Der Skifan ist treu. Sonst wäre der Riesenslalomklassiker am Chuenisbärgli vielleicht längst nicht mehr im Weltcupprogramm. Trotz Schweizer Riesenslalomkrise pilgern jährlich über 30 000 Zuschauer nach Adelboden und sichern dem Rennen das Überleben.

Vielleicht ist der Skifan auch Masochist und liebt das Leiden mit den Schweizer Athleten. Seit über zehn Jahren, seit Marc Berthod im Januar 2008 triumphierte, gab es am Chuenisbärgli keinen Heimsieg mehr. Seit 2011, als ebenfalls Marc Berthod Rang sieben belegte, schaffte es kein Schweizer mehr in die Top Ten. Was für eine Leidensgeschichte.

Die Vorzeichen sind gut

Marc Berthod, fortwährend geplagt von starken Rückenschmerzen, hatte 2016 genug gelitten und beendete seine Karriere. Heute ist er Ski-Experte für das Schweizer Fernsehen und darf quasi selbst erklären, warum es bald einen Nachfolger für ihn in Adelboden geben könnte. Die Vorzeichen sind gut.

Am vergangenen Wochenende in Beaver Creek fuhr mit Thomas Tumler erstmals seit 2011, als Carlo Janka in Kranjska Gora gewann, wieder ein Schweizer im Riesenslalom auf ein Weltcuppodest. Doch es ist nicht Tumler, der sinnbildlich für den Aufschwung steht. Sein dritter Rang kam unerwartet, vier Jahre lang erreichte er zuvor im Weltcup nie den zweiten Lauf. Der 29-Jährige profitierte von viel besseren Bedingungen als die Besten. Aber: Er hat die vielleicht einmalige Chance bravourös gepackt.

Die Schweizer Heilsbringer

In Adelboden und anderswo schauen die Skifans aber auf zwei andere Schweizer, die als Heilsbringer taugen: Justin Murisier und Loïc Meillard. Wobei Ersterer einmal mehr selbst leidet und die Saison mit einem Kreuzbandriss verpasst. Dabei schien der 26-Jährige nach schwierigen Jahren bereit für das, was ihm viele schon vor Jahren prognostizierten: den endgültigen Durchbruch. Doch die bereits dritte schwere Verletzung am rechten Knie vertagt den Beweis, dass er zum Siegfahrer reifen kann, erneut.

Bleibt Meillard. Der 22-Jährige belegte in Beaver Creek Rang fünf – und fuhr mit den Bedingungen der absolut Besten, zu denen er immer mehr aufrückt. Der österreichische Erfolgscoach Sepp Brunner, der einst Carlo Janka zum Weltmeister (2009) und Olympiasieger (2010) im Riesenslalom formte, sagte im «Blick»: «Ich sehe weltweit kein grösseres Talent als Meillard.» Er muss es wissen.

Lob von allen Seiten

2015 gewann Meillard an der Junioren-WM Silber im Riesenslalom, 2017 Gold. Vom Internationalen Skiverband FIS wurde er im vergangenen Winter zum «Rising Star» ernannt. Das Prädikat des künftigen Stars erhielten vor ihm schon Mikaela Shiffrin oder Henrik Kristoffersen verliehen. Das Lob für Meillard ist zahlreich und kommt von vielen Seiten. Die Erwartung an den sympathischen Westschweizer sind bereits riesig.

Meillard, der im Sommer manchmal mit seiner ebenfalls talentierten, aber derzeit verletzten Schwester Mélanie im Fitnessraum schwitzt, nimmt das gelassen, hat sich seinerseits ganz eigene Ziele gesetzt. Den vierten Rang vom Saisonfinale nahm er kurzerhand als Massstab für diesen Winter. Daran will er sich messen, mit der klaren Vorgabe, es auf das Podest zu schaffen. «Ich bin zuversichtlich, dass es noch in diesem Winter klappen könnte», sagte er zuletzt in Beaver Creek nach Rang fünf zum Saisonstart. «Ich konnte zeigen, dass ich schnell bin.»

Dynamik im Team

Bei Swiss Ski will man ihm Zeit geben. Zu genau wissen die Trainer, wie oft sie in der Krisendisziplin Riesenslalom schon auf die Zukunft verwiesen haben. Gino Caviezel zum Beispiel belegte schon 2014 Rang neun. Seither ist der 26-Jährige noch zweimal in die Top Ten vorgestossen. Der jüngere Bruder von Mauro, der mit drei Podestplätzen in Abfahrt und Super-G so fulminant in diese Saison startete, fährt zwar regelmässig in die Punkte, der letzte Schritt hin zur Spitze passierte aber noch nicht.

Gino Caviezel hatte das Problem, lange fast alleine die Zukunft sein zu müssen. Nun folgt auf Meillard mit Marco Odermatt bereits das nächste Schweizer Supertalent. Der 21-jährige holte 2016 und 2018 an der Junioren-WM Gold im Riesenslalom und macht den Kollegen im Weltcupteam Druck. Wie Meillard besitzt er einen ausgeprägten Leistungsgedanken und verfügt über grossen Ehrgeiz. Gegenseitig treiben sie sich im Training an und ziehen das Team mit.

Tumlers unerwarteter dritter Rang in den USA hat nun erst recht den Willen geweckt, es ihm gleichzutun. Nicht zuletzt in Adelboden wird das mit Freude verfolgt. Das Ende des langen Leidens scheint nahe. Marc Berthod ist bereit, abgelöst zu werden.