Gschobe #60

Warum glaubt Patrick Küng nicht mehr an sich?

..

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 46 und 49, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell David, Lehrer, Speicher AR Tobias, Consultant, Zürich Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG François, Journalist, Windisch

François: Meine beiden Jungs sind arg enttäuscht, weil Patrick Küng zurückgetreten ist.

Tobias: Oh je. So jung und schon so viel Empathie für einen erfolglosen Sportler?

Pius: Ich glaube, deine Jungs werden mal Sozialarbeiter, Weltverbesserer oder so was in der Art. Oder sie sind aufgrund ihrer Leidensfähigkeit prädestiniert für eine Extremsportart.

François: Wenn es dafür eine Goldmedaille gibt, vielleicht. Denn genau das ist der Grund für die Küngmania. Die WM-Abfahrt von Beaver Creek 2015 war das erste Skirennen überhaupt, das ich mit meinen Jungs geschaut habe. Mit Beat Feuz lag schon ein Schweizer in Führung, als Patrick Küng im Starthaus stand. Da sagte ich: «Jungs, aufgepasst, jetzt kommt der Chüngel. Er kann es packen.» Die Jungs waren entzückt. Weniger wegen meiner Prognose, mehr wegen meiner saloppen Namensgebung. Und so schrien sie unentwegt: «Hopp Chüngel!» Und spätestens, als Küng mit Bestzeit im Ziel war, hatten sie ihren ersten Sport-Helden.

Flavio: Das hallt bis heute nach? Schliesslich hat Küng seit dem WM-Titel nichts mehr gewonnen.

François: Ja. Vor jedem Rennen, selbst wenn es ein Slalom oder ein Riesenslalom war, fragten sie: Fährt der Chüngel? Sie haben lange nur noch Rennen geschaut, wenn Küng an den Start ging.

Pius: Leiden mit Küng?

François: Ja. Sie haben geschrien, gehofft, gelitten und nie die Hoffnung verloren, Küng könnte nochmals triumphieren.

Tobias: Hast du nie versucht, sie für andere Fahrer zu begeistern?

François: Natürlich hab ich das. Ich habs mit Beat Feuz alias Kugelblitz versucht. Darauf haben sie nicht mal angesprochen, wenn er triumphierte. Auch Carlo, der Eishund, Janka interessierte sie nicht. Ebenso wenig wie Christof, der Springbock, Innerhofer oder Marcel, der Gummiball, Hirscher oder Dominik, der Kampfstier, Paris. Nichts hat funktioniert. Bis wir letzthin die Rennen in Adelboden geschaut haben. Ich kündigte Manuel Feller als Wildsau an. Prompt schied er aus und zerbrach danach mit dem Knie einen Skistock. Das hat die Jungs ziemlich beeindruckt.

Flavio: Chüngel oder Wildsau, schmeckt beides besser als ein Gummiball.

François: Ganz so einfach ist es nicht. Ich erklärte den Jungs, dass es für einen Weltmeister schwierig zu akzeptieren sei, wenn im besten Fall ein 20. Rang resultiere. Ausserdem verzeihe die Abfahrt keine Zauderei. Es sei deshalb richtig, dass Küng zurücktrete, wenn das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten nicht mehr vollumfänglich vorhanden sei. Trotzdem hadern die Jungs und fragen: Warum gibt er auf? Warum glaubt er nicht mehr an sich? Wo ist sein Wille, sein Kampfgeist, es allen zu zeigen?

Pius: Einmal Küng, immer Küng.

François: Schauen wir mal, ob die Jungs nicht doch noch vom Kugelblitz getroffen werden und was die Wildsau in nächster Zeit bietet.

Tobias: Ich hoffe für deine Jungs, dass sie Küng möglichst schnell wieder vergessen und ein neues, erstes Idol finden werden.

François: Warum?

Tobias: Mein erstes Idol war Michel Platini.

Pius: Bei mir wars Boris Becker.

Flavio: Und bei mir Diego Maradona.

Tobias: Siehst du: Einst drei wahrlich grosse Sportler – heute muss man sich für sie schämen.

Verwandte Themen:

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

Meistgesehen

Artboard 1