Ski alpin

Schweizer Hoffnung Justin Murisier: Das Comeback eines Jahrzehnt-Talents

Er war auserkoren, dereinst nach Didier Cuche und Didier Défago die Fahne der Romands hochzuhalten. Mittlerweile hofft die ganze Schweiz auf ihn: Justin Murisier meldet sich im Weltcup nach zwei Kreuzbandrissen zurück.

Justin Murisier besitzt das Potenzial, Swiss-Ski mittelfristig aus der Krise zu führen. «Er kann so gut werden wie Hirscher oder Ligety», findet der neue Cheftrainer Walter Hlebayna.

«Justin ist mir früher aufgefallen als einer unserer gefährlichsten Gegner, der manchmal mit dem Kopf durch die Wand wollte», sagt Hlebayna, der als österreichischer Europa-Cup-Trainer natürlich auch auf die Konkurrenz ein Auge warf. Und da war Murisier nicht zu übersehen. Er galt, bis zu seinen beiden Kreuzbandrissen, nicht nur national als Jahrzehnt-Talent. Im Sommer 2011 riss er sich das Kreuzband beim Fussball-Spielen, im Sommer 2012 bei einer unglücklichen Bewegung im Slalom-Training, ohne Sturz.

Mit einer 60er-Nummer am Start

Am Sonntag kehrt der gelernte Forstwart aus dem Val de Bagnes in den Weltcup zurück, zweieinhalb Jahre nach seinem letzten Rennen in Kranjska Gora. Mit einer 60er-Nummer muss er an den Start, weil er nach so langer Pause trotz Verletztenstatus erbarmungslos durchgereicht worden ist. Die Chancen auf eine gute Klassierung sind minimal. Doch Murisier lässt sich den Mut nicht nehmen: «Ich fahre nicht, um drei Sekunden auf einen Qualifikationsrang zu verlieren.» Drei Sekunden lag übrigens im letzten Jahr der Erste voraus, Ligety vor Mölgg und Hirscher.

Solche Cracks hatte Murisier einst im Visier, und viele Fachleute attestierten ihm, dass das durchaus keine Fantastereien waren. «Er kann im Slalom und Riesenslalom an der Weltspitze mitfahren», war sein damaliger Trainer Reto Schläppi überzeugt, ehe ihn sein Freund und Mentor Steve Locher (heute Trainer der Slalom-Gruppe) unter die Fittiche nahm.

In der Tat durfte sich der Leistungsausweis des Cousins des ehemaligen Lauberhorn-Siegers William Besse sehen lassen. An den olympischen Jugend-Weltspielen in Polen gewann Murisier als 17-Jähriger Gold im Slalom. Und kurz darauf holte er an den Schweizer Meisterschaften in St. Moritz im Super-G Bronze hinter Didier Cuche, noch vor Carlo Janka und Didier Défago.

Beim Weltcup-Debüt in Adelboden, zwei Tage nach seinem 18. Geburtstag verblüffte er, als er mit der Nummer 74 auf den 31. Platz vorstiess und die Qualifikation nur um fünf Hundertstel verpasste. In der Weltrangliste mit Jahrgang 1992 war er die Nummer 1 im Slalom und Super-G. Das erste Highlight zündete er im Dezember 2010 im Slalom von Val d’Isère mit einem sensationellen 8. Platz. Und an der WM 2011 in Garmisch schockte er die Skiwelt im Riesenslalom (13. Schlussrang) mit der drittbesten Zeit im 2. Durchgang, noch vor Weltmeister Ted Ligety!

Hlebaynas Wunschprognose ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Murisier zählte auf den alten, stark taillierten Ski zu den Carvern mit den schnellsten Schwüngen. «Darum», bedauert Murisier, «passierten meine Verletzungen im dümmsten Moment während der Materialumstellung, zumal ich mich mit den neuen Ski ohnehin schwertat.» Während sich die Konkurrenz an die neuen Modelle gewöhnte, trauerte Murisier den alten Ski nach: «Ich würde immer noch lieber mit jenen fahren.» Er habe aber auch die neuen Ski schon gut im Griff, finden die Trainer. Murisier relativiert: «Sie meinen, es sei so. Nach meiner Ansicht funktioniert es noch nicht, wie ich es gerne hätte. Ich bin ich noch nicht so in Form wie vor meiner Verletzung.»

Gruppentrainer Steve Locher findet, dass der «verpasste» Materialwechsel für Murisier sogar ein Vorteil sein könnte: «Die Ski sind inzwischen angenehmer zu fahren als die Prototypen des letzten Winters. Diese Qual blieb Justin erspart». Darauf gründet der Optimismus von Cheftrainer Hlebayna: «Wenn Justin auf den neuen Ski den Winkel wieder so ansetzt wie mit den alten, kann er so schnell sein wie Ligety, Hirscher oder Pinturault. Aber die Liebe entsteht nur über den Erfolg». Mit Liebe auf den ersten Blick ist in Sölden jedoch kaum zu rechnen...

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