Skispringen
Warum Simon Ammann die Vierschanzentournee gewinnen kann

Der Olympiasieger hat im überraschenden Dreikampf um den Sieg bei der Vierschanzentournee gute Karten. Er laudert zusammen mit Thomas Morgenstern als erste Verfolger hinter Thomas Diethart.

Simon Steiner, Innsbruck
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Geht Simon Ammann als Sieger der Vierschanzentournee hervor?

Geht Simon Ammann als Sieger der Vierschanzentournee hervor?

Keystone

Auf dieses Spitzentrio hätte vor Tourneebeginn wohl niemand gewettet. Der Österreicher Thomas Diethart nimmt heute das dritte Springen der 62. Vierschanzentournee in Innsbruck als Leader in Angriff. Sein Landsmann Thomas Morgenstern und der Schweizer Simon Ammann lauern als erste Verfolger.

Das spricht für Simon Ammann: Der 32-Jährige kann auf die grösste Tournee-Erfahrung zurückgreifen. Der Sieg in Oberstdorf kam im richtigen Moment, um die nötige Lockerheit für den weiteren Verlauf zu finden.

Das spricht für Simon Ammann: Der 32-Jährige kann auf die grösste Tournee-Erfahrung zurückgreifen. Der Sieg in Oberstdorf kam im richtigen Moment, um die nötige Lockerheit für den weiteren Verlauf zu finden.

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Die im Vorfeld der Veranstaltung meistgenannten Favoriten hingegen - Gregor Schlierenzauer, Anders Bardal und Kamil Stoch - liegen bei Halbzeit der Tournee bereits 35 und mehr Punkte zurück.

Das spricht für Thomas Morgenstern: Der 27-Jährige hat den Vorteil, die Tournee als Einziger im Spitzentrio schon gewonnen zu haben. Nach dem schweren Sturz in Titisee-Neustadt knüpfte er gleich wieder ganz oben an.

Das spricht für Thomas Morgenstern: Der 27-Jährige hat den Vorteil, die Tournee als Einziger im Spitzentrio schon gewonnen zu haben. Nach dem schweren Sturz in Titisee-Neustadt knüpfte er gleich wieder ganz oben an.

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Während die beiden Routiniers Ammann und Morgenstern immerhin mit Aussenseiterchancen auf den Tourneesieg ins Rennen gestiegen sind, ist Diethart der grosse Überraschungsmann. In Engelberg als Ersatzmann für den formschwachen Manuel Fettner eher kurzfristig ins österreichische Team gerutscht, hat der 21-jährige Niederösterreicher seither in vier Wettkämpfen die Weltspitze gestürmt.

Das spricht für Thomas Diethart: Der überraschende Leader hat das Momentum auf seiner Seite. Dem 21-jährigen Shootingstar scheint zurzeit alles zu gelingen. Sein erster Weltcupsieg dürfte ihn zusätzlich beflügeln.

Das spricht für Thomas Diethart: Der überraschende Leader hat das Momentum auf seiner Seite. Dem 21-jährigen Shootingstar scheint zurzeit alles zu gelingen. Sein erster Weltcupsieg dürfte ihn zusätzlich beflügeln.

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«Diethart erinnert mich ganz an Wolfgang Loitzl an der Tournee 2008/09», sagt der frühere Schweizer Skispringer und heutige TV-Experte Sylvain Freiholz. Vor fünf Jahren hatte Simon Ammann wie diesmal das Auftaktspringen in Oberstdorf gewonnen, ehe der zuvor im Weltcup noch sieglose Loitzl alle drei restlichen Springen und die Gesamtwertung für sich entschied. «Wenn einer einen solchen Lauf hat wie jetzt Diethart, ist er nur schwer zu besiegen», sagt Ammann.

Auch für Titelverteidiger Schlierenzauer ist Diethart der Topfavorit auf den Gesamtsieg. «Wenn es rein nach der Skisprungtechnik geht, wird er die Tournee gewinnen», sagt der 52-fache Weltcupsieger. «Aber es gibt viele Faktoren, die eine Rolle spielen.»

Behält Diethart die Nerven?

Zentral ist dabei die Frage, wie der Shootingstar mit dem Druck umgehen kann, der nun plötzlich auf ihm lastet - erst recht in seinem Heimatland. Im Bergisel-Stadion mit seinem kesselartigen Schanzenauslauf dürfte er heute gleichsam in ein rot-weiss-rotes Fahnenmeer springen. «Mir taugt diese Ausgangslage», sagt Diethart dazu. Sein einstiges Vorbild und heutiger Teamkollege und Konkurrent Thomas Morgenstern kann nur staunen: «Er scheint keine Nerven zu haben.»

Offen ist auch, inwiefern die Witterungsbedingungen das Ergebnis beeinflussen. In Innsbruck wird heute starker Wind erwartet, der möglicherweise eine Verschiebung des Springens nötig machen wird (siehe Text unten). Auch wenn eine Durchführung möglich ist, könnte der Wind insbesondere bei wechselhaften Bedingungen mitentscheidend sein.

Dieser Fall könnte das Pendel zwar in jede Richtung ausschlagen lassen, sollte grundsätzlich aber Simon Ammann in die Hände spielen. Der vierfache Olympiasieger zählt die Anlage in Innsbruck wegen des kurzen Schanzentischs, der das Timing beim Absprung besonders anspruchsvoll macht, zwar nicht zu seinen Lieblingsschanzen, weiss aber mit schwierigen Verhältnissen meist besser umzugehen als etwa Thomas Morgenstern.

Der Tourneesieger von 2011 wirkt seit seinem schweren Sturz vor zehn Jahren in Kuusamo bei Wind oft etwas gehemmt. Dass Morgenstern Mitte Dezember in Titisee-Neustadt wieder unsanft landete, war wohl kaum das richtige Rezept gegen dieses Trauma, auch wenn der Kärntner danach bemerkenswert stark in den Weltcup zurückgekehrt ist.

Ammann als lachender Dritter?

Ammann nimmt die beiden letzten Tourneestationen aus der dritten Position in Angriff. Der letzte Springer, der die Gesamtwertung von diesem Zwischenrang nach der Hälfte des Programms gewinnen konnte, war Janne Ahonen 2008 - in jenem Jahr also, als das Springen in Innsbruck wegen Windes abgesagt und in Bischofshofen nachgeholt werden musste.

Dort überflügelte der Tournee-Rekordsieger Morgenstern und Schlierenzauer, die sich in einem teaminternen Konkurrenzkampf aufrieben. «Das wird uns diesmal nicht wieder passieren», sagt der österreichische Coach Alexander Pointner.

Im Training von Freitag hinterliessen Ammann und Morgenstern mit Abstand den besten Eindruck und verzichteten danach - dank ihrer Weltcup-Platzierung vorqualifiziert - auf den Qualifikationsdurchgang. Diethart tat sich bei den beiden Trainingssprüngen noch schwer, konnte sich dann als Qualifikations-Zweiter deutlich steigern - und trifft nun im K.-o.-Duell auf Ammann.