Ski alpin

Schaltet Carlo Janka in Kitzbühel den Tempomat aus?

Eigentlich müsste die technisch schwierige Hahnenkamm-Abfahrt Carlo Janka auf den Leib geschneidert sein.

Eigentlich müsste die technisch schwierige Hahnenkamm-Abfahrt Carlo Janka auf den Leib geschneidert sein.

Für viele ist Carlo Janka ein Rätsel. Denn Jänks» geht wie ein Formel-1-Pilot nur ans Limit, wenn er eine Chance sieht. Tut er es in Kitzbühel? Janka ist zumindest in den Speed-Disziplinen der Spitze viel näher als man meint.

Der «Buster Keaton» des Skisports, der selten eine Miene verzieht, egal, ob er gewonnen oder verloren hat, ist der Absteiger dieses Winters und in allen Disziplinen ausser der Kombination jenseits der Top 30 des aktuellen Klassements.

Aber «Jänks», wie ihn seine Kollegen nennen, ist zumindest in den Speed-Disziplinen der Spitze viel näher als man meint. «Wenn alles stimmt, ist in Kitzbühel einiges möglich», sagt er lakonisch. Buster Keaton, die Kultfigur aus der Stummfilmzeit, ging wegen seines ernsten, stoischen Gesichtsausdruckes als «Mann, der niemals lachte» in die Geschichte ein. Janka, mit seiner undurchschaubaren Mimik auch ein gefürchteter Pokerspieler, kann – wie er in der Superkombination von Wengen zeigte – in jedem Moment wieder «explodieren».

In der ersten Trainingsfahrt in Kitzbühel verlor Janka zwar 5,18 Sekunden. Aber es war «eher eine Besichtigungsfahrt und nur eine halbe Sache». Die Gruppe-1-Fahrer erwägten sogar einen Streik, weil sie dieses Training angesichts der noch suboptimalen Piste und temporären Nebelschwaden für überflüssig hielten. Athleten-Sprecher Erik Guay fand bei Renndirektor Günter Hujara kein Verständnis. «Es ist jedem freigestellt, nicht zu fahren», beschied ihnen Hujara.

Jeder fuhr. Und Janka auf seine Weise, zumal Kitzbühel für ihn stets eine emotionale Herausforderung ist. Den Unfall seines damaligen Zimmerkollegen Daniel Albrecht hat er noch nicht vergessen: «Er ist», so Janka, «immer noch im Hinterkopf. Gerade gestern habe ich im Fernsehen den Sturz wieder gesehen. Dann kommt vieles wieder hoch. Es ist zwar schon lange her und nicht mehr so präsent. Aber es ist gut, wenn man ab und zu daran denkt und sich der Gefahren bewusst wird, damit man den Respekt vor der Piste nicht verliert.»

Zuweilen gewinnt man den Eindruck, Janka fahre mit einem eingebauten Tempomat, den er nur ausschaltet, wenn, wie er sagt: «Alles stimmt: die äusseren Verhältnisse, die Sicht, die für mich besonders wichtig ist, und das Material. So kann ich näher ans Limit gehen. Wenn es nur in einem Bereich Abstriche gibt, wird es schwierig.» Wie bei einem Formel-1-Fahrer, der nur dann KERS zündet, wenns wirklich ums Überholen geht.

Janka zählt nicht zu den Hasardeuren: «Wenn andere einen Fahrstil haben, mit dem sie über die Grenze hinausgehen, bin ich einer, der eher darunter bleibt.» Das zeigt sich auch in seiner Ausfallquote: In 38 Abfahrten ist Janka noch nicht gestürzt. Der Innenski-Fehler am letzten Samstag in der Lauberhorn-Abfahrt, nach dem er ein Tor verfehlte, war der erste Ausfall überhaupt. Trotzdem holt er aus jenem Rennen positive Erkenntnisse: «Obwohl mir am Hundschopf und am Brüggli Fehler unterliefen, fuhr ich dort die fünft- und sechsbeste Zeit.» In schwierigen Passagen braucht Janka niemandem zu fürchten.

Den anspruchslosen obersten Streckenteil, wo er vom «Überleben» redete und überdurchschnittlich viel Zeit verlor, hat er abgehakt: «Vermutlich stimmte dort auch etwas mit der Zeitmessung nicht.» In Kitzbühel ist der erste Abschnitt ein völlig anderer: Mit Mausefalle und Steilhang stellt er höchste Anforderungen an Technik und Mut. «Auch hier gehts ums Überleben», findet Janka, «aber ums Überleben gegen den Berg.»

Eigentlich müsste die Hahnenkamm-Abfahrt Carlo Janka auf den Leib geschneidert sein, obwohl er noch nie über einen 11. Rang hinauskam und sonst Klassierungen in den 20er- und noch höheren Rängen aufweist. Auch in den Super-Gs (19. und 25. Rang) waren sie nicht besser. «Gewisse Passagen liegen mir», sagt Janka, «aber es gibt auch Kurven, die ich noch nicht im Griff habe wie die Einfahrt in die Traverse und die Traverse selber. Diese habe ich fast immer verkachelt.» Für ihn beginnen die Rennen jeweils schon am Vorabend: Da er aus der ersten Gruppe gefallen ist, werden ihm Nummern zwischen 1 und 7 oder 23 bis 30 zugelost. Das kann einen Bonus oder Malus von bis zu einer Sekunde ausmachen.

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