Ein Blick in die Weltrangliste sagt alles: Nummer 1 in der Abfahrt, Nummer 1 im Super-G, Nummer 1 im Slalom! Im Jahrgang 1993 ist Wendy Holdener aus Unteriberg das Mass aller Dinge. Heute nimmt das 17-jährige Supertalent in Sölden erstmals Mass an der Weltelite.

«Sie soll vorerst mal Erfahrung sammeln», gibt der neue Frauen-Chef Mauro Pini den Weg vor. Ihr Weltcup-Debüt hat den Charakter einer Schnupperlehre. Die ehrgeizige Schwyzerin sieht das anders: «Wenn ich schon starten darf, will ich das Beste herausholen. Mein Ziel ist die Qualifikation für den 2. Lauf.» Das verlangt niemand von ihr, nur sie selbst. Wenn sie schon diese Chance erhält, geht sie aufs Ganze: «Ich werde Vollgas geben.» Taktieren gibt es bei ihr nicht: «Ich bin eine, die wenig rausfliegt. Deshalb nehme ich volles Risiko.»

«Sie hat wahrscheinlich nur einen Fehler», meint ihr Ausrüster-chef Lucio Zallot von Head, «sie weiss wohl gar nicht, wie man bremst. Sie greift immer an.» Wendy Holdener selber teilt diese Einschätzung: «Ja, ich bin eine Draufgängerin. Durch den Umgang mit meinen zwei älteren Brüdern bin ich abgehärtet.» Einer, Kevin (20), gehört ebenfalls dem C-Kader an.

Vergleich zu Lara Gut

Der Vergleich zu Lara Gut drängt sich auf. Auch die Tessinerin war und ist in ihrem Jahrgang (1991) in drei Disziplinen die Weltbeste. Wendy Holdener wiegelt ab: «Es gibt nur eine Lara Gut.» Auch Frauen-Chef Mauro Pini relativiert: «Lara war im gleichen Alter technisch noch eine Spur besser. Aber Wendy ist mental enorm stark.» Sie habe, findet Wendy Holdener, «mental ein gutes Niveau». Nicht umsonst bezeichnet sie den coolen Carlo Janka (und Didier Cuche) als Vorbilder.

So kennt sie vor ihrem Weltcup-Debüt kaum Lampenfieber: «Es hat zwar viele Leute hier in Sölden, aber aufgeregt bin ich nicht, oder noch nicht.» Die einzigen Schocks erlebte sie vorher: «Das war, als man mir im Sommer mitgeteilt hatte, ich dürfe mit der Nationalmannschaft ins Trainings-Camp nach Neuseeland reisen. Und dann nochmals, als ich das Aufgebot für Sölden erhielt. Das hat mich fast ein bisschen geschockt.»

Dabei gibt Wendy Holdener, die in der Sportschule Engelberg eine Ausbildung als Hotelfachangestellte absolviert, in ihrer «schwächsten Disziplin» das Debüt. Während sie in Abfahrt, Super-G und Slalom auf dem Weltranglistenplatz 1 steht, ist sie im Riesenslalom «nur» die Nummer – zwei. Eine Österreicherin liegt noch knapp vor ihr. «Das ist eine spezielle Herausforderung», findet Wendy, die aber betont: «Ich möchte eine Allrounderin bleiben.»

Eltern verantwortlich

Ihren Weltcup-Startplatz hat sie redlich verdient, obwohl sie bisher erst ein halbes Dutzend Europacup-Rennen bestritt. In ihrer persönlichen Karriere-Planung waren Weltcuprennen erst in der Saison 2012/13 vorgesehen.

Wendy überraschte schon an den Schweizer Meisterschaften 2010 auf ihrem Hausberg Hochybrig, als sie im Slalom als Vierte die Bronzemedaille nur um acht Hundertstel verpasste. An den Junioren-Weltmeisterschaften schrammte sie als Fünfte in der Abfahrt nur um eine Zehntelsekunde am Podest vorbei. Und auf dem Neuseeland-Trip bedankte sie sich für das in sie gesetzte Vertrauen mit ihrem ersten internationalen Sieg in einem FIS-Slalom.

Während Pini die Unteribergerin als «erstes Produkt aus den regionalen Leistungszentren» bezeichnet, sind gemäss Wendy primär ihre Eltern für den kometenhaften Aufstieg verantwortlich: «Sie haben uns unterstützt, wo und wie es nur ging. Ich hoffe, das dereinst zurückgeben zu können.» Einen Teil davon schon heute Samstag?