Ski Alpin

Marc Berthod vor der Erlösung?

Marc Berthod – vom Messias Ski alpin zum hoffnungsvollen Nebendarsteller. Der Schweizer und die Erwartungen für den heutigen Riesenslalom in Adelboden, dem Berg seiner grossen Erfolge.

Auch vier Jahre danach provoziert der Rückblick noch Hühnerhaut. Mit Startnummer 60 und als 27. des
ersten Laufs zündet Marc Berthod am Chuenisbärgli in Adelboden eine Rakete.

Mit jedem folgenden Fahrer, der an der Fabelzeit des Engadiners zerbrach, steigerte sich die Stimmung im Zielgelände bis zur Explosion. Denn es war mehr als ein ordinärer Sieg, den Berthod am 7. Januar 2007 errang.

Es war eine Erlösung. Weniger für ihn, vielmehr für die gesamte Ski-Schweiz. Berthods Husarenstück bedeutete das Ende einer langen Leidenszeit von 103 sieglosen Rennen. Der Messias war geboren. Erst recht, nachdem er im folgenden Jahr auch im Riesenslalom triumphierte – Berthod ist bis heute der Einzige, der bei den Weltcup-Rennen in Adelboden sowohl im Riesen als auch im Slalom siegte.

Doch heute erinnert nur noch das Archiv daran, dass Berthod den Status eines Superstars genoss. Oder wie es Berthod ausdrückt: «Unterdessen werde ich nur noch einmal jährlich mit hohen Erwartungen konfrontiert.» Dann, wenn er in Adelboden startet.

Gedanken an Rücktritt

Ansonsten ist er bloss noch ein Nebendarsteller im mittlerweile wieder erstarkten Team von Swiss-Ski. Wegen chronischer Rückenbeschwerden hat er zwei Jahre verloren. In dieser Zeit hat er nichts unversucht gelassen. So hat er unter anderem den Alleingang mit Privattrainer und Camper gewagt.

Dochdie Resultate blieben so hartnäckig schlecht wie die Beschwerden. Die Krise war derart tiefschürfend, dass sich «Bört» sogar mit Rücktrittsgedanken auseinandersetzte. Es sei unglaublich hart gewesen, ihn während dieser Zeit zu beobachten, sagt Vater Martin. «Denn gross helfen konnte ich in dieser Zeit nicht.» Berthod fiel fortan nur noch durch seinen Bart auf, den ihm gepaart mit seinem etwas abgekapselten Leben im Wohnmobil den Ruf eines Freaks eingebracht hatte.

Doch das war bloss Mittel zum Zweck. Denn Berthod hatte die Leichtigkeit und die Lust am Skifahren verloren. Er sah keinen anderen Weg, um die Tortur zu überstehen. «Aber die Veränderung hat sich auf das Äusserliche beschränkt», sagt Martin Berthod. «Er ist kein stromlinienförmiger Typ. Das war er noch nie. Deswegen ist er aber kein Querulant.»

Der Camper und der Bart sind noch da, aber die Rückenleiden sind weg. Zurück ist indes die Freude an seinem Sport. «Ich nehme meinen Beruf wieder ernst und suche wieder die Diskussion mit meinem Umfeld», sagt Berthod. Trotzdem sind die Resultate ernüchternd. Der 21.Platz im Riesenslalom von Val d’Isère ist sein bisher bestes Ergebnis. Noch ist seine Position etwas zu aufrecht und auch die Dynamik seiner besten Tage hat er noch nicht erreicht. Ausserdem beklagte er zu Saisonbeginn Materialprobleme. «Der Druck im Hinblick auf eine WM-
Nomination nimmt zu», sagt Vater Martin.

Und solange die positiven Resultate fehlen, verschärft sich die wirtschaftliche Situation. Schliesslich muss der 27-Jährige seinen Privattrainer selbst bezahlen. «Von den Fähigkeiten und vom Material her wäre alles in Ordnung. Nur passen die beiden Komponenten noch nicht ganz zusammen», sagt Berthod.

Falls er tatsächlich Druck verspüren sollte, kaschiert er diesen zumindest gut. Viel eher scheint er zur alten Leichtigkeit zurückgefunden zu haben. Ob er auch nächste Saison wieder mit dem Camper unterwegs sein wird, lässt er heute offen.

«Ich kann mir auch vorstellen, mich wieder ganz ins Team zu integrieren.» Und auf die Frage nach seinem Ritual am Start meint er lakonisch: «Tief durchatmen und losfahren.» Vater Martin jedenfalls traut ihm für den heutigen Riesenslalom einen Platz unter den ersten zehn zu. Oder: Es ist wieder Zeit für eine Erlösung. Aber diesmal eine für Berthod persönlich.

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