Er ist das Markenzeichen der Lauberhornabfahrt: der Hundschopf. An der Schlüsselstelle des Abfahrtklassikers trennen sich Mut und Respekt, Taktik und Risikobereitschaft. Einer, der sich öfters über die furchterregende Kante hinausgestürzt hat, ist Urs Lehmann.

Der Weltmeister 1993 von Morioka und heutige Präsident von Swiss-Ski. Lehmann war im zürcherischen Mettmenstetten Zaungast an den Freestyle-Masters, dem Lauberhorn quasi der Skiakrobaten. «Wenn man sieht, wie sich die Athleten auf der Schanze rauskatapultieren, dann war mir der Hundschopf seinerzeit lieber.»

Mischa Gasser brilliert mit neuem Sprung

In der Tat: Die Besten, und die waren gestern am Start, schraubten sich bis 15 Meter in Höhe, ehe sie nach mehreren Salti und diversen Drehungen ins Becken eintauchten. Neben den starken Nordamerikanern um Mac Bohonnon und Alex Bowen und den Weissrussinnen bei den Frauen mischten auch die Schweizer vorne mit. Allen voran Mischa Gasser.

Mit der GoPro über die Schanze: Mischa Gasser zeigt seinen spektakulären Kunstsprung mit drei Salti und drei Schrauben.

Mit der GoPro über die Schanze: Mischa Gasser zeigt seinen spektakulären Kunstsprung mit drei Salti und drei Schrauben.

Der 23-jährige Solothurner machte seine angekündigte Weltpremiere wahr. Gasser zeichnete einen «Double-Full Full Double-Full» in die Luft, was so viel heisst wie drei Saltos mit sagenhaften fünf Schrauben. «Ich habe mich erst kurz vor dem Final für diese Variante entschieden», so Gasser, dem im vergangenen Jahr erstmals der Sprung in die Weltspitze gelang.

Sein Gespür gab ihm recht. Gasser gewann den Wettkampf. Guter Vierter wurde Teamkollege Dimitri Isler. Bei den Frauen klassierte sich die Zürcherin Tanja Schärer im beachtlichen zweiten Rang, nachdem sie beinahe ein Jahr wegen einer Schulterverletzung pausieren musste und die gesamte letzte Saison verpasste. «Mit meinem Ergebnis bin ich sehr zufrieden, auch wenn ich gerne vor dem Heimpublikum gewonnen hätte», sagte die 26-Jährige.

Planung auf Olympia ausgerichtet

Zufrieden mit dem Abschneiden seiner Schützlinge war auch Michel Roth. Der Nationaltrainer hat mit Gasser, Isler und Schärer ein kleines, aber schlagkräftiges Team geformt, das im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2018 in Pyeonchang (Skor) akribisch aufgebaut werden soll.

Der Plan beinhaltet nicht nur professionelle Trainingsmöglichkeiten. Die drei sollen auch, so gut es geht, von flankierenden Massnahmen profitieren können. Dass dies in einer Randsportart wie Ski-Akrobatik nicht einfach ist, weiss auch Urs Lehmann. «Wir dürfen uns nichts vormachen. Wer diesen Weg wählt, dem darf es nicht an Idealismus mangeln.»

Mit einem entsprechenden Verteilschlüssel versucht Swiss-Ski sämtliche acht Disziplinen, die dem Verband angeschlossen sind, zu unterstützen. «Unter dem Strich profitieren alle.» In Lehmanns Amtszeit konnte das Budget von jährlich 27 Millionen Franken auf rund 47 Millionen erhöht werden. Michel Roth schliesst sich Lehmanns Aussage an. «Wir sind innerhalb von Swiss-Ski bestens integriert.»

Bereits zwei Olympiasieger

Dennoch ist die Stellung der Aerials ambivalent. Mit Sonny Schönbächler (1994 in Lillehammer) und Evelyne Leu (2006 in Turin) stellten die Luftkünstler schon zweimal den Olympiasieger. Ein nachhaltiger Effekt blieb indes aus. Mit Mettmenstetten steht nach wie vor nur eine Wasserschanze zur Verfügung und die besten Trainingsmöglichkeiten im Schnee findet das Team in Finnland vor. Im November reist Rohr mit seinen Athleten für einen Monat nach Ruka.

Noch konstanter werden

Vor diesem Hintergrund erstaunt es, dass die Schweiz immer wieder Top-Springer hervorbringt. Ob Mischa Gasser, Dimitri Isler oder Tanja Schärer dereinst in die Fussstapfen von Sonny Schönbächler und Evelyne Leu treten werden, darüber will Michel Roth keine Prognose abgeben. «Die drei besitzen die Fähigkeiten, um an der Weltspitze mitzuspringen.» Für den Nationaltrainer geht es zunächst darum, dass seine Athleten konstant auf hohem Niveau springen. «Dann können sie den nächsten Schritt machen.»

Eine Einschätzung, die auch Urs Lehmann gefallen dürfte. Der frühere Abfahrtsweltmeister erschien in Mettmenstetten mit Ehefrau Conny Kissling nicht nur wegen des Leistungschecks der Top-Springer. Lehmanns Interesse galt auch dem Nachwuchswettbewerb. Am Start stand dort die 11-jährige Tochter Nina.