Natürlich will sie es selbst am meisten. Aber irgendwie hat Wendy Holdener auch die immer gleiche Frage satt: Wann ist es so weit, wann gewinnt sie einen Weltcup-Slalom? Elfmal stand die 24-Jährige schon auf dem Podest, aber eben noch nie als Siegerin.

«Mittlerweile», sagt sie, «bin ich schon so weit, dass ich es einfach mal geschafft haben will, damit nicht immer alle fragen.»

Petra Vlhová kennt das Geheimrezept

Doch wie schafft man es? Die Slowakin Petra Vlhová weiss es. Dreimal stand sie im Weltcup als Siegerin auf dem Slalompodest. Zweimal konnte sie gewinnen, obwohl Slalom-Königin Mikaela Shiffrin am Start war. Genauer: den letzten Slalom der vergangenen und den ersten der neuen Saison.

Wir treffen Petra Vlhová in Killington, wo am Sonntag der nächste Slalom stattfindet. Also, Frau Vlhová: Verraten Sie Ihr Erfolgsrezept?

Parallelen sind gegeben

Die 22-Jährige lacht. So einfach ist das also nicht. Darum starten wir gemeinsam mit ihr einen Erklärungsversuch und erfahren eine Geschichte, die auch Parallelen zu der von Wendy Holdener hat.

> Der Trainer aus Italien:

Petra Vlhová arbeitet mit Livio Magoni. Seit der Italiener im Frühling 2016 ihr Trainer wurde, zeigt die Leistungskurve steil nach oben. «Die Menschen in der Slowakei neigen dazu, die eigenen Leistungen nie hervorzuheben», sagt Vlhová. «Wir machen uns kleiner, als wir sind. Livio hat mir gezeigt, dass man selbstbewusst auftreten und mehr wollen darf.»

Öffentlich zu sagen, dass man nach dem Maximum strebt, ist auch in der Schweiz verpönt. Wo es hingegen in den USA, also in Shiffrins Heimat, das Normalste überhaupt ist. Mit Alois Prenn hat auch Wendy Holdener einen italienischen Trainer, der als Südtiroler aber weniger temperamentvoll ist als Magoni, der auch drei Jahre die ehemalige Weltklasse-Athletin Tina Maze betreute. So oder so hat auch Holdener in den vergangenen Jahren Selbstbewusstsein gewonnen. Und fast linear dazu wuchs der Erfolg.

> Der Alleingang:

Petra Vlhová ist mit einem Privatteam unterwegs. Anders als Mikaela Shiffrin, die den Weg mit ihrer Mutter als wichtigste Trainerin an ihrer Seite bewusst wählt, hat sie aber gar keine andere Wahl. In der Slowakei ist der Verband quasi inexistent. Ausser es geht um Geld. Für den erfolgreichen vergangenen Winter hat die slowakische Regierung eine stattliche Erfolgsprämie gesprochen und an den Verband gezahlt.

Vlhová hat 3000 Dollar erhalten. Der Rest ist abgezwackt worden. Ein Schelm, wer an Korruption denkt. 3000 Dollar für ein sechsköpfiges Privatteam, das 300 000 Dollar im Jahr kostet.

Zwei Einzelkämpferinnen

Auch Wendy Holdener war lange allein. Swiss Ski stand zwar immer hinter ihr. Und das ohne Nebenverdienste. Doch als die 24-Jährige im Weltcup debütierte, war das Schweizer Slalomteam quasi inexistent und Holdener eine Einzelkämpferin.

Cheftrainer Hans Flatscher sagt: «Das hat sie so stark gemacht, wie sie heute ist.»

Doch was wäre möglich, wenn die Schwyzerin noch heute alleine wäre oder den Weg mit Privatteam wählte? «Ich fühle mich wohl, wie es ist», sagt Holdener, die mittlerweile eine Gruppe von Schweizer Slalomtalenten anführt.

Not macht erfinderisch

Petra Vlhová sagt: «Es ist nicht einfach, allein unterwegs zu sein. Wir müssen oft improvisieren und uns Trainingspartner suchen.»

Doch Not macht erfinderisch. So trainiert die Slowakin abwechselnd mit den Besten: ob in Zermatt mit dem Schweizer Team oder in Schweden mit Shiffrin. Die oft schwierigen Umstände bringen Vlhová weiter.

> Die Familie:

Petra Vlhová betont im Gespräch, wie viele Opfer ihre Familie für sie gebracht habe. Ihr Vater, Chef einer Firma mit drei Angestellten, sei zwar erst eher skeptisch gewesen, während die Mutter von Anfang an von einer Skikarriere der Tochter träumte.

Mit drei Jahren stand Petra erstmals auf Ski und noch vor der Einschulung erkannten Experten ihr Talent. «Mit den ersten Siegen kam auch bei Papa die Euphorie», sagt Vlhová. 2012 gewann sie Slalom-Gold an den Olympischen Jugendspielen und 2014 an der Junioren-WM.

Vlová hat noch Träume

Junioren-Weltmeisterin ist auch Wendy Holdener. Allerdings in der Kombination. Also in der Disziplin, in der sie im Februar in St. Moritz Weltmeisterin wurde. «Ich werde in dieser Saison ebenfalls Kombis im Weltcup fahren», sagt Vlhová. «Mein Traum ist es, dereinst zur Allrounderin zu werden.»

Diesen Traum teilt sie mit Holdener, genau wie die enge Verbindung zur Familie. Im Trainerteam von Petra Vlhová arbeitet Bruder Boris. Und Kevin Holdener betreut seine Schwester als Manager. «Die Familie ist am wichtigsten», sagt Vlhová.

Eine Aussage, die Holdener sofort unterschreiben würde. Das Wissen, einen Rückzugsort zu haben, gibt beiden Athletinnen viel Sicherheit.

> Die zwei Gesichter:

Petra Vlhová sagt über sich selbst: «Ich bin eine ruhige und schüchterne Person.» Zumindest bis sie im Starthaus steht. «Dann werde ich zum Tiger.» Diese Verwandlung braucht es, um zu gewinnen. Auch Holdener steht nicht gerne im Rampenlicht.

Der Rummel wird ihr manchmal zu viel. Doch auch sie sagt: «Ich muss aggressiv und angriffig fahren. Gelingt mir das zweimal hintereinander, kann ich einen Slalom gewinnen.» Auf der Piste ist kein Platz für die sonst herzliche Art beider Frauen.

«Keine Süssigkeiten, bis ich gewinne» 

Es gäbe noch andere Parallelen. Zum Beispiel, dass beide Frauen eine Ausbildung als Hotelfachangestellte haben. Doch vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch Holdener einen Slalom gewinnen kann. Vielleicht schon an diesem Sonntag in Killington?

Petra Vlhová sagt: «Ich hatte einen Deal: Keine Süssigkeiten, bis ich gewinne.» Nach einem Rennen schon ist diese Abmachung hinfällig. Vielleicht ist ja das der Schlüssel zum Erfolg.