Ski
Ski-Star Daniel Albrecht und sein steiniger Weg zurück an die Spitze

Sein Horrorsturz in Kitzbühl ist immer noch in den Köpfen der Ski-Fans - und auch in seinem Gedächnis. Diese Bilder sollen jedoch endgültig der Vergangenheit angehören. Skifahrer Daniel Albrecht greift wieder in den Ski-Zirkus ein.

Richard Hegglin
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Der Schalk sitzt ihm im Nacken: Zumindest in dieser Sparte ist Daniel Albrecht wieder ganz der Alte. Keystone

Der Schalk sitzt ihm im Nacken: Zumindest in dieser Sparte ist Daniel Albrecht wieder ganz der Alte. Keystone

Am Sonntag schlägt für Daniel Albrecht die Stunde der Wahrheit - seine Wahrheit. Bei der Rückkehr nach Sölden, wo er bei seinem letzten Auftritt im Oktober 2008 vor Didier Cuche und Ted Ligety siegte, feiert der im Januar 2009 schwer verunfallte Gomser sein effektives Comeback.

Schon 2009 und 2010 wollte er auf dem Rettenbach Ferner, wie die Österreicher einen Gletscher nennen, an den Start gehen, musste aber einsehen, dass das noch zu früh war. Inzwischen fuhr er, noch unter dem sogenannten Verletzten-Status, fünf Rennen und qualifizierte sich im Riesenslalom zweimal in den Top 30 (21. und 29.). Jetzt gilt es wieder ernst. «Ich bin wieder ein ganz normaler Athlet», stellt Albrecht fest. Er will nicht mehr als rekonvaleszent wahrgenommen werden. Nicht zuletzt deswegen sagte er ein gemeinsames Foto-Shooting mit dem Österreicher Hans Grugger ab, der ebenfalls in Kitzbühel schwer verunglückt war und sich ähnliche Hirnverletzungen zugezogen hatte.

In Rangliste abgerutscht

Auch vom Reglement her ist Albrecht wieder ein «normaler» Rennfahrer. «Ich geniesse», so Albrecht, «keinen Verletzten-Schutz mehr.» Jedes Resultat zählt, auch wenn Albrecht noch nicht ganz der Alte ist. «Ich muss dieses Reglement akzeptieren, wie es ist», sagt Albrecht: «Wenn du ein Bein brichst oder einen Kreuzbandriss erleidest, bist du gut geschützt. Aber wenn du eine Verletzung hast, die zwei, drei Jahre dauert, entsteht eine schwierige Situation. Was soll ich jetzt sagen? Ich sei mehr verletzt gewesen als alle andern. Wenn ich wieder schnell Ski fahre, ist das alles egal.»

Trotz Verletztenstatus ist er in den Weltranglisten abgerutscht, in den Speed-Disziplinen auf Position 53, im Riesenslalom auf den 30. Platz. Wenn er in Sölden im ersten Rennen nicht punktet, droht ihm auch in dieser Disziplin der Absturz. Albrechts Logik: «Wenn ich nicht mehr mit der 30 fahren kann, gewinne ich halt mit der Nummer 50 ...» Zumindest in Sachen Schmäh und Schalk ist er wieder der Alte.

Markenwechsel kam überraschend

Wie gut ist er wirklich drauf? «Es ist schwierig, das einzuschätzen», relativiert er: «Worauf soll man achten: Wer die schnellste Kurve fahren kann oder wer einen ganzen Lauf schnell fahren kann?» Beim Kurvenfahren braucht er Vergleiche nicht zu scheuen, doch bei ganzen Läufen fehlt ihm noch die Konstanz, wie seine Kollegen unisono urteilen. Doch Cuche «warnt» zugleich: «Passt auf, Dani kann wieder sehr schnell sein. Das hat er im Abschlusstraining in Saas-Fee bewiesen.»

Seit diesem Frühling ist Albrecht Markenkollege von Cuche. Der überraschende Wechsel von Atomic auf Head hat Erstaunen ausgelöst. «Er hat sich da eine ziemliche Hypothek in seinen Rucksack geladen», findet Carlo Janka. Solche Wechsel brauchen immer eine gewisse Anpassungszeit. Da Albrecht und Cuche selten miteinander trainieren, fehlte Albrecht bei der Abstimmung der Vergleich.

«Ich wollte einen Neuanfang», erklärt Albrecht: «Head hat gute Piloten, die Firma machte mir einen guten Eindruck. Ich habe nicht aufs Geld geschaut, sondern mich aufs Gefühl verlassen.» Und fügt an: «Ich weiss, dass viele diesen Wechsel nicht verstehen und finden, das sei nicht schlau. Aber Abfahrten fahren ist ja auch nicht schlau. Trotzdem probiere ichs. Da gibts vor den Rennen ja Trainings. Da kann man bremsen.» Völlig unbemerkt ist Albrecht schon zwei Abfahrten gefahren. Im Sommer bestritt er in La Parva (Chile) zwei Rennen, liess beide Male Tobias Grünenfelder hinter sich und verlor nur drei Zehntel auf Adrien Théaux, den Sieger der letzten Weltcup-Abfahrt beim Finale auf der Lenzerheide.

Albrecht baut sein Comeback nach seiner eigenen Philosophie auf: «Ich habe kein fixes Ziel. Ich will einfach Ski fahren, Rennen fahren, Freude daran haben. Und ich will möglichst schnell Ski fahren. Und ich fahre, solange ich kann.» Leistungsdruck lässt er keinen aufkommen: «Der Rang ist definitiv nicht das Ziel. Wenn einem das egal ist, braucht man sich auch keine Gedanken zu machen. Schliesslich setzt jeder sich selber das Messer an den Hals.»