Aus einer solchen Ausgangslage ist Simon Ammann schon lange nicht mehr in eine Vierschanzentournee gestartet. Jahr für Jahr drehten sich die Fragen der internationalen Medien an den vierfachen Olympiasieger vor dem Traditionsanlass um ein Thema: um den Tourneesieg als einzigen grossen Titel, der Ammann im Skispringen noch fehlt. An diesem Fakt hat sich zwar nichts geändert, doch ist das heuer von untergeordnetem Interesse. Von Sieg und Titel scheint Ammann zur Zeit ein gutes Stück entfernt. Mit einem 10. Platz als bestem Weltcupresultat in diesem Winter gehört der Toggenburger diesmal definitiv nicht zum Favoritenkreis.

Ammann will seine Situation nicht schönreden. «Ich hatte gehofft, bei den Weltcupspringen vor Weihnachten in Engelberg das Eis brechen zu können», sagt er. Dies gelang nicht. Im Gegenteil hatte Ammann das Gefühl, beim Heimweltcup wieder ein Stück zurückgeworfen worden zu sein im Bemühen, nach der fundamentalen Umstellung von Flug- und Landetechnik im Sommer und Herbst zu einem harmonischen Sprungablauf zurückzufinden.

Dennoch begnügt sich Ammann nicht damit, in der Vierschanzentournee ein besseres Trainingslager zu sehen. Die Ambiance der Veranstaltung lässt ihn auch bei der 18. Teilnahme nicht kalt, obwohl er kaum zu jenen Athleten gehören dürfte, die in den kommenden Tagen im Mittelpunkt stehen werden. «Die Tournee ist halt einfach die Tournee», sagt er. «Und diesmal habe ich den Vorteil, dass ich sie etwas gelassener angehen kann als in anderen Jahren, als ich zu den Favoriten gehörte.»

Die Rückkehr an den Sturzort

Kommt hinzu, dass Ammann zum Tourneeabschluss am Dreikönigstag nach Bischofshofen zurückkehren wird – an jenen Ort also, an dem er vor einem Jahr schwer stürzte. Auf die Rückkehr hat er sich bewusst vorbereitet. Um deren Emotionalität etwas abzufedern, reiste er im Oktober eigens nach Bischofshofen, um sich im Training wieder an die dortige Schanze heranzutasten. «Ich wusste, dass mich an der Tournee alle danach fragen würden», sagt er. «Wäre ich seit dem Sturz nicht wieder dort gewesen, hätte ich mich davon vielleicht verunsichern lassen.»

Vorzeitig geschlagen geben will sich Ammann trotz der schwierigen Ausgangslage nicht. Der Routinier weiss, wie wenig es im Skispringen manchmal braucht, um in die Erfolgsspur zurückzufinden. Hoffen lässt ihn der Umstand, dass ihm die Sprunganlage in Oberstdorf besonders gut liegt. 2008 und 2013 konnte er auf der Schattenbergschanze jeweils gewinnen. «Die Chance ist zwar klein, dass ich wieder vorne mitmischen kann», sagt der 34-Jährige. «Doch sie steht nicht bei null.» Nationalcoach Pipo Schödler sieht das genauso: «Wenn Simon in Oberstdorf ein guter Wettkampf gelingt, kann diese Tournee plötzlich zum Selbstläufer werden.»

Freund unter Erwartungsdruck

Ganz anders als für Ammann präsentiert sich die Ausgangslage vor der Tournee für Severin Freund. Vom Weltmeister und Gesamtweltcupsieger erwartet halb Deutschland, dass er die seit 2009 anhaltenden Siegesserie der österreichischen Skispringer bei der Vierschanzentournee beendet. Mit dem deutschen Team hat Freund die Tournee im Herbst bereits einmal im Schnellraffer durchgespielt – mit Sprüngen auf den gleichen Schanzen und Übernachtungen in den gleichen Hotels.

«Das war eine gelungene Übung, auch wenn bei der richtigen Tournee natürlich vieles anders ist», sagt Freund, der in der Vergangenheit nie über den 7. Gesamtrang hinauskam, neben dem Slowenen Peter Prevc aber meistgenannter Favorit ist.

Anderen geht es vor dem Tourneestart eher wie Ammann. Der Österreicher Gregor Schlierenzauer etwa, zweimaliger Tourneesieger, kehrt in Oberstdorf nach einer dreiwöchigen Auszeit zurück. Nach einem missglückten Saisonstart hatte der 53-fache Weltcupsieger mit Motivationsproblemen zu kämpfen. «Jetzt brennt das Feuer in mir wieder», sagt er. Wenn Schlierenzauer auch für einmal nicht zu den Favoriten gehört, so ist er doch immerhin mit dabei – im Unterschied zu anderen Titelgewinnern: Mit Thomas Diethart schaffte es der Tourneesieger von 2014 ebenso wenig ins Aufgebot wie Rune Velta, im Februar noch Weltmeister auf der Normalschanze.