Ski alpin

Plötzlich bewundert – wie die Schweizer Techniker von Sorgenkindern zu Hoffnungsträgern wurden

Werden schon lange nicht mehr belächelt: Die Schweizer Slalomfahrer (im Bild Ramon Zenhäusern) begeistern die Massen.

Das Speedteam im Clinch, die Techniker im Hoch – der Rollentausch im Männerteam ist längst vollzogen.

Es ist noch nicht so lange her, da wurden die Schweizer Techniker belächelt. Oder schlimmer: sogar bemitleidet. Nun sollen sie das Männerteam vor einem Nuller an der WM bewahren. Es ist die Geschichte eines Aufstieges. Eine Geschichte, die erklärbar ist, weil viele Schlüsselfaktoren erfüllt sind.

Doch beginnen wir damit, was passiert, wenn wenig zusammenpasst. Die WM hat einmal mehr gezeigt, wie gross die Abhängigkeit im Speedteam von Beat Feuz ist. Er ist seit Jahren der Garant für Erfolg. Geht er leer aus, geht die Mannschaft leer aus. Natürlich: Mauro Caviezel hat zu Beginn des Winters beachtenswerte Resultate erzielt und fährt auch jetzt solid. Aber was kommt dahinter? Sehr wenig. Statt einer belebenden Dynamik herrscht Unruhe und Missmut.

Ein Klima, das hemmt

Carlo Janka sagte nach einer für ihn enttäuschenden WM im «Blick»: «Bei uns gibt es keine Emotionen, die Stimmung ist wie tot! Wir haben leider nicht den Zusammenhalt, den es braucht, um als Team erfolgreich zu sein.» Es ist ein Frontalangriff. Und Swiss Ski reagierte sofort und verbot den Athleten, über das Thema zu sprechen. Die Probleme würden intern geregelt.

Das ist ein nachvollziehbares Vorgehen. Es zeigt aber auch, wie viel offenbar falsch läuft, wie gross die Differenzen sind. Man hört von Gruppenbildung, von schwacher Kommunikation der Trainer. Zusammengefasst: Man hört von einem Klima, das hemmt.

Ein respektvoller Kampf

Auch wenn Skifahrer Einzelsportler sind, verbringen sie viel Zeit zusammen. Dass ein Reiz-Klima nicht leistungssteigernd ist, scheint logisch. Es braucht Rivalität, das schon. Sie spornt an. Es braucht aber auch gegenseitigen Respekt.

Im «Tages-Anzeiger» erklärte Kjetil André Aamodt, warum die Norweger seit Jahren erfolgreich sind: «Alle sprechen miteinander. Keiner ist auf den anderen eifersüchtig, wenn dieser ein gutes Resultat gemacht hat. Gewinnt einer, fragen die anderen, wie er das hingekriegt hat.» Und dann versuchen sie, es besser zu machen. Es ist ein respektvoller Kampf um den Posten des Leitwolfs im Team und ein belebender.

Keine besten Freunde

Aamodt hätte auch über die Schweizer Techniker sprechen können. Dort passiert Ähnliches. Dass Marco Odermatt mit Rang 12 im WM-Super-G bester Schweizer war, passt. Der 21-Jährige trainiert mit dem Team der Riesenslalomfahrer. Dort duelliert er sich unter anderen mit Loïc Meillard. Der 22-Jährige wird wie Odermatt als Supertalent gehandelt. Technik-Dominator Marcel Hirscher spricht von beiden in höchsten Tönen.

Odermatt sagt: «Bei uns im Team ist alles ein Wettkampf. Egal ob auf der Ski-Piste, im Kraftraum oder sonst wo. Und jeder will immer der Beste sein.» Gleichzeitig stimmt die Chemie. Meillard teilt ein Foto auf Instagram, das ihn mit den Kollegen auf Schneemobilen zeigt. Er schreibt dazu: «Team building».

Lust auf ein Trainingslager

Athleten müssen nicht beste Freunde sein. Aber Aksel Lund Svindal erklärte es einmal so: «Man muss Lust haben, mit den Jungs einen Monat nach Südamerika ins Trainingslager zu reisen. Und ich hatte immer.»

Diese Lust, zusammen etwas zu erreichen, spürt man bei den Schweizer Technikern. Odermatt sagt: «Wir haben ein cooles Team, super Trainer und sind nun seit drei, vier Jahren zusammen.» Das Zusammenspiel passt. Die Kontinuität hilft. Belohnt wurde Swiss Ski mit den ersten Podestplätzen in der jahrelangen Sorgendisziplin seit März 2011: Thomas Tumler wurde in Beaver Creek Zweiter, Meillard in Saalbach.

Vertrauen geben

Das Schweizer Slalomteam ist der Entwicklung noch etwas weiter. Darum sind die Medaillenchancen am Sonntag grösser als heute im Riesenslalom. Die Faktoren, die für den Aufschwung gesorgt haben, sind identisch. Gruppenchef Matteo Joris sagt: «Es gehört zu meinem Job, mit den Fahrern zu reden, ihnen Vertrauen zu geben.»

Die Kommunikation ist wichtig und diese funktioniert gut in beiden Technik-Teams. Und dann ist da noch der Erfolg, der hilft. Joris sagt, das sporne jeden an, der Beste zu werden. Es entstehe eine Dynamik, die in den Trainings und in den Wettkämpfen alle erfasst.

Der Rollentausch hat stattgefunden

Daniel Yule hat als erster Schweizer seit November 2007 einen Weltcupslalom gewonnen. Ramon Zenhäusern hat vor einem Jahr an den Winterspielen Silber geholt. Sie beide, Luca Aerni und Loïc Meillard standen in dieser Disziplin schon auf dem Podest.

Die Schweizer Techniker waren lange die Sorgenkinder von Swiss Ski. Der Rollentausch hat aber schon lange stattgefunden. Heute sind sie die Hoffnungsträger auf WM-Medaillen. Aus Mitleid wurde längst Bewunderung.

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