Ski nordisch
Warum können die Schweden nicht Ski springen?

In Falun konzentriert sich das Interesse auf den Langlauf. Das begründet die Expertin Stub Nybelius folgendermassen: «Als der Verband verlangte, dass sich jede Sparte selber finanzieren musste, war dies für das Skispringen ein grosser Rückschlag.»

Simon Steiner, Falun
Drucken
Teilen
Hier fliegen nur die Ausländer weit: Die renovierten WM-Schanzen im schwedischen Falun.

Hier fliegen nur die Ausländer weit: Die renovierten WM-Schanzen im schwedischen Falun.

Getty Images

Die ersten Tage der nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Falun haben ein grandioses Sportfest geboten. Knapp 45 000 Zuschauer im Stadion und am Streckenrand verfolgten am Samstag die spektakulären Langlaufrennen mit dem Silberlauf von Dario Cologna und sorgten für einen stimmungsvollen Rahmen, welcher den Vergleich mit dem WM-Fest vor vier Jahren im nordischen Ski-Mekka Holmenkollen in Oslo nicht zu scheuen braucht. Dass das schwedische Langlauf-Team – wie bisher in jedem Rennen – mit Charlotte Kalla eine Medaille holte, tat der Stimmung ebenso wenig Abbruch wie die Erfolge der Erzrivalen aus Norwegen. Rund ein Drittel der Fans sind aus dem Nachbarland angereist.

Die norwegischen Zuschauer waren auch dafür besorgt, dass der Skisprung-Wettkampf der Männer auf der Normalschanze direkt nach dem Männer-Langlaufrennen immerhin noch vor einer anständigen Fankulisse standfinden konnte. Von den schwedischen Schlachtenbummlern hingegen fanden nur wenige den kurzen Weg von der Loipe zur Schanze, obwohl die Eintrittskarten für beide Wettkämpfe gültig gewesen wären. Völlig überraschend kommt das Desinteresse nicht: Unter den Teilnehmern war kein Schwede, nachdem in der Qualifikation vom Vortag beide einheimischen Athleten gescheitert waren. Die WM-Gastgeber haben im eigenen Land schlicht keine Springer, die international auf höchster Ebene konkurrenzfähig wären.

Warum können die Schweden nicht Ski springen – oder zumindest längst nicht so weit wie ihre nordischen Nachbarn aus Norwegen und Finnland? In den 1950er und 60er-Jahren gab es in Schweden rund 150 funktionstüchtige Sprungschanzen und mehrere Medaillengewinner bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen. Nach einer Krisenphase erlebt der Skisprung-Sport im Königreich in den 80er-Jahren nochmals eine Blütezeit.

Nach dem Pionier der Absturz

Für internationales Aufsehen sorgte damals der Springer Jan Boklöv als Erfinder des V-Stils. Jedermann sprang mit paralleler Skiführung, als es Boklöv im Jahr 1985 bei einem verunglückten Trainingssprung die Ski in der Luft auseinanderriss. Zu seiner grossen Überraschung landete der Schwede rund 20 Meter weiter unten als üblich. In der Folge begann Boklöv konsequent im V-Stil zu springen, obwohl der von den Punktrichtern dafür jahrelang mit happigen Abzügen bestraft wurde. Nachdem er im Winter 1988/89 trotzdem fünf Weltcupspringen und die Gesamtwertung gewinnen konnte, wechselten auch die Konkurrenten zur neuen Technik, die in der Folge auch nicht mehr punktemässig bestraft wurde.

Die Erfolge von Athleten wie Boklöv oder Staffan Tällberg sorgten für steigendes Interesse beim Nachwuchs, doch der nationale Verband verpasste es, den Schwung zu nutzen. «Anfang der 90er-Jahre kam es zu einem Bruch», sagt die schwedische Skisprung-Expertin Marit Stub Nybelius. «Als der Skiverband verlangte, dass sich jede Sparte selber finanzieren musste, war dies für das Skispringen ein grosser Rückschlag.» Die aktiven Vereine wurden vom Verband weitgehend im Stich gelassen. Vor allem die fehlende Förderung auf der Stufe zwischen Jugend und Weltcupteam erwies sich als fatal.

Der Skisprung-Weltcup wird heute in Schweden gar nicht mehr übertragen. «Die Leute haben uns vergessen», sagt Carl Nordin, der zusammen mit zwei in Norwegen aufgewachsenen Junioren gegenwärtig das Nationalteam bildet. Nordin hofft, dass die WM in Falun seiner Sportart zu einem Aufschwung verhilft. Daran glaubt Jonas Karlsson, Skiexperte beim staatlichen Fernsehen SVT, nicht. «Dafür bräuchten wir einen erfolgreichen Athleten als Vorbild», sagt er. Marit Stub Nybelius dagegen setzt ihre Hoffnungen auf die wenigen aktiven Vereine – insbesondere jenen in Sollentuna am Stadtrand von Stockholm. Dort ist derzeit der Bau einer neuen grösseren Nachwuchsschanze geplant.

Aktuelle Nachrichten