Grosses Interview

«Was, Mami, so bist du damals gefahren?» – Vreni Schneider über Freuden und Ängste

Einen Monat vor den Olympischen Spielen blickt Ski-Legende Vreni Schneider auf ihre Erfolge zurück – und erinnert sich an ihr erstes Mal auf den Ski.

Es ist Mittwochmorgen, der Tag des heftigen Sturms «Burglind», als uns Vreni Schneider in ihrem Skischulbüro in Elm zum Gespräch empfängt. Das Wetter ist Gesprächsthema Nummer eins an diesem Tag. Schneider strahlt vor Glück, als eine deutsche Touristin gleichwohl eine Privatlektion für den Nachmittag bucht. Noch ist es trocken. «Diese Kraft der Natur ist so faszinierend wie gefährlich», sagt die dreifache Olympiasiegerin. Auch ihre zwei Söhne haben die Skis schon früh beiseitegelegt. Und gerade als die Fotografin kurz nach 11.30 Uhr das letzte Bild geschossen hat, beginnt es wild zu stürmen.

Vreni Schneider, es dauert noch gut einen Monat, bis die Olympischen Spiele beginnen. Wie sieht es mit Ihrer Vorfreude aus?

Vreni Schneider: Die ist jetzt schon da! Olympia – das ist einfach etwas Spezielles. Jeder und jede träumt von diesen Ringen. Und ist angespannt. Ich sehe manchmal wieder den inneren Film laufen, wie ich in Calgary am Morgen leise aus dem Zimmer schlich, um joggen zu gehen. Als ich zurückkam, sagten mir die Betreuer, ich solle nicht in den Wald, da habe es Bären. Ich antwortete nur: «Ich komme schon zurecht mit den Bären.» Und natürlich fiebere ich jetzt mit dem Schweizer Team mit. Ich denke, es ist eine starke Gruppe am Start. Es liegt einiges drin.

Wie muss man sich Vreni Schneider während der Olympischen Spiele vorstellen? Verfolgen Sie die Skirennen auch mitten in der Nacht?

Ja klar, ich stehe auf! Das wird dann wohl eine harte Zeit für mein Umfeld in der Skischule (lacht). Egal, ich gehe dann zwischendurch mal um 18 Uhr ins Bett. Es sind ja nur zwei Wochen.

Mit Olympischen Spielen verbindet man heute vor allem auch Gigantismus, Korruption und Betrug. Hat Olympia seine Seele verloren?

(nachdenklich) Schon ein wenig. Aber ich bin sicher, das vergisst man sofort, wenn die Spiele beginnen. Viele Athletinnen und Athleten bereiten sich vier Jahre lang auf diesen Tag X vor. Da darf man sich nicht ablenken lassen.

Aber wenn eine Nation wie Russland staatlich orchestriert betrügt, dann ist das doch ein Angriff auf die Integrität des Sports. Darf das zur Nebensache werden?

Es ist sicher wichtig, dass die Russen bestraft wurden. Aber was ich noch viel wichtiger finde, ist, dass jene, die nichts damit zu tun hatten, starten dürfen.

Soll sich die Schweiz für Olympia 2026 bewerben?

Ja, das wäre fantastisch. Wir Schweizer können doch Olympische Spiele organisieren. Wir sind doch Perfektionisten – das kriegen wir hin!

Fragt sich, für welchen Preis.

Ja, das liebe Geld. Aber andere Länder können das auch. Und wir, die reiche Schweiz, sollen das nicht schaffen?

Wie erleben Sie die Debatte über Olympia in der Schweiz?

Nur am Rande. Ich werde kaum darauf angesprochen. Und wenn, dann rede ich am ehesten mit Rennsportbegeisterten über Olympia. Ich denke einfach, dass die ganze Schweiz davon profitieren würde. Der Sport an erster Stelle. Ich spüre, wie die Heim-WM in St. Moritz einige Begeisterung entfacht hat für den Skisport. Und ich weiss nicht, wie viel Geld es wirklich kosten würde – viele Anlagen stehen ja schon.

Wenn Sie heute eine WM wie in St. Moritz verfolgen, was geht in Ihnen vor?

Ich fiebere mit den Athleten mit. Ich bewundere sie! Und ärgere mich über die Fahnen, die im Zielraum verteilt werden und die Sicht versperren. Die Stimmung ist ja gigantisch, aber wer etwas sehen will, muss an den Streckenrand.

Spüren Sie bei Schweizer Erfolgen auch wieder eigene Emotionen?

Ich fühle mich in unsere Stars von heute hinein. Weil ich weiss, was hinter den Erfolgen steckt. Was für Druck sie am Start hatten. Solche Dinge kommen mir in den Sinn.

