Åre
Von Prinzen, Diven und Wunderknaben: So unterschiedlich sind die Typen an der Ski-WM

Der Skisport ist ein Abbild des Lebens: So unterschiedlich die Typen, so spannend ist ihre Geschichte – an der WM in Åre lässt sich das beobachten.

Martin Probst
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Hier werden in den nächsten zwei Wochen die Medaillen verteilt: Die WM-Pisten im schwedischen Åre:
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Der König: Marcel Hirscher dominiert seit Jahren.
Der faire Sportsmann sagt Adieu: Aksel Lund Svindal.
Liebt den grossen Auftritt: Lindsey Vonn könnte auch Schauspielerin sein.
Ein medizinisches Wunder: Beat Feuz gewinnt trotz Totalschaden im Knie.
Die Königin: Mikaela Shiffrin.
Der Thronfolger: Clément Noël.
Die Frau ohne Titel: Fünfmal WM-Medaillen, aber nie Gold für Lara Gut.
Der Goldjunge: Der fünffache Juniorenweltmeister Marco Odermatt aus Buochs.

Hier werden in den nächsten zwei Wochen die Medaillen verteilt: Die WM-Pisten im schwedischen Åre:

KEYSTONE

Zwar fährt längst nicht mehr alles Ski und richtet man das gemeinsame Mittagessen schon lange nicht mehr nach der Startzeit der Abfahrt aus. Und doch begeistert der Skisport die Menschen in der Schweiz auch heute noch.

Die Ski-WM im schwedischen Åre wird dem Schweizer Fernsehen in den nächsten zwei Wochen Traumquoten bescheren und im Freundeskreis wird diskutiert, ob früher alles besser war. Ob es eine wie Vreni Schneider oder einen wie Pirmin Zurbriggen im heutigen Skisport nicht mehr gebe.

Doch natürlich gibt es sie noch. Nur heissen sie heute Beat Feuz oder Lara Gut-Behrami. Gerade die Tessinerin polarisiert wie kaum eine andere. Und über das Knie von Feuz wurde fast ebenso häufig geschrieben wie über jenes von Zurbriggen («Knie der Nation»). Doch Lara Gut-Behrami und Beat Feuz sind nur zwei von vielen Typen, auf die sich die Fans in den nächsten zwei Wochen freuen dürfen:

Der Tiefstapler

Marcel Hirscher wird nicht müde zu betonen, wie schlecht er sich in diesem Winter auf seinen Ski fühlt: fast wie mit Sommerreifen auf Eis. Und doch hat er 10 von 15 Saisonrennen gewonnen. Der 29-Jährige ist ein Perfektionist. Er überlässt nichts dem Zufall: Ob Material, Technik oder Vorbereitung – alles muss passen. Weicht auch nur ein Detail einen Hauch von der Norm ab, ist es für ihn eine Katastrophe. Sein Understatement nervt manche, seine Akribie bewundert aber der ganze Skizirkus. Bereits seit sieben Jahren dominiert er den Gesamtweltcup. An der WM führt Gold im Riesenslalom und im Slalom über den Österreicher.

Der König: Marcel Hirscher dominiert seit Jahren.

Der König: Marcel Hirscher dominiert seit Jahren.

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Die Perfekte

Was Hirscher bei den Männern kann, schafft Mikaela Shiffrin bei den Frauen. Auch die 23-jährige Amerikanerin fährt mit einer wunderbaren Technik, auch sie will das Unvorhersehbare so gut es geht eliminieren. Dank Fleiss und Präzision. In dieser Saison hat Shiffrin 13 Rennen gewonnen – bei 20 Starts! Insgesamt steht sie schon bei 56 Erfolgen. Sie ist auf bestem Weg, dereinst alle Rekorde zu brechen. Im Slalom kann sie in Åre zum vierten Mal in Serie Weltmeisterin werden. Zudem ist sie im Super-G, in der Kombination und im Riesenslalom die Topfavoritin für Gold.

Die Königin: Mikaela Shiffrin.

Die Königin: Mikaela Shiffrin.

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Der Unglaubliche

Eigentlich dürfte er heute kaum mehr gehen können – und doch ist Beat Feuz der beste Abfahrer der Saison. Sein linkes Knie ist zigfach operiert und er kennt kaum einen schmerzfreien Tag. In Åre könnte der 31-Jährige, der vor sieben Jahren, als ihm die Versteifung des Kniegelenks drohte und er beinahe zum Sportinvaliden wurde, erneut WM-Gold in der Abfahrt gewinnen. Letztmals gelang es Bernhard Russi, diesen Titel zweimal hintereinander zu gewinnen. Er wurde 1970 Weltmeister und 1972 Olympiasieger, was damals gleichzeitig als WM-Titel gewertet wurde. Swiss Ski hat in Åre sogar die Chance auf einen Hattrick, sollte nach Patrick Küng (2015) und Feuz (2017) erneut ein Schweizer siegen.

Ein medizinisches Wunder: Beat Feuz gewinnt trotz Totalschaden im Knie.

Ein medizinisches Wunder: Beat Feuz gewinnt trotz Totalschaden im Knie.

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Die Unerfüllte

24 Mal hat Lara Gut-Behrami bisher im Weltcup gewonnen. Damit liegt sie auf Rang 17 der ewigen Bestenliste und hält einen ungewollten Rekord: Alle 16 Frauen vor ihr haben in ihrer Karriere mindestens einmal WM-Gold gewonnen. Sie ist somit die erfolgreichste Weltcupfahrerin, die sich nicht Weltmeisterin nennen darf.

