Ziemlich genau ein Jahr ist es her, als der Franzose David Poisson Mitte November im kanadischen Skigebiet Nakiska bei einer Trainingsfahrt tödlich verunglückte. Die Schweizer trainierten auch dort, als der Unfall passierte. «Das ist ein Horrorszenario, das wir nie wieder erleben wollen», sagte etwa Abfahrer Marc Gisin. In die Trauer mischte sich Unsicherheit. Die FIS entschärfte daraufhin die Weltcup-Rennen von Lake Louise.

Auch der November 2018 wird getrübt von einem Todesfall. Anfang Monat verstarb Nachwuchstalent Gian Luca Barandun. Nicht auf der Piste, sondern in der Freizeit, nach einem Absturz mit dem Gleitschirm. 24-jährig wurde der Bündner. Viele Lebensjahre gingen verloren, es macht die Betroffenheit noch grösser. Vor zwei Wochen hielt das Schweizer Ski-Team mit Athleten und Betreuern eine Gedenkfeier ab, auch die Familie Barandun war anwesend. Danach reiste die Mannschaft nach Nordamerika, wo an diesem Wochenende Abfahrt und Super-G in Lake Louise stattfinden.

Was «Bari» sagen würde

Man sei wieder im Tagesgeschäft angekommen, sagt der Schweizer Cheftrainer Tom Stauffer gegenüber dieser Zeitung. «Die Verarbeitung des Todesfalles ist aber von Athlet zu Athlet sehr individuell.» Ein Fahrer, der Barandun sehr nahe stand, ist Gilles Roulin. Die beiden haben denselben Jahrgang, gingen in den gleichen Skiklub, sie trieben gemeinsam die Karriere voran. Roulin brachte seine Trauer auf Instagram zum Ausdruck und veröffentlichte einen Abschiedsbrief. «Wie du weisst, hatte ich immer viel Freude beim Skifahren. Was du leider nie erfahren wirst – mit dir war die Freude jedes Mal noch zehnmal grösser.»

Der Alltag kehrt ein. Die nächste durchgetaktete Saison rollt los. Nach dem Abschied von Barandun wechselte das Team den Kontinent, Trainings in Kanada standen auf dem Programm. Roulin führte im «Tages-Anzeiger» nochmals seine Gedanken aus, ehe er beschloss, sich nicht mehr zum Todesfall zu äussern. «Ich dachte oft: Ich weiss genau, was ‹Bari› in diesem Moment sagen würde, welcher Spruch jetzt kommen würde. Es gibt so viele schöne Erinnerungen. Es ist unglaublich traurig, dass es nie mehr so sein wird.»

Hilfe von Mentaltrainern und Psychologen

Einen Todesfall eines Kameraden verarbeiten und gleichzeitig Höchstleistungen abrufen: Wer bei diesem Spagat professionelle Hilfe möchte, kriegt vom Skiverband Mentaltrainer und Psychologen zur Verfügung gestellt. Sport- und Notfallpsychologin Romana Feldmann sagt, grundsätzlich seien wir alle sehr gut ausgerüstet, solche Ausnahmesituationen durchzustehen, ohne dass es zu einer Traumatisierung kommt. «Ein Todesfall ist kein normales Ereignis. Die Stressreaktionen darauf, wie Wut oder Trauer, sind jedoch normal. Es ist wichtig, diesen Emotionen Raum zu lassen und nicht sofort wieder funktionieren zu müssen.»

Spitzensport scheint auf den ersten Blick aber ein denkbar schlechtes Milieu zu sein, um Trauer in einem selbst auferlegten Rhythmus zu verarbeiten. Der unverrückbare Rennkalender gibt den Takt vor, der Athlet muss die Kräfte bündeln. Das habe aber auch Vorteile, sagt Romana Feldmann. «Struktur ist für Athleten und Betreuer enorm wichtig, weil diese unmittelbar nach dem Ereignis verloren gehen kann. Man soll die tägliche Routine wieder aufnehmen. Raum lassen heisst, auch einmal ein Training auslassen oder abändern zu dürfen.»

Einmaleins des Spitzenathleten

Was den Skifahrern bei der Verarbeitung des Unglücks behilflich sein kann, ist die Gewohnheit, sich immer nach konkreten Zielsetzungen auszurichten, sagt Feldmann. Einen Fokus zu setzen und alles, was dem Ziel schädlich sein kann, für eine gewisse Zeit auszublenden – es ist das Einmaleins eines Spitzenathleten.

Ob es möglich ist, trotz diesen Vorzeichen Topleistungen abzurufen, ist dennoch schwer zu beantworten. Die Psychologin traut es den Athleten zu, sagt aber auch: «Das ist von Situation zu Situation verschieden.» Tom Stauffer ist sich sicher: «Ja, es ist möglich.» Die Rennen von Lake Louise werden es zeigen. Barandun wird irgendwo in den Köpfen mitfahren.