Sie sind dreifache Olympiasiegerin, 1988 in Calgary gewannen Sie zweimal Gold, 1994 in Lillehammer einen ganzen Medaillensatz. Welches war der schönste Sieg?

Jener in Lillehammer. Klar, der erste ist einmalig. Da stehst du auf dem Podest und hast das Gefühl, du fliegst davon. Aber der letzte! Die Jungen rücken nach. Man kann es noch einmal allen zeigen. Ich hatte schon Bronze und Silber gewonnen vor dem Slalom und wusste: Eigentlich zählt nur der Sieg. Dass ich es hingekriegt habe, das war ziemlich emotional. Auch weil ich kurz vor den Olympischen Spielen die Nachricht erhielt, eine Nichte bekommen zu haben. Die Beziehung zu Anja Verena ist heute noch sehr speziell.

Sie selber haben zwei Söhne, Florian und Flavio, bald 14 und 12 Jahre alt. Erkennen Sie in ihnen die nächsten Olympiasieger?

Nein, eher nicht (lacht). Florian ist im Nachwuchskader, er fährt technisch stark, ein optischer Traum – er will unbedingt. Aber ich weiss nicht, ob er genug abgehärtet ist für dieses Business, andere fahren brutaler. Flavio ist ganz anders, er ist ein Kamikaze. Er will immer aufs Podest – aber nie trainieren. Er schaufelt lieber Schnee oder hilft auf dem Bauernhof mit Handwerksarbeiten. Aber das ist auch gut. Ich bremse manchmal auch selbst. Es wäre mein Wunsch, dass meine Kinder auch mit 16 Jahren noch gerne Ski fahren.

Haben Sie Angst, dass es ihnen verleidet?

Das ist schon eine Gefahr. Vielleicht wird es eines Tages plötzlich zu viel. Und das wäre schade.

Haben Sie Ihren Kindern die Gold-Läufe von Olympia mal gezeigt?

Ab und zu kommen Ausschnitte am TV. Dann fragen sie: «Was, Mami, so bist du gefahren?!» Und denken dabei, wie komisch das aussieht. Ist ja klar, eine Ewigkeit ist vergangen seither, heute müssen sie ganz anders fahren.

Haben Sie manchmal Angst um Ihre Kinder?

Ständig. Ich bin ängstlich. Darum bin ich nie Abfahrerin geworden. Verstärkt noch, seit ich Mutter geworden bin, ich denke, das ist normal. Wenn meine Söhne neben den Pisten fahren wollen, müssen sie mir immer genau erklären, wo. Wobei ich selbst nie abseits der Pisten gefahren bin. Ausser einmal für einen Werbespot in Kanada. Wobei dieses Erlebnis ziemlich prägend war. Am Morgen haben wir mit einer Gruppe gefrühstückt, danach ist jene Gruppe in eine Lawine gekommen. Alle waren tot.

Apropos Risiko: Die Amerikanerin Lindsey Vonn würde sich gerne mit Männern messen. Was halten Sie davon?

Das ist ein Blödsinn! Maximal ein Werbegag. Sie war zwar jahrelang überlegen in den Abfahrten – aber warum soll sie nun gegen Männer fahren? In Lake Louise, wo alles geradeaus geht, hat sie vielleicht eine Chance, in die Top 30 zu kommen, aber sonst? Männer haben ihre eigenen Abfahrten, und das ist auch gut so. Das würde den Damen-Weltcup nur abwerten. Es kommt ja schliesslich auch kein Mann auf die Idee, zu sagen: «Eigentlich sollte es den Damen-Weltcup gar nicht geben, dann haben wir alle Sponsoren für uns.» Zu meiner Zeit gab es noch Männer, die so etwas zum Spass sagten.

Würden Sie gerne mit Lara Gut tauschen?

Ich war eher der Mannschaftstyp, ich spielte gerne auch mal Volleyball, alleine geht das nicht. Aber so ein Familienteam, wo alles für einen gemacht wird, das ist schon toll! Auch wenn ich sehe, dass Mikaela Shiffrin kurz in den Norden geflogen wird, um einige Schwünge zu trainieren – solche Privilegien zahlen sich aus. Und klar: Das braucht es in der heutigen Zeit, und das hätte ich mir vielleicht auch gewünscht.

Und wenn es um die Verpflichtungen im Alltag geht, die Lara Gut bewältigen muss?

Das ist doch schön und zeigt, dass sie Erfolg hat und beliebt ist. Dafür wird sie ja auch umfassend betreut, und es wird alles für sie gemacht. Ich denke, sie kann das gut verkraften. Es ist immer ein Geben und Nehmen.

Man muss sich das «Star-Sein» auch verdienen.

