Enttäuschung
Lindsey Vonn: «Ich muss das jetzt so schnell wie möglich vergessen»

Lindsey Vonn wollte die grosse Figuer an den alpinen Ski-WM in Vail und Beaver Creek. Nach den Enttäuschungen im Super-G und der Abfahrt, brach die US-amerikanische Schönheit am Montag nach der Superkombination in Tränen aus.

Martin Probst, Beaver Creek
Drucken
Teilen
Lindsey Vonn fährt nach ihrem Ausscheiden im Kombinations-Slalom Richtung Ziel

Lindsey Vonn fährt nach ihrem Ausscheiden im Kombinations-Slalom Richtung Ziel

Keystone

Eigentlich sollte es perfekt werden. Die beste Skifahrerin der Geschichte ist nach zwei Kreuzbandrissen zurückgekehrt, um vor Heimpublikum an der WM alle zu begeistern. Rechtzeitig vor den Titelkämpfen kam Lindsey Vonn in Form und übertraf den Rekord der Anzahl Weltcupsiege von Annemarie Moser-Pröll. «Endlich ist diese Marke, von der alle sprachen, gebrochen. Jetzt kann die WM kommen», sagte die 30-Jährige.

An der WM in ihrer Heimat Vail sollte die Krönung folgen – oder vielleicht sogar die Heiligsprechung. Im Super-G zum Auftakt gewann Vonn nur Bronze. Sie und das Volk haben es verziehen, schliesslich blies der Wind und verfälschte das Rennen. Und: In der Abfahrt würde es schon klappen mit dem Gold. Doch wieder nichts. Nicht einmal eine Medaille: nur Rang fünf.

Das perfekte Bild, das vor der WM gezeichnet wurde, begann sich endgültig aufzulösen. Der Radiergummi war die WM-Piste Raptor. Den Raubvogel konnte Vonn nie zähmen, die Kratzer wurden sichtbar. Von zwei Goldmedaillen hatte sie geträumt, geblieben ist ihr bis dahin ein bronzenes Trostpflaster. Trotzdem: Es blieb ja die Superkombination, sagte sie, schrieben die US-Journalisten und versuchte das amerikanische Volk, zu glauben.

Die grosse Trauer

Nach der Kombi am Montag entluden sich endlich die Emotionen, die sie so lange zurückhalten musste. Vonn weinte. Der immense Druck fiel ab. Doch nicht etwa in Glückstränen auf den Boden. Sondern als Ausdruck des Schmerzes in die Schulter ihrer Teambetreuerin. Vonn war ausgeschieden. Wieder kein Gold. «Ich bin wahnsinnig enttäuscht. Ich habe nicht erreicht, was ich mir für die Heim-WM vorgenommen habe. Das ist für mich, meine ganze Familie vor Ort und alle Fans brutal», sagte Vonn. «Ich muss das jetzt, so schnell wie möglich, vergessen.»

Eine Chance hat sie noch. Im Riesenslalom am Donnerstag, obwohl dort die Möglichkeit gemäss Papierform am kleinsten ist. Doch zwangläufig kommt einen Didier Cuche in den Sinn. An den Weltmeisterschaften 2007 in Åre verpasste der Schweizer im Super-G seine erste WM-Medaille um eine Hundertstelsekunde und in der Abfahrt um vier. Erst in seiner vermeintlich schlechtesten Disziplin, dem Riesenslalom, gewann er Bronze.

Auch Vonn klammert sich an diese Hoffnung. Es wäre – auch bei Silber oder Bronze – immerhin ein versöhnlicher Abschluss mit einer WM, die ganz anders verlief, als von ihr geplant. Und irgendwie passt es ins Bild, dass sie wieder über Knieschmerzen klagt. Das endgültige Happy End nach zwei Kreuzbandrissen war vorgesehen, nun wurde aus der Inszenierung ein Drama. Mit Tränen und allem, was da eben dazugehört.

Unterstützung von Hirscher

In Schutz genommen wird Vonn von einem, der die Situation kennt. Marcel Hirscher war vor zwei Jahren an der Heim-WM in Schladming dazu verdammt, Gold zu gewinnen. Anders als die Amerikanerin – zumindest bisher – fand der Österreicher aber einen Ausweg aus dem Dilemma. Hirscher holte sich den Weltmeistertitel im Slalom. «Es ist brutal. Am Abend vor dem Wettkampf stehst du vor dem Spiegel und weisst: Morgen kommen alle nur, um dich siegen zu sehen», sagt er. Das ist dem heute 25-Jährigen in Schladming so ergangen und das geht Vonn in den USA so. Kaum einer, der im Zielraum kein Lindsey-Transparent in die Höhe streckt.

Experten attestierten Vonn an der bisherigen WM eine fehlende Lockerheit, ersetzt durch eine verhindernde Verbissenheit. «Es ist gar nicht so, dass man selbst zu viel will. Es ist nur der Kopf, der dir immer wieder sagt, dass du musst», sagt Hirscher. Wie er es schafft, diese Gedanken in einem solchen Moment loszuwerden, will der Österreicher nicht verraten. «Sonst kopiert das ja jeder», sagt er. Trotzdem: Es geht darum, zurückzublicken, was man bereits erreicht hat. Das gibt Lockerheit. Zumindest bei den meisten. Oder es gelingt ihnen, sich das so lange einzureden, bis es der Kopf glaubt.

Nicht aber bei Vonn. Trotz der zahlreichen Titel, die sie schon gewonnen hat, der Rekorde, die sie schon gebrochen hat, will sie immer mehr. In Beaver Creek versuchte sie es mit Abstand. Nur nicht darüber reden. Doch es ging bisher nicht auf.
Auch Hirscher sagt: «Ich bin mir bewusst, dass man in Österreich erwartet, dass ich meinen Weltmeistertitel im Slalom verteidige.» Aber immerhin sei dies weit weg, über den Atlantik. Bei Vonn hingegen warten die Erwartungen vor der Haustür.

Aktuelle Nachrichten