Simon Ammann, was wünschen Sie sich zu Weihnachten?

Simon Ammann: Ich wünsche mir eigentlich jedes Jahr, dass ich nicht krank werde. Bei den vielen Familientreffen vor der Vierschanzentournee ist es immer eine etwas kritische Phase.

Und sportlich?

Da geht es um Arbeit und nicht um Wünsche.

Wer Sie zuletzt hat springen sehen, wird sich fragen: Wieso tut er sich das noch an?

War das eine Frage oder nur Ihr Kommentar?

Eine Frage!

Wenn einer 54. wird, dann macht er niemandem eine Freude. Ich kann mir deshalb vorstellen, dass sich ein Zuschauer diese Frage stellt. Aber ich muss ja nicht so denken. Ich konzentriere mich auf das Tagesgeschäft. Es war noch nie meine Art, nur das Problem zu sehen. Ich will die Lösung für ein Problem finden. Natürlich haben wir bemerkt, dass es bei der Abstimmung Ungereimtheiten gibt, die es zu korrigieren gilt. Gerade der Schuhbereich ist eine grosse Herausforderung, gleichzeitig aber auch ein grosser Treiber für meine Motivation. Ich vergleiche das Vorhaben, einen komplett neuen Schuh zu bauen, mit einem Start-up. Da gelangt man immer wieder an Punkte, die Erklärungsbedarf mit sich bringen. Und ja, ich bin da teilweise voll reingelaufen! Aber ich habe diese Situationen nicht als wahnsinnige Belastung empfunden. Natürlich bin ich sehr stark gefordert, um alles unter einen Hut zu bringen.

Haben Sie noch nie bereut, dass Sie Ihre sechste Olympiateilnahme in Pyeongchang nicht als Anlass zum Abschied genommen haben?

Nein. Dass es in Pyeongchang nicht ganz gereicht hat, obwohl ich bei Olympia einen starken Aufwärtstrend verzeichnete, hat auch dazu geführt, jetzt dranzubleiben. Es war mit der langen Wartezeit vor meinem Sprung zwar einer der aussergewöhnlichsten Wettkämpfe meiner Karriere, aber dennoch hätte mehr herausschauen können. Wir haben die Frage, wieso dem nicht so war, bis Ende Saison intensiv diskutiert. Und vor allem haben wir einen Lösungsweg gefunden. Denn das Umsetzen ist genauso wichtig wie die Antwort auf die Frage, ob du überhaupt weitermachen willst.

Aber man muss in Ihrer Situation viel investieren, um nicht frustriert zu sein?

Nein, eigentlich nicht. Wisla war ein sehr schwieriger Ort, um in den Weltcup zu starten. Das muss man akzeptieren. Erst in Kuusamo habe ich gesehen, wie wohl ich mich mit der Abstimmung wirklich fühle. Und natürlich habe ich gemerkt, dass es wirklich nicht so gut läuft. Zuvor fehlten mir die klaren Zeichen. Bereits die Vergleiche im Sommer ergaben kein eindeutiges Bild. So konnte ich auch nicht genau sagen, wo es noch hapert. Ich hatte nie ein richtig klares Bild. Aber klar, die Resultate waren katastrophal.

Brauchte es grosse innerfamiliäre Überzeugungskraft, den Wunsch zum Weitermachen in die Tat umzusetzen?

Ich will das mal so beantworten: Ich habe mir diese Frage wirklich sehr seriös gestellt. Es war mir wichtig, neue Ideen in die sportliche Weiterentwicklung zu bringen. Dazu brauchte es aussagekräftige Veränderungen, wie das Ski- und Schuhprojekt. Auch auf der physischen Seite brauchte es neue Impulse, um wirklich von einem sinnbringenden Weitermachen sprechen zu können.

Schuh und Ski haben jetzt nicht gerade viel mit meiner Frage zu tun. Ich dachte eher an Frau und Kind!

