Vom Ziel aus hat Lindsey Vonn gerade mal 200 Meter, dann kann sie sich in ihrem Zimmer aufs Bett legen und ausspannen. Keine Mannschaft ist in St. Moritz so nahe an der Piste einquartiert. Stefan Abplanalp, der Schweizer Cheftrainer in US-Diensten, machts möglich. «Networking» zählt zu seinen Kernkompetenzen.

Die Fahrerinnen aller andern Teams, auch die Schweizerinnen, müssen ins Auto steigen und ins Tal runterfahren. Nur die Amerikanerinnen haben das Privileg, auf Salastrains gleich mit den Ski ins Hotel fahren zu können.

«Das hat», so Abplanalp, «vor allem bei Verschiebungen Vorteile. Wir können zurück in die Wärme, der Masse ausweichen und uns in Ruhe auf das Rennen vorbereiten.» Zumindest im ersten Abfahrtstraining ging die Rechnung auf: Lindsey Vonn fuhr Bestzeit und drei weitere Amerikanerinnen klassierten sich in den ersten acht.

Beziehungen, Technik und Fingerspitzengefühl

Mit solchen Vorteilen, die er dank seines feinmaschigen Beziehungsnetzes für seine Athletinnen herausholt, kann Abplanalp bei Lindsey Vonn und Co. punkten, auch wenn er eingesteht: «Das ist nur mit einem kleinen Team möglich. Auf Salastrains wohnen die Athletinnen, die Serviceleute und der Physiotherapeut – alle Trainer sind unten im Dorf einquartiert.»

«Wer auf diesem Niveau arbeitet», sagt Abplanalp, «hat auf ein optimales Umfeld zu achten, ob in der Logistik, beim Material und der Wahl der Trainingsgebiete.» Oder auch der Unterkünfte. Das technische Wissen gehöre natürlich auch dazu, «das bildet das Fundament. Aber die Sozialkompetenz ist für einen Cheftrainer oder Gruppenchef eine der wichtigsten Eigenschaften».

Und Fingerspitzengefühl: So ist für Abplanalp auch die Freundschaft zu seiner ehemaligen Fahrerin Lotte Smiseth Sejersted aus Norwegen kein Problem: «Das eine ist der Job, das andere privat. Solche Beziehungen gab es im Skisport immer wieder.»

Die Philosophie muss stimmen

Vor zweieinhalb Jahren hat Abplanalp Swiss-Ski nach einem Disput mit dem damaligen Frauen-Chef Mauro Pini verlassen und ist über Norwegen in Amerika gelandet: «Das Angebot, das mir US-Alpindirektor Patrick Riml in Sotschi machte, kam zum richtigen Zeitpunkt.» Riml und Abplanalp sind gute Freunde, die auch gelegentlich mal auf die Pauke hauen können.

«Wir haben», so Abplanalp, «grossen gegenseitigen Respekt und die gleiche Philosophie. Patrick ist ein Macher, ein Mann mit Visionen.» Der notfalls auch durchgreifen kann: Im Verlaufe der Saison wurden gleich drei Trainer freigestellt oder umgeteilt, darunter auch Abplanalps Co-Trainer und Kollege Pascal Hasler.

Schon als Riml in Kanada arbeitete, wollte er den Berner Oberländer holen. Diesmal sagte Abplanalp zu: «Es reizte mich, mit dieser Mannschaft zu arbeiten und eine Ausnahmeathletin wie Lindsey Vonn nach ihrer Verletzung wieder an die Spitze heranzuführen.» In einem längeren Gespräch mit Vonn hat er sondiert und weitgehende Übereinstimmung festgestellt: Der Comeback-Plan ist aufgegangen und am letzten Wochenende mit den WeltcupRekordsiegen Nr. 62 und 63 gekrönt worden.

«Mit beiden Beinen auf dem Boden»

Aber auch die Ergebnisse der Mannschaft dürfen sich sehen lassen: Nachdem es im letzten Winter keine einzige US-Speedfahrerin auf ein Podest geschafft hatte, glückte ihm schon in Lake Louise einen Triple-Triumph, dem drei weitere Siege folgten.

«Wir nehmen die Emotionen auf, bleiben aber mit beiden Beinen auf dem Boden», dämpft Abplanalp allfällige Euphorie. «Es ist nicht der Zeitpunkt, um gross zu feiern.» Das steht erst nach der WM in Vail/Beaver Creek auf dem Terminplan ...