Der erste Eindruck? Egoistisch und arrogant. Das sagt nicht irgendein neidischer Zeitgenosse. Das sagt Laurien van der Graaff. Über sich selber. «Auf jemanden, der mich nicht gut kennt, mag ich so wirken. Aber so bin ich nicht. Eher das Gegenteil», behauptet sie, «höchstens ein wenig wählerisch». Egoistisch müsse sie einzig in ihrer Rolle als Athletin sein, «schliesslich betreibe ich einen Einzelsport».

Die 31-Jährige, die vor 26 Jahren mit ihren Eltern aus den Niederlanden nach Davos zog, hat sich nicht nur als Langlauf-Sprinterin vorzüglich entwickelt. Sie fasziniert auch als Person. Eine Einzelgängerin sei sie, wird erzählt. Vermutlich, weil sie seit sechs Jahren nicht mit den restlichen Schweizer Kaderathletinnen trainiert, sondern von ihrem Lebenspartner Andreas Waldmeier betreut wird. Ihr Veto folgt bei Fuss: «Diese Beschreibung stimmt eigentlich gar nicht. Ich bin keine, die jedes Fest miterleben muss. Aber ich bin auch überhaupt nicht gerne alleine.»

Ein Titel scheint in Reichweite

Dass sie von ihrem Gesprächspartner als ruhige, zurückhaltende Zeitgenossin wahrgenommen wird, ist als Kompliment an Laurien adressiert. Sie nimmt es an. Zumindest teilweise. «Ja, ich bin keine Sprücheklopferin. Aber ich habe durchaus viel zu sagen – wenn es denn ein interessantes Gespräch ist.»

Laurien van der Graaff hat mit ihren zwei Sprintsiegen im letzten Winter an der Tour de Ski in Lenzerheide und bei der WM-Hauptprobe in Seefeld Erwartungen geschürt. Ein Podestplatz an der WM im Februar ist auf einmal realistisch, selbst der Titel scheint in Reichweite. Wie geht sie vor ihrem Heimrennen heute Samstag in Davos mit den neuen Ansprüchen um? «Eine Gratulation zu einem 15. Platz vertrage ich überhaupt nicht mehr», sagt sie. Und: «Ich hoffe, im Februar als eine der Favoritinnen nach Seefeld zu reisen.» Angst vor dem Druck sieht anders aus. «Denn so steigt bei der Konkurrenz der Respekt. Man entgeht dadurch dem einen oder anderen Gerangel.»

Zuerst mental breit sein

Gerade für van der Graaff ist dies elementar, hat sie doch in ihrer Karriere «ziemlich jede Situation erlebt, die man als Athletin nicht erleben will.» Stürze, Stockbrüche, Skibrüche, Disqualifikationen – und zuletzt in Lillehammer eine defekte Handschlaufe am Stock, der ein besseres Resultat verhindert hat. «Erst habe ich mich über das Missgeschick genervt, dann auch noch darüber, dass ich mich überhaupt nerve.»

Für den Schritt, Rennen gewinnen zu können, musste die 31-Jährige zuerst mental bereit sein. «Ich hatte Angst vor dem, was passiert, wenn ich als Erste ins Ziel komme. Angst davor, die Kontrolle zu verlieren», sagt sie. «Vielleicht war es auch einfach ein Selbstschutz, weil ich noch nicht bereit zum Gewinnen war.»

Das unberechenbare Spiel auf Schnee

Am Sprint fasziniert van der Graaf, dass «man nicht einfach nur schnell laufen muss. Es kommen taktisch und technisch ganz viele verschiedene Faktoren dazu. Und es ist nicht zuletzt auch mental eine Herausforderung.» Kurz und bündig, es braucht eine Strategie.

Eine von vielen, die im Rennen infrage kommen. Wenn möglich die Richtige. «Ich wähne mich manchmal an einem Brettspiel, bei dem ich die richtigen Figuren bewegen muss.» Dieses spielerische Element passe zu ihren Talenten. Schliesslich habe sie bis zum 14. Lebensjahr auch leidenschaftlich Fussball gespielt. «Man muss sich auch im Sprint durchzusetzen wissen», sagt sie. In diesem unberechenbaren Spiel auf Schnee.