Genau. Und es gab auch früher schon strenge Zeiten. Wenn man beispielsweise nach einem gewonnenen Rennen am liebsten ins Hotel oder ins Restaurant gegangen wäre, weil man am Morgen nichts runterbrachte vor Nervosität und vielleicht auch noch gerne trainieren gegangen wäre. Aber da sagte ich mir jeweils einfach: «Schneiderlein, jetzt teilst du eben die Gefühle mit den Journalisten, sie machen auch nur ihren Job.» Die Medien haben das geschätzt und mich entsprechend auch nie zerrissen – zumindest, bis ich mit Singen angefangen habe (lacht).

Was muss passieren, dass 2018 für Sie ein gutes Jahr wird?

Ich sage nur: Gesundheit! Für meine Buben, meine Familie und meine Verwandten, meine Liebsten, mein Skischul-Team – alles andere haben wir ja. Und wenn wir gesund sind, sind auch sonstige Schwierigkeiten zu meistern. Im letzten Frühling mussten meine Gelenke etwas für den Winter büssen. Aber ich weiss ja, woher das kommt. Es gibt Schlimmeres, Leute, die Chemotherapie machen müssen.

Ihr Körper zollt der langen Karriere als Skifahrerin Tribut.

Ja, ich werde künstliche Knie-Gelenke brauchen, aber damit warten wir noch ein wenig. Die Schultern schmerzten letztes Jahr und manchmal konnte ich meine Finger nicht mehr so gut bewegen. Aber es ist alles wegen der Abnützung, nicht nervlich. Und eben: Auch wenn ich mich manchmal ein bisschen alt fühle, bin ich rundum glücklich.

Leiden Sie nach jeder Skisaison?

Meistens schon. Im Februar und März sind wir halt häufig im Kinderland am Unterrichten. Da kann ich nicht meine Leute krampfen lassen und selbst zuschauen. Die Arbeit mit Kindern ist das Härteste – aber auch das Schönste.

Weil Sie Kinder dabei begleiten können, Ihre eigene Passion, das Skifahren, zu erleben?

Genau. Natürlich ist das manchmal harzig, die Kinder haben Heimweh, kalt oder die Skischuhe tun weh. Aber mit Geduld kriegt man viel zurück. Strahlende Eltern am Pistenrand. Und nach der ersten Woche fahren die Kleinen dann schon das Skirennen.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Mal auf den Ski?

Natürlich! Neben unserem Haus war das. Und vor allem weiss ich noch, wie mein Vater sagte: «Ach, aus ihr wird nie eine gute Skifahrerin!» (lacht). Ich bin wohl einfach ein paar Mal zu viel umgefallen und habe immer geweint. Meine Eltern hatten wohl das Gefühl, ich könne das ja automatisch so gut wie meine drei älteren Geschwister. Aber dann ist ja doch noch alles ganz gut rausgekommen. Nach meinen ersten Rennen hat sich die Meinung bereits verändert, einige Experten sagten: «Oha, das Meitli hat aber etwas ganz Besonderes in den Füssen und Knien!»

Wie gross war der Einfluss Ihrer Geschwister?

Ziemlich gross. Vor allem jener von Heiri, er ist fünf Jahre älter und hat mich oft mitgenommen an freien Nachmittagen. Und dann gesagt: «Schau, du musst schieben wie Ingemar Stenmark!» Und dann haben wir Stunden verbracht vor dem TV bei allen Skirennen.

War Stenmark Ihr erstes Idol?

Nicht nur er. Da gab es unendlich viele! Ob Frauen oder Männer, ganz egal. Auch sämtliche Schweizerinnen und Schweizer natürlich. Ich wollte einfach einmal aufs Poster der Nationalmannschaft kommen. Ganz egal, ob im Nationalkader oder ein bisschen weiter hinten. Am meisten geprägt hat mich aber wohl Erika Hess. Sie hat so viel für mich gemacht, auch dann noch, als ich plötzlich auch anfing, Rennen zu gewinnen. Aber bei allen Erfolgen: Meine Niederlagen möchte ich nicht missen.

Wieso?

Da merkt man sehr plötzlich sehr gut, wer für einen da ist. Und das sind nicht mehr viele. Trainer, Serviceleute, Familie, ein paar Freunde. Gewinnst du aber wieder Rennen, sagen alle: «Ich habe es ja gewusst! Du bist die Beste!»

Davon kann Roger Federer ein Lied singen.

In der Tat. Wie viele legten ihm schon den Rücktritt nahe? Und jetzt haben es alle wieder gewusst. Es ist wohl nicht mal böse gemeint. Und trotzdem hat mir dieses Gefühl des «Abgeschriebenwerdens» jeweils sehr wehgetan.

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