Weltcup-Auftakt
Skistar Lara Gut ist so stark wie nie – oder?

Das Schweizer Ski-Aushängeschild Lara Gut ist bereit für die neue Saison, die am Samstag mit dem Riesenslalom auf dem Gletscher in Sölden beginnt

Martin Probst
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Lara Gut unterwegs in die neue Saison.

Lara Gut unterwegs in die neue Saison.

Keystone

Ein wenig ins Grübeln kam sie ja schon, im letzten Frühling, kurz nach einer Saison mit sieben Siegen. Dazu Bronze in der Olympiaabfahrt in Sotschi und Rang drei im Gesamtweltcup. «Nie ist mir das Siegen einfacher gefallen», erinnert sich Lara Gut. Die Fragen kamen automatisch – verständlicherweise: Geht das nun in diesem Stil weiter?

Die 23-Jährige fand für sich ein Rezept. Weg mit dem Druck, runter mit den Erwartungen. Wie sie das schon immer tat. Ja keine Ziele formulieren. Alles beginnt wieder bei null. Es ist ihr Credo, das sie oft wiederholt. «Natürlich weiss ich, dass ich im letzten Jahr in Sölden gewonnen habe, dass mir die Piste in Beaver Creek, wo die WM stattfinden wird, gefällt», sagt Gut. Doch immer wieder folgt ein «Aber . . .»: Wer stillsteht, verliert. Besser werden, weitermachen. Die Tessinerin wiederholt die Sätze. Als ob sie es sich selbst einreden muss.

Die Videos von Ted Ligety

Natürlich sind die Fragen da. Nun, da am Samstag in Sölden die neue Weltcupsaison eröffnet wird. In Österreich hat Gut im letzten Jahr gewonnen, setzte dann zu einer kleinen Siegesserie an. Wiederholt sich die Geschichte? «Bin ich schlecht, wenn ich in den ersten drei Rennen nicht auf das Podest fahre?», fragt sie fast schon provokativ zurück. Natürlich ist sie das nicht. Doch der Erfolg schürt Erwartungen. Zwei Medaillen erwartet Swiss-Ski von den Frauen an der WM im Februar. Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass die Trainer Lara Gut in diese Kalkulation einbezogen haben.

«Druck? Nein, schliesslich ist Dominique Gisin Olympiasiegerin – nicht ich.» Ja, der verpasste Olympiasieg schmerzt noch, die Tränen der Enttäuschung über Bronze sind noch präsent. Sagen würde das Gut nie. Muss sie auch nicht. Trotzdem ist klar, dass alles bereit gewesen wäre, und logisch, dass auch Fragen kommen, ob es jemals wieder so sein wird.

Dass es wieder so sein wird, dafür hat die Tessinerin alles getan. Hat gleich nach der Saison noch viel Zeit auf Schnee verbracht, intensiv das neue Material getestet und am Riesenslalom-Schwung gearbeitet. Zusammen mit ihrem Vater und Trainer Pauli Gut hat sie akribisch das Videomaterial von «Mister Riesenslalom» Ted Ligety und Österreichs Ausnahmekönner Marcel Hirscher studiert. «Die Fahrt im letzten Winter in Sölden war schon fast perfekt, doch auch da gab es Schwünge, die noch besser gehen würden», erinnert sich Gut.

Überhaupt gab es im Riesenslalom in der letzten Saison nur Top oder Flop: drei Podestplätze, ein fünfter Rang, aber auch vier Ausfälle. Das Wort Flop hört Gut nicht gerne. «Es waren Fehler, ganz einfach. Wer gewinnen will, muss am Limit fahren. Der Grat zwischen Bestzeit und Ausscheiden ist sehr klein. Ich könnte eine Saison lang auf Sicherheit fahren, würde gute aber keine Spitzenresultate erreichen. Will ich das?», fragt die zehnfache Weltcupsiegerin zurück.

Die Fehlerquote reduzieren

Nein, das will Gut nicht. Trotzdem ist auch diese Frage legitim. Anna Fenninger hat im letzten Winter den Gesamtweltcup gewonnen. Die Österreicherin stand zwar zweimal öfter auf dem Podest (elfmal) als die Schweizerin, hat aber nur vier Rennen gewonnen (Gut sieben). Gepunktet hat Fenninger dank Konstanz.

«Ich habe intensiv daran gearbeitet, die Fehlerquote zu senken», sagt Gut. Gerade im Riesenslalom ist sie öfters auf dem Skischuh weggerutscht. Bei enormen Winkeln, wie sie auch Ted Ligety fährt – und durchkommt. Auch hier gibt es Potenzial zur Kopie. «Wer still steht und denkt, es läuft von selbst, hat schon verloren.» Da sagt sie es wieder.

Bei alledem darf man nicht vergessen: Lara Gut ist erst 23 Jahre alt und trotzdem schon sehr erfahren. Kein Wunder, bei einer, die mit 17 Jahren die ersten Erfolge feierte. «Ich habe gelernt, dass auf jedes Tief ein Hoch folgt», sagt sie. Es ist nicht das Alter, das diese Gewissheit gibt. Vielmehr das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Nie war Siegen einfacher als in der letzten Saison. Oder in der nächsten? «Ich bin gesund und fühle mich bereit», sagt sie. Das reicht uns. Auch wenn sie keine Ziele nennt.

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