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Rätsel in Wengen: Was läuft mit den Anzügen der Norweger und Italiener?

Der Verdacht kommt nicht von den Verlierern dieses Winters. Den Funken wirft Patrice Morisod ins Pulverfass: «Die Norweger und Italiener haben die schnellsten Anzüge», ist der Erfolgstrainer der Franzosen überzeugt.

Richard Hegglin, Wengen
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Im Kernen-S war Silvan Zurbriggen noch der Schnellste, später im Haneggschuss nahm ihm Svetoslav Georgiev fast 10 km/h ab.

Im Kernen-S war Silvan Zurbriggen noch der Schnellste, später im Haneggschuss nahm ihm Svetoslav Georgiev fast 10 km/h ab.

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Der Grosskampf an der Materialfront wirft in Wengen Rätsel auf: Was läuft mit den Anzügen? Und den Schweizern fahren im Hanegg-Schuss mittlerweile sogar die Bulgaren um die Ohren.
Wie immer, wenn es ums Material geht, wickelt sich vieles im Dunstkreis der Spekulationen und Gerüchte ab. So war es schon bei der letzten grossen Skikrise der Schweizer im Jahr 2004, als es ebenfalls bis Wengen keiner aufs Podest schaffte. Morisod, noch Schweizer Trainer, hatte damals in Verbier mit Didier Défago und einigen Regionalfahrern private Materialtests veranstaltet und zu belegen versucht, dass die Schweizer Anzüge eindeutig langsamer sind. «Niemand hats mir geglaubt», sagt Morisod heute, «hinterher habe ich recht bekommen.» Die Schweizer kehrten auf die alten Anzüge zurück, und in Kitzbühel fuhr Ambrosi Hoffmann aufs Podest.

Trainer-Legende Karl Frehsner besichtigt die Piste
7 Bilder
Tobias Grünenfelder beim Aufwärmen
Frostige Temperaturen am Lauberhorn
Die Vorbereitungen für die längste Abfahrt im Ski-Zirkus sind in vollem Gange
Die Fahrer im zweiten Abfahrtstraining
Blick ins Zielgelände
Marc Gisin im Trainingslauf

Trainer-Legende Karl Frehsner besichtigt die Piste

Keystone

Chemische Behandlung der Anzüge?

Solche Vergleiche geben Rätsel auf. «Ich habe keine pfannenfertige Antwort», sagt der Schweizer Cheftrainer Osi Inglin und räumt ein: «Es ist auffallend.» Es seien Diskussionen im Umlauf über eine chemische Behandlung der Anzüge, was verboten wäre: «Aber Genaues kann ich darüber nicht sagen.» Inglin war schon in den USA in Beaver Creek aufgefallen, wie die Schweizer im langsamen Startabschnitt überdurchschnittlich Zeit verloren: «Bei tiefen und hohen Tempi büssen wir unerklärlich viel Zeit ein.»
Inglin verweist an Karl Frehsner, «der», so Inglin, «von Swiss Ski ein Mandat bezüglich Entwicklung der Anzüge hat». Frehsner hält sich in der Regel bedeckt, wenn es um fachtechnische Auskünfte geht, und beschränkt sich auf die Standard-Floskel: «Es geht in diesem Bereich ja nur um Hundertstel.» Das sieht Morisod völlig anders: «Auf einer Strecke wie am Lauberhorn kann das bis zu zwei Sekunden ausmachen.» Freshner widerspricht: «Morisod versteht zwar in allen Bereichen sehr viel, aber er geht von einer falschen Voraussetzung aus: Ein Athlet ist nur während 20 Prozent der Fahrt in der Idealposition.» Aber ist nicht dann die Aerodynamik des Anzugs noch wichtiger, wenn ein Rennfahrer sich eben nicht in der Idealposition befindet?
Am Dienstag komplimentierte FIS-Renndirektor Günter Hujara an der Mannschaftsführersitzung die Journalisten aus dem Saal und verkündete: «Dieses Thema ist nur für Coaches bestimmt.» Handelte es sich wieder einmal um eine Warnung, die Ausreizung des Anzugsreglements nicht zu weit zu treiben? Im letzten Jahr wedelte Hujara in Wengen mit einem Latex-Fummel, mit dem später Tina Maze Schlagzeilen auslöste. «Ich bin in einer Arbeitsgruppe der FIS und kann mich dazu nicht äussern», sagt Frehsner sibyllinisch. Fügt aber an: «Schon früher waren manchmal einige sehr schnell - und über Nacht plötzlich wieder langsam.» Für die Schweizer hofft man das Umgekehrte.

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