Ski alpin
SOS ist am Hahnenkamm der Standardmodus

Kitzbühel-Rennarzt Dr.Helmut Obermoser ist in permanenter Alarmbereitschaft. In den letzten Jahren geschahen am Hahnenkamm immer wieder schwere Stürze. Obermoser sagt, dass gewisse Ereignisse selbst bei ihm unter die Haut gehen.

Richard Hegglin, Kitzbühel
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Wenn er in einer Hahnenkamm-Woche die Beine hoch lagern kann, sind es gute Rennen. Leider ist das selten der Fall. SOS ist in Kitzbühel der Standardmodus. Rennarzt Dr. Helmut Obermoser wurde in den letzten Jahren wider Willen zu einem der Hauptdarsteller.

2009 stürzte der Amerikaner Scott Macartney beim Zielsprung schwer und blieb regungslos liegen. Erste Diagnose: Schädel-Hirn-Trauma.

Ein Jahr später verunglückte Daniel Albrecht an der genau gleichen Stelle. In einem ersten Communiqué war von einer Lungenquetschung und einer Gehirnblutung die Rede.

Im letzten Jahr war der Österreicher Hans Grugger Opfer eines schrecklichen Sturzes in der Mausefalle. Auch er schwebte in Lebensgefahr. Und immer war Dr. Obermoser, seit 1985 verantwortlicher Rennarzt in Kitzbühel, erste Ansprechstation.

«Über die Unfälle möchte ich nicht reden», sagt Dr. Obermoser. Trotz seiner langjährigen Praxis ist er gegen solche Schicksalschläge nicht immun: «Gewisse Ereignisse gehen immer noch unter die Haut. Einige hinterliessen tiefe Spuren. Es gab Nächte, in denen ich nicht schlafen konnte.»

Wie in Wengen

Deshalb spricht Obermoser lieber von den organisatorischen Aspekten. Am letzten Wochenende weilte er, quasi zur Weiterbildung, in Wengen: «Ich war beeindruckt vom Konzept. Es ist ähnlich wie unseres.»

Seit Jahren stützt sich Kitzbühel auf ein eingespieltes Team: «Wir haben die Abfahrt in sechs Abschnitte aufgeteilt. Für jeden ist ein Arzt zuständig und ausgerüstet mit einem Notfallequipement für verschiedenste medizinische Indikationen.»

Damit keine Routine entsteht, wird von Jahr zu Jahr rotiert: «Wir haben keinen Chef», sagt der ‹Chef›, «für jeden Abschnitt trägt der jeweilige Arzt die Verantwortung.» Oft sind schnelle Entscheide nötig, um erste Versorgung, Bergung und Transport optimal zu gewährleisten.

Für diesen ist, ähnlich wie die Rega in der Schweiz, die Christophorus-Gruppe zuständig. In Absprache mit dieser Notfall-Crew wird entschieden, ob allenfalls zuerst das Kreisspital St.Johann wie bei Albrecht oder direkt die 95 km entfernte Universitätsklinik Innsbruck wie bei Grugger angeflogen wird.

Welche Konsequenzen solche Entscheide haben können, zeigte sich beim tragischen Unfall des Österreichers Matthias Lanzinger.

Nach seinem Sturz in Kvitfjell wurde zuerst Lillehammer angeflogen. Als er dann nach Oslo weitertransportiert wurde, war es zu spät für eine Notoperation. Lanzinger musste ein Bein amputiert werden.

Eine diffizile Sache ist gemäss Obermoser auch die Kommunikation für die Öffentlichkeit: «Die erste Diagnose ist enorm schwierig, wenn es sich um eine schwere Verletzung handelt. Man versucht mit den einfachsten Mitteln eine Gesamtdiagnose zu machen, im Sinne einer verständlichen Information, die nie eine 100-prozentige Diagnose sein kann.»

In Lake Placid (USA) meldete einst das Fernsehen voreilig den Tod des Italieners Leonardo David, eine Fehlleistung von unvorstellbarer Tragik. Solches zu verhindern gehört ebenfalls zu den Aufgaben von Dr. Obermoser.

Janka noch immer gehemmt

«In Kitzbühel ist keiner gefeit vor Stürzen», sagt Kitz-König Didier Cuche, der das Glück und Können hatte, in über 50 Fahrten nie zu Boden zu gehen.

Das ist, zusammengezählt, ein fast 200 km langer Hochrisiko-Trapezakt, bei dem man in jedem Moment abstürzen kann. Am Mittwoch erwischte es bei der Hausberg-Querfahrt Ivica Kostelic.

In 33 Abfahrten ist er vorher erst ein Mal ausgefallen. Carlo Janka kam sogar in all seinen 27 Weltcup-Abfahrten ins Ziel. Trotzdem zeigt er vor der «Streif» gewaltigen Respekt: «In Wengen ist die Abfahrt ein Kampf gegen sich, in Kitzbühel ein Kampf gegen den Berg.»

Noch nie konnte er in Kitzbühel sein Potenzial abrufen. Der schwere Unfall seines einstigen Zimmerkollegen Dani Albrecht beschäftigt ihn im Unterbewusstsein wohl noch immer. «Fast in jedem Rennen, in dem ich hier startete, passierte etwas», stellt Janka fest. «Es braucht Überwindung, um im Rennen ans Limit zu gehen.» Bis jetzt war er nicht bereit, so weit zu gehen.