Ski alpin

Trotz mysteriöser Gesichtslähmung fährt Beat Feuz in Val d'Isère wieder mit

Beat Feuz ist vor den Rennen in Val d’Isère zuversichtlich.

Beat Feuz ist vor den Rennen in Val d’Isère zuversichtlich.

Beat Feuz ist nach seiner Gesichtslähmung nach Val d’Isère gereist, um Rennen zu fahren. Auf eine genaue Diagnose wartet Feuz nach wie vor.

Einen Plan hat er schon lange nicht mehr. Und das ist ob all der nicht gerade alltäglichen Probleme, die Beat Feuz in den letzten Jahren begleiteten, sehr gut nachzuvollziehen. Das neuste Kapitel: Als er in Denver aus dem Flugzeug steigt, ist plötzlich die rechte Gesichthälfte gelähmt. Irgendwie scheint es fast so, als ob ein Fluch auf Beat Feuz lastet. «So weit würde ich nicht gehen», sagt er. «Aber es ist schon speziell. Mir passieren oft Dinge, die sonst niemand hat.»

Nun also eine Lähmung im Gesicht. «Es ist, als ob man beim Zahnarzt eine Betäubungsspritze bekommt», erklärt der 29-Jährige. «Nur ist nicht nur die Backe taub, sondern die ganze Gesichtshälfte.» Und anders als nach dem Besuch beim Zahnarzt hört es bei Feuz nicht schnell wieder auf. «Wenn man sich vorstellt, dass dieses Gefühl über zwei Wochen lang anhält, dann ist es klar, dass es mir nahe gegangen ist», sagt Feuz.

Beat Feuz wurde im ersten Training 25.

Beat Feuz wurde im ersten Training 25.

Nahe deshalb, weil jeden Morgen die Frage da ist, ob es jemals wieder besser wird. Da nicht in Panik zu verfallen, ist schwierig. Schliesslich ist es nicht nur das Taubheitsgefühl, das stört. Feuz kann nicht richtig essen und trinken. Weil die Flüssigkeit auf der einen Mundseite einfach rausläuft. Und auch anderes stört. Beim Lachen geht ein Mundwinkel nach oben, der andere hängt aber immer nach unten. Zudem hat er auf der einen Seite des Mundes kein Geschmacksempfinden mehr.

Hauptsache eine Diagnose

Feuz versucht, sich keine Sorgen zu machen. Einfacher gesagt, als getan. Weil er praktisch nichts machen darf, bleibt sehr viel Zeit fürs Grübeln. In der Klinik in Denver können sie Feuz auch nicht wirklich helfen. Zwar wird er gründlich untersucht. «Aber dann ist es so, wie es in der Medizin ist», sagt Feuz. «Wenn die Ärzte nicht wissen, was es ist, dann wird einfach eine Diagnose erstellt und entsprechend behandelt.» Bei Feuz heisst die Diagnose: «Entzündung des Gesichtsnervs». Aber wirklich sicher ist niemand.

So wartet Feuz ab und hofft, dass es besser wird. Vor zirka 15 Jahren hatte er bereits einmal eine ähnliche Lähmung – und sie ist wieder verschwunden. Da für dieses Krankheitsbild die Ursachen aber unbekannt sind, ist ungewiss, ob der Verlauf gleich ist. «Ich wusste also nicht, ob es jemals wieder aufhört», sagt Feuz. Es ist eine schwierige Zeit für ihn. Obwohl er leiderprobt ist. Sein Knie ist mehrfach operiert, einmal auch mit einer ungewöhnlichen Entzündung als Folge. Auch damals wusste keiner, warum es dazu kam und wie es behandelt werden sollte.

Feuz hat sich mit dem Unerklärlichen arrangiert. «Ich gehe schon gar nicht mehr davon aus, dass alles optimal läuft.» Er sagt es und muss lachen. Viel anderes bleibt ihm auch nicht übrig. «Bei mir machen Pläne, wie eine Saison aufgebaut werden soll, schon lange keinen Sinn mehr. Weil es eh anders kommt.» Seine Leidensgeschichte hat ihn gelehrt, planlos zu sein. «Ich werde schon lange nicht mehr nervös, wenn mal ein Skitag ausfällt, weil ich wieder ein Problem habe.» Er ist schon froh, wenn er überhaupt einmal trainieren kann.

Das konnte er im Sommer häufiger als in den letzten Jahren. Obwohl ihn vor der Lähmung im Gesicht bereits eine Mittelohrentzündung im Herbst zu einer dreiwöchigen Pause zwang. «Anders als in anderen Jahren haben diese zwei Probleme aber keine lang dauernden Therapien zur Folge. Daher will ich mich nicht beklagen», sagt Feuz. «Dieses Mal war es nur nervig und mit viel Warten verbunden.»

Patrick Küng (r.) macht schon wieder Witze über die Lähmungserscheinungen von Kollege Beat Feuz.

Patrick Küng (r.) macht schon wieder Witze über die Lähmungserscheinungen von Kollege Beat Feuz.

In der vergangenen Saison ist er nach einer erneuten Knieoperation erst im Januar in Wengen in den Weltcup eingestiegen. Mit sechs Trainingstagen auf Schnee als Vorbereitung. «In diesem Jahr sind es 20 und sogar Abfahrt und Super-G habe ich trainiert.» Damals im Januar war Feuz ohne Probe ins erste Weltcupabfahrtstraining gegangen. Danach wurde es seine bisher zweitbeste Saison. In nur zwölf Rennen stand er fünfmal auf dem Podest und gewann in St. Moritz beim Weltcupfinal die Abfahrt und den Super-G. «Es hat mir gezeigt, dass ich ganz vorne dabei bin, wenn ich fit bin. Das hat mir viel Mut gegeben.»

Mut für die Zeit in Denver, als er darauf wartet, dass die Lähmung besser wird. «Denn eigentlich geht es mir so gut wie schon lange nicht mehr», sagt er. Das heisst, sein Knie ist so stabil, wie es nach so vielen Operationen überhaupt möglich ist.

Zwei Wochen nach dem Auftreten nimmt die Lähmung plötzlich ab. Noch spürt es Feuz zwar: «Die Backe ist noch nicht so beweglich.» Doch gestern in Val d’Isère kann er im Abfahrtstraining starten.

Feuz fährt gut. So gut, dass Patrick Küng scherzt: «Dem ist das Gesicht doch gar nicht eingeschlafen. Der wollte in Nordamerika doch einfach faul im Bett liegen.» Feuz hört es und lacht. Er weiss, dass bei ihm nicht alles erklärbar ist.

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