Wendy Holdener könnte Lara Gut bald ablösen. Nicht in der Liste der Erfolge, dort ist die Tessinerin vorne. Doch Holdener könnte am Sonntag zur Sportlerin des Jahres gewählt werden und damit zur Nachfolgerin ihrer Teamkollegin. Es wäre eine logische Wahl, so unterschiedlich die beiden jungen Frauen auch sind.

Die Herzen der Fans erobern beide. Sie sind Aushängeschilder des Schweizer Skisports. Sie haben Erfolge gefeiert, versprechen weitere und sind Leaderinnen im Team. Es gibt zahlreiche Parallelen, aber ebenso viele Gegensätze.

Wendy Holdener erscheint in kurzen Hosen zum Gespräch mit den Medien am Vortag der Rennen in St. Moritz. Zuerst sitzt sie im Hotel Reine Victoria an den Tisch mit den Westschweizer Journalisten, dann folgen ein kurzes Videointerview und ein Fotoshooting, ehe sie zu den Deutschschweizern kommt und «Hallo» sagt.

Das tut auch Lara Gut eine halbe Stunde später. Sie trägt schwarze Jeans und eine weisse Bluse. Im Hotel wurde extra ein grosser Saal reserviert und eine Bühne mit Leinwand aufgebaut. Lara Gut hält gerne Distanz, spricht mit Mikrofon. Persönlichere Kontakte meidet sie, so gut es geht, oder lässt sie vermeiden. Eine persönliche Pressebetreuerin ist immer an ihrer Seite und kümmert sich um alle Anfragen.

Die Grundskepsis

Die zwei Episoden zeigen einen Unterschied: Holdener ist, nicht nur bei Presseterminen, fest im Schweizer Team dabei und will das nicht ändern. «Ich fühle mich sehr wohl, warum sollte ich den Alleingang wählen, wenn ich so Erfolg habe», sagt sie.

«Ich fühle mich sehr wohl, warum sollte ich den Alleingang wählen, wenn ich so Erfolg habe.»

Wendy Holdener

«Ich fühle mich sehr wohl, warum sollte ich den Alleingang wählen, wenn ich so Erfolg habe.»

Lara Gut ist hingegen oft mit ihrem Privatteam um Trainer und Vater Pauli Gut unterwegs. Zwar ist das Verhältnis zu Swiss Ski anders als in früheren Jahren sehr gut und die 26-Jährige häufiger im Team-Training dabei. Trotzdem braucht sie auch Abstand.

Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen beide nicht gerne. «Dies gehört aber dazu», sagt Gut. «Wir wollen ja, dass von unseren Rennen berichtet wird.» Einfach fallen der Tessinerin die Verpflichtungen nicht. Das hat viel mit ihrer Geschichte zu tun.

Die 26-Jährige steht, seit sie mit 16 Jahren in St. Moritz erstmals auf das Podest fuhr, im Fokus. Die zehn Jahre haben Lara Gut geprägt. Weil sie sehr früh lernen musste, dass der Boulevard unzimperlich sein kann. Dies hat eine Grundskepsis gegenüber allen Medien ausgelöst, die sie nie mehr ablegen konnte.

«Wir wollen ja, dass von unseren Rennen berichtet wird.»

Lara Gut

«Wir wollen ja, dass von unseren Rennen berichtet wird.»

Solche Erfahrungen machte Holdener viel sanfter. Trotzdem sagt auch sie: «Es fiel mir am Anfang extrem schwer, in der Öffentlichkeit zu stehen.» Doch wie Lara Gut hat die 24-Jährige einen Weg gefunden, damit umzugehen. Doch wie die beiden Frauen es tun, zeigt einen nächsten Unterschied.

Während die Tessinerin ihrem Naturell entsprechend selbstbewusst auf der grossen Bühne auftritt, hat sich Holdener für die bescheidenere Art entschieden. Sie ist meist zurückhaltend, oft nachdenklich, eben so, wie sie auch als Skifahrerin ist.

Die unangenehmen Seiten des Hypes

Wendy Holdener bietet mit ihrer Art weniger Angriffsfläche. Während Lara Gut bei manchen aneckt, liest man kaum Negatives in Onlinekommentaren über ihre Kollegin. Doch wer polarisiert, ist bekannter. Mehr als 620 000 Menschen folgen Lara Gut auf Facebook, Wendy Holdener hat gut 74 000 Abonnenten.

Auch bei den Anhängern spiegelt sich der unterschiedliche Charakter der beiden Frauen. Während Lara-Gut-Fans die Laufbahn ihres Idols meist aus der Ferne verfolgen, also auf Distanz gehen, wie die Sportlerin selbst, ist der Wendy-Holdener-Fanklub oft an den Rennen dabei. So auch in St. Moritz. Die Anhänger sind im Bus drei Stunden angereist, um Wendy zu feiern.

«Es ist schön, wenn die Menschen Freude an mir haben.»

Wendy Holdener

 «Es ist schön, wenn die Menschen Freude an mir haben.»

Aber ist die 24-Jährige damit automatisch geeignet als Liebling der Skination, der Lara Gut nie sein wollte? Zwar geniesst es Wendy Holdener, auf der Piste erkannt zu werden. «Es ist schön, wenn die Menschen Freude an mir haben.» Aber auch sie braucht manchmal Distanz. Nach der Heim-WM im Februar in St. Moritz, als die Frau aus Unteriberg Gold in der Kombination und Silber im Slalom gewann, ging die Weltcupsaison weiter in Crans-Montana.

Plötzlich wollten alle etwas von Holdener und manche wurden sogar aufdringlich. «Das wurde mir zu viel.» Da erlebte sie erstmals, was Lara Gut in jungen Jahren schon kannte: Einen Hype, der schnell unangenehm werden kann.

Es ist die Schattenseite des Erfolgs. Lara Gut war damals nicht in Crans-Montana. Der an der WM erlittene Kreuzbandriss mit Meniskusschaden verschaffte ihr eine Auszeit. Eine, die nötig war. «Erstmals seit Ewigkeiten konnte ich einfach mal für mich sein.»

«Erstmals seit Ewigkeiten konnte ich einfach mal für mich sein.»

Lara Gut

«Erstmals seit Ewigkeiten konnte ich einfach mal für mich sein.»

Da hat sie gemerkt, dass sie auch während der Saison noch mehr Abstand braucht. Die persönliche Pressebetreuerin soll ihr diesen ermöglichen. Dass sie damit nicht allen gefällt, nimmt Lara Gut in Kauf. «Sonst verliere ich zu viel Energie.»

Wenn Holdener am Sonntag zur Sportlerin des Jahres gewählt würde, freute das Lara Gut. Geteilte Aufmerksamkeit ist weniger stressig. Denn auch dieser Titel bringt viel Arbeit mit sich.