Endet die Wartezeit nun in Åre? Für die 27-jährige Gut-Behrami sind es bereits die sechsten Weltmeisterschaften und bisher holte sie dreimal Silber und zweimal Bronze. Die beste Chance auf weiteres Edelmetall bietet sich ihr bereits heute Dienstag im Super-G zum Auftakt.

Die Frau ohne Titel: Fünfmal WM-Medaillen, aber nie Gold für Lara Gut.

Die Frau ohne Titel: Fünfmal WM-Medaillen, aber nie Gold für Lara Gut.

USA TODAY Sports

Die ewige Zweite

Eine weitere Schweizerin ist topgesetzt in den Wartelisten des Skizirkus: Wendy Holdener. 20 Mal stand sie im Weltcup bereits auf dem Slalompodest, dazu gewann sie schon Olympia- und WM-Silber in dieser Disziplin. Nur gewonnen hat die 25-Jährige im Slalom noch nie. Das ist ebenfalls Rekord! Sollte es auch in Åre nicht klappen mit dem Slalomsieg, hat Holdener aber noch die Kombination. Dort ist die Schweizerin Titelverteidigerin und hat auch im Weltcup schon zweimal gewonnen. Und sie hat sogar die Chance, Geschichte zu schreiben: Sollte sie erneut WM-Gold in der Kombi gewinnen, könnte sie als letzte Weltmeisterin in dieser Disziplin in die Geschichte eingehen. Der internationale Skiverband FIS verfolgt Pläne, die Disziplin schon ab der WM 2021 zu streichen.

Wendy Holdener.

Wendy Holdener.

KEYSTONE/AP/GABRIELE FACCIOTTI

Die Diva

Für die erfolgreichste Skifahrerin der Gegenwart wird die WM zum letzten Akt. Lindsey Vonn bestreitet noch den WM-Super-G und die Abfahrt am Sonntag – dann ist Schluss. Unzählige Operationen fordern ihren Tribut. Die Schmerzen im Körper sind zu gross. Die 34-jährige Amerikanerin gewann insgesamt 82 Weltcuprennen, ist Olympiasiegerin und zweifache Weltmeisterin. Ihr grosser Traum, die 86 Weltcupsiege von Ingemar Stenmark zu erreichen, bleibt unerfüllt. Unter Tränen kündete sie ihren Rücktritt an. So, wie sie es am liebsten tut: mit Glamour, Drama und Show. Der letzte Auftritt wird ebenso werden.

Liebt den grossen Auftritt: Lindsey Vonn könnte auch Schauspielerin sein.

Liebt den grossen Auftritt: Lindsey Vonn könnte auch Schauspielerin sein.

EPA

Der Gentleman

Ganz anders tickt Aksel Lund Svindal. Auch der 36-jährige Norweger gehört zu den besten Skifahrern der Gegenwart und auch er fährt nur noch den WM-Super-G und die Abfahrt. Doch er geht so, wie er sich all die Jahre gab: zurückhaltend, dankbar und ehrlich. Svindal ist so etwas wie die gute Seele im Skizirkus. Alle mögen ihn und für alle setzt er sich ein. Der fünffache Weltmeister und zweifache Olympiasieger will nicht riskieren, nie mehr gehen zu können, so lädiert ist sein Knie. Darum zieht er einen Schlussstrich. Als Tourist ist er aber ebenso wenig in Åre wie Lindsey Vonn. In ihren letzten Wettkämpfen wollen beiden Stars nochmals um die Medaillen mitfahren. Danach bleibt genug Zeit, Adieu zu sagen. So oder so: Zwei Persönlichkeiten verlassen die Bühne und werden dem Skisport fehlen.

Der faire Sportsmann sagt Adieu: Aksel Lund Svindal.

Der faire Sportsmann sagt Adieu: Aksel Lund Svindal.

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Der Wunderknabe

Sieger in Wengen und Sieger in Kitzbühel. Der Franzose Clément Noël ist schnell in den Olymp der Slalomfahrer aufgestiegen. So schnell, dass die Ski-Experten zwar seine stupende Technik loben, dafür Mühe mit seinem Namen haben. Meistens wird der eher scheue Mann zu Noël Clément, wenn andere über ihn sprechen. Doch wenn der 21-Jährige weiterhin solch grosse Fortschritte macht wie bisher, wird ihn wohl bald jeder kennen. Hirscher sieht bereits jetzt in Noël seinen potenziellen Nachfolger.

Der Thronfolger: Clément Noël.

Der Thronfolger: Clément Noël.

KEYSTONE

Der Prinz

Ähnlich gross sind die Erwartungen an Marco Odermatt. Fünfmal gewann der 21-jährige Schweizer vor einem Jahr an der Junioren-Weltmeisterschaft in St. Moritz Gold. In Schweden startet er nun erstmals bei der Elite. Der Prinz misst sich mit den Königen. Im Weltcup ist ihm das bereits erstaunlich gut gelungen. Im Riesenslalom war er schon Siebter und im Super-G auf Rang acht klassiert. Dies, obwohl Odermatt selbst sagt: «Mit meinen Medaillen von der Junioren-Weltmeisterschaft kann ich mir nichts mehr kaufen.»

Ob gestandene Profis oder talentierte Nachwuchsathleten: An der WM haben alle die Chance, ihre Geschichte zu schreiben. Es fährt zwar nicht mehr alles Ski. Aber es lohnt sich, zuzuschauen. Schliesslich will man ja mitreden.

Der Goldjunge: Der fünffache Juniorenweltmeister Marco Odermatt aus Buochs.

Der Goldjunge: Der fünffache Juniorenweltmeister Marco Odermatt aus Buochs.

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