Ski alpin

Wenn nur das Beste gut genug ist: Gut-Behrami und die Last der Erwartungen

Von Lara Gut-Behrami wird in Åre viel erwartet – neu ist das für sie nicht.

Lara Gut-Behrami fährt an der WM in Schweden mit der Last der erfolgreichen Vergangenheit.

Es gab Jahre, da musste Lara Gut-Behrami fast alleine die Last der Skination Schweiz tragen. Zumindest fühlte es sich für sie so an. 2013 zum Beispiel: An der WM in Schladming holte nur sie eine Medaille für Swiss Ski. Oder 2009 und 2015: Da war sie jeweils die Einzige aus dem Frauenteam, die ein WM-Podest erreichte. Und sogar in St. Moritz vor zwei Jahren, kurz vor ihrem Kreuzbandriss, holte sie WM-Bronze im Super-G. Nur erwarteten fast alle Gold, das ihr trotz fünf WM-Medaillen noch fehlt. Dass sie sich kurz zuvor verletzte und mit einem heftigen Bluterguss am rechten Oberschenkel und starken Schmerzen starten musste, wurde ausgeblendet oder bewusst ignoriert.

Die Verletzung, der Knieschaden im Aufwärmtraining für den WM-Kombislalom, war dann so etwas wie der Stopp per Notbremse. Ein Weg raus aus dem endlosen Kreis der riesigen Erwartungen. Für kurze Zeit fühlte sie sich frei. Erstmals, seit sie so rasant im Weltcup auftauchte.

Dazwischen lagen schon neun Jahre. Meist erfolgreich, aber doch irgendwie nie gut genug für viele Beobachter. Schliesslich war sie doch das Wunderkind, das trotz Sturz kurz vor dem Ziel bereits mit 16 Jahren erstmals auf dem Weltcuppodest stand. Ein Jahrhunderttalent.

Nicht genug

Dabei hat Gut-Behrami 24 Weltcuprennen gewonnen. Nur vier Schweizerinnen sind besser: Vreni Schneider (55 Siege), Erika Hess (31), Michela Figini (26) und Maria Walliser (25). Und wie dieses Quartett hat auch die 27-Jährige bereits den Gesamtweltcup gewonnen.

Nur ist das alles nicht genug. «Man vergisst schnell, dass ich seit zehn Jahren an der Spitze mitfahre. Ich habe jede Saison in den Top 15 abgeschlossen. Ich bin immer aufs Podest gefahren, ausser in einer Saison», sagt sie selbst. Das war 2012.

Hört sie jetzt auf?

Auch deshalb tut ihr das private Glück gut. Seit sie ihren Ehemann Valon Behrami kennen und lieben gelernt hat, weiss sie, dass es auch anderes gibt. Einen Ort, wo sie nicht an den Erfolgen, oder eben an den vermeintlich ausbleibenden Erfolgen, gemessen wird. Das tut ihr gut. Wird aber postwendend auch gegen sie verwendet. Weil die bisherige Saison trotz zwei Podestplätzen im Super-G durchzogen verlaufen ist, heisst es: Sie sei nicht mehr bei der Sache. Sie sagt: «Geniesst man das Privatleben, fragen sich die Leute, ob man jetzt aufhöre.»

Und weg war die kurze Freiheit. «Ich habe das Gefühl, ich muss allen beweisen, dass ich noch Ski fahren kann. Und wenn ich das bewiesen habe, wenn ich ein Rennen gewonnen habe, muss ich allen zeigen, dass ich wieder den Gesamtweltcup gewinnen kann.» Die Erwartung eilt der Gegenwart voraus. Und ist irgendwie auch normal und sogar Lob: Nur von den Besten wird Bestes erwartet.

Die Schnauze voll

Und eines, so ehrlich muss man sein, ist trotz der erhöhten Erwartungen nicht von der Hand zu weisen: In der Abfahrt, wo sich die Athletinnen durch Trainings langsam an die Strecke gewöhnen können, sind in dieser Saison zahlreiche Frauen schneller als sie. Also dann, wenn der Kopf ebenfalls fährt und den Instinkt in den Hintergrund drückt. Im Super-G hingegen, wo es nur eine kurze Besichtigung gibt, helfen Talent und das Gespür, automatisch das Richtige zu tun. Sie selbst sagt: «Es geht fast wie von selbst.»

Darum ist der Tessinerin im WM-Super-G am Dienstag auch zuzutrauen, dass sie erneut eine Medaille gewinnt. Dann würden auch die Kritiker verstummen. Wenn auch nur kurz. Das weiss kaum jemand besser als sie. «Vielleicht kommt irgendwann der Moment, wo ich die Schnauze voll habe und etwas anderes im Leben machen will», sagt die 27-Jährige. «Aber so weit bin ich noch nicht.»

Darum will sie auch in der Abfahrt und im Riesenslalom alles dafür tun, den Anschluss an die Weltbesten noch einmal zu schaffen. «Wenn ich am Start stehe, dann weil ich es will. Ich arbeite täglich hart. Und ich tue es für mich und niemanden sonst.» Es sind angriffige Töne von einer, die weiss, dass bei ihr sowieso nur das Beste gut genug ist.

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