Ich habe diese Frage, die mir häufig gestellt wurde, stets gleich beantwortet. Vielleicht so viel: Die Saison ist lang und bleibt letztlich eine Herausforderung für die Familie. Dass die Reisewege zu den Grossanlässen in diesem Winter kürzer sind, macht es ein wenig einfacher, sich auch familiär auszutauschen. Darum in Anbetracht der Umstände so viel zu diesem Thema, der Entscheid damals weiterzumachen, brauchte eine gute Basis und ich denke, die hatte ich gefunden.

In Bezug auf Ihre vielen Betätigungsfelder: Sind Sie eigentlich eher ein fliegender Geschäftsmann oder ein unternehmerischer Skispringer?

Skispringen bleibt meine Hauptbetätigung. Die anderen Dinge sind primär temporäre Belastungen. Die erledige ich eher beiläufig. Einzig das Studium war etwas, das ich sehr strukturiert angehen musste. Aber ich und mein Team können das bisher so weit gut handeln. Auch, weil die Prioritäten ganz klar beim Springen liegen.

Sie wollten für die Fortsetzung der Karriere das gute Gefühl von Pyeongchang mitnehmen. Aber das scheint irgendwie nicht gelungen zu sein?

Vieles ging durchaus positiv vorwärts. Aber Skispringen kann wirklich sehr gemein sein. Wenn du bei irgendeinem Detail anstehst, dann haut es dich einfach mal brutal zurück. Wichtig ist, dass man dann eine Lösung finden kann. Ich glaube, dies in den letzten Tagen geschafft zu haben. Wenn nicht, hätte ich wirklich ein grösseres Problem. Ich hatte grundsätzlich aber viele Erfolgserlebnisse über den Sommer im Training, die das Weitermachen legitimieren. An guten Tagen ist meine Performance stark und daher lass ich mir diese guten Elemente auch durch diese erste Delle nicht kaputtmachen.

Bringt Engelberg den Turnaround?

Zu hoffen wäre es. Der Anlass steht für mich unter diesem Stern. Engelberg ist für mich ein Neustart. Es werden sich bei der Abstimmung zwar auch in Zukunft Dinge entwickeln, aber ich denke, eine erfolgsversprechendere Variante gefunden zu haben. Für mich ist es deshalb ein sehr wichtiger Event. Der Wunsch, dass es einigermassen klappt, ist sehr gross. Es geht jetzt darum, den negativen Trend zu drehen. In solchen Situationen bin ich schon froh, nicht mehr 22-jährig zu sein.

Mit was wären Sie in Engelberg zufrieden?

(überlegt): Das ist der Teil, bei welchem ich nicht zu weit vorgreifen will. Es gab im Training in Lillehammer viele Veränderungen. Wichtig ist, diese Veränderungen jetzt zu präsentieren. Der absolute Vergleich mit der Konkurrenz findet auf der Schanze statt. Diesen Vergleich suche ich. Ich bin voll motiviert und selber gespannt, wie viel die Anpassungen bringen werden.

Was wollen Sie im Sport noch erreichen – unsterblich sind Sie ja eigentlich schon?

Ich habe ein grosses übergeordnetes Anliegen: Ein superschöner Sprung – vom Feeling über die Ausführung bis hin zur Landung. Wichtig ist mir auch, die Projekte im Bereich Schuh und Ski weiterzuentwickeln. Wir haben in den letzten zwei Wochen wahnsinnig wichtige Etappen in Angriff genommen. Ich habe die Unterstützung einer tollen, sehr flexiblen Crew. Das ist ein wahnsinnig wichtiger Support für mich. Ich erhoffe mir, dass sich der Umgang mit dieser Materie im Verlauf des Winters auszahlt. Je schneller, desto besser. Dann wird alles auch mental und körperlich einfacher für mich.

Und wenn nicht?

Dann muss man wohl das grosse Pflaster aus dem Schrank hervorkramen. Das fände ich dann nicht so cool.