holdeners innere Uhr perfekt. Nur drei Zehntel betrug ihr Polster gegenüber der Slowakin nach halbem Pensum und der verkürzten Kombinations-Abfahrt. Holdener, die sich in den drei Trainings in die klare Favoritenrolle gebracht hatte, verlor als Fünfte zwar nur 0,42 Sekunden auf die Abfahrts-Spezialistin Ramona Siebenhofer. "Ich wusste, dass ich in der Abfahrt gut drauf bin und nur noch liefern muss", sagte Holdener.

Doch die auf den langen Ski noch wenig Erfahrung aufweisende Vlhova war am Morgen über sich hinausgewachsen. Sie hätte sich auf ihre Konkurrentin mehr Vorsprung gewünscht, gab danach die ehrgeizige Titelverteidigerin von St. Moritz zu. Kam dazu, dass ihre eigene Fahrt eben nicht ganz ideal gewesen sei. "Aber so war mir klar, dass ich wieder Vollgas geben muss. Das war vielleicht sogar einfacher, als wenn ich einen grösseren Vorsprung gehabt hätte."

Nervenstark, aggressiv und präzis

Schliesslich im Slalom, der für beide Fahrerinnen stärksten Disziplin, spitzte sich die Situation mit jeder Zwischenzeit zu. 13 Fahrsekunden vor der Ziellinie lagen Holdener und Vlhova exakt gleichauf. Doch die Schweizerin, die nun an Grossanlässen schon sechs Medaillen gewonnen hat, blieb nervenstark. Sie fuhr auch den letzten Streckenteil so aggressiv wie präzis.

Und wie 2017 im Engadin, als gegenüber der in Are verletzt fehlenden Kombinations-Olympiasiegerin Michelle Gisin fünf Hundertstel den Ausschlag gegeben hatten, behielt sie das bessere Ende für sich - Vlhova musste den Leader-Thron räumen. Dieses Mal betrug die Marge vor den Augen ihrer nach Schweden gereisten Eltern Daniela und Martin, des Bruders Kevin sowie der gut 30 weiteren Personen aus dem Umfeld und dem Fanklub gar nur noch drei Hundertstel.

Die Fans von Wendy Holdener sind aus dem Häuschen

Die Fans von Wendy Holdener sind aus dem Häuschen.

Holdener wie einst "Vreni National"

Sie habe den Druck schon am Donnerstag, aber dann auch zwischen den zwei Läufen, durchaus wahrgenommen, erzählte Holdener. Doch es gelang der 25-Jährigen, den Fokus zu behalten und den mit ihrem langjährigen und engsten Trainer Werner Zurbuchen aufgestellten Plan für den Renntag umzusetzen. "Nun bin ich einfach nur froh, dass alles aufgegangen ist."

Holdener ist die erste Schweizer Athletin seit Vreni Schneider, die einen Titel erfolgreich verteidigen konnte. Die Glarnerin hatte sich 1989 in Vail im Riesenslalom wie schon zuvor in Crans-Montana durchsetzen können.

Noch eine WM-Kombi-Goldmedaille für das "Wendy-Stübli"

Noch eine WM-Kombi-Goldmedaille für das "Wendy-Stübli": Holdener meldet sich nach ihrem Sieg zu Wort.

Weniger gross als im Schweizer Lager war zunächst die Freude bei Petra Vlhova: "Es war so knapp mit Wendy, deshalb bin ich auch etwas traurig. Doch ich habe einige Fehler gemacht." Die 23-Jährige sagt dann aber auch, dass sie schon auch zufrieden sei. "Schliesslich ist es meine erste Einzelmedaille." Vor zwei Jahren in St. Moritz hatte die Slowakei mit Silber im Team-Wettkampf die erste Top-3-Platzierung überhaupt an Weltmeisterschaften erreicht.

Die letzte Kombi-Weltmeisterin?

Holdener bescherte der Schweiz bei den Frauen nach dem neunten auch das zehnte - und möglicherweise letzte - Kombinations-Gold. Die Disziplin ist seit mehreren Jahren von der Abschaffung bedroht. Das nächste Mal am kommenden Mittwoch, wenn sich in Are die FIS-Vorstandsmitglieder treffen und einmal mehr über die Zukunft der Kombination diskutieren. Es gibt nicht wenige Kräfte, welche die alpine Vielseitigkeit durch einen Parallel-Wettbewerb ersetzen möchten.

Diesen Kräften lieferte Swiss-Ski trotz Holdeners Triumph zusätzlich Wasser auf die Mühlen. Zwar schöpfte man das Fünfer-Kontingent aus, doch zur Halbzeit zogen sich vier Schweizerinnen zurück. Für Lara Gut-Behrami, Jasmine Flury, Joana Hählen und Corinne Suter war es einzig um eine zusätzliche Trainings-Gelegenheit hinsichtlich der WM-Abfahrt am Sonntag gegangen.