Der eine war Weltmeister in der Abfahrt, der andere hat in Kitzbühel gewonnen: Bruno Kernen (46) und Hans Knauss (47) wissen, wie man schnell ist. Die beiden Ex-Stars sind trotz ihres für Sportler hohen Alters topfit. An der WM in Åre sind sie als Kamerafahrer im Einsatz. Knauss, der Kitzbühel-Sieger von 1999, wagt sich für den ORF auf die Piste. Kernen, der Weltmeister von 1997, liefert Bilder für den WM-Broadcaster.

Als wir Hans Knauss in Åre treffen, kommt er direkt von der Piste und legt sofort los: «Wir haben das Glück, dass wir echte Typen haben unter den Abfahrern. Keiner will den anderen kopieren, jeder ist selbst ein echt cooler Bursche.» Knauss ist spürbar begeistert von seinen Nachfolgern auf der Abfahrt.

Bruno Kernen ist nüchterner, als er mit den Ski auf den Schultern aus dem Zielgelände kommt. Während Knauss vor allem von den Menschen schwärmt, faszinieren Kernen die Sportler. Er spricht über das Können der Top-Cracks und lobt ihre Stärken. «Feuz ist mit einem Talent gesegnet – da gibt es weltweit nicht viele andere.»

Vor der WM-Abfahrt in Åre charakterisieren Hans Knauss und Bruno Kernen die sechs Topfavoriten:

1. Beat Feuz: Der Lausbub

Bei Beat Feuz hängt der Lausbub noch mit drin.

Bei Beat Feuz hängt der Lausbub noch mit drin.

Wenn Hans Knauss über Beat Feuz spricht, beginnt er zu schwärmen. «Da habt ihr Schweizer einfach ein Riesen- Glück. Er ist nicht nur einer der Schnellsten der Welt, sondern auch einer der besten Typen. Bei ihm hängt der Lausbub noch mit drin.»

Aber eben nicht nur. «Er findet die perfekte Mischung zwischen Verspieltheit und Aggressivität auf der Piste», sagt Bruno Kernen. Und genau das macht Feuz so schnell. In zehn der letzten elf Abfahrten stand er auf dem Podest. Kein anderer hat eine nur annähernd gleich gute Bilanz.

2. Christof Innerhofer: Der Mann mit Flügeln

Innerhofer ist auf und neben der Piste nie langweilig.

Innerhofer ist auf und neben der Piste nie langweilig.

Bruno Kernen würde ihm auf der Piste «am liebsten die Arme zusammenbinden, damit er sie nicht als Flügel benutzt. So verschenkt er viele Rennen.» Und trotzdem: «Ihn muss man immer auf der Rechnung haben», sagt Knauss. «So wie er fährt, ist er auch neben der Piste.» Nie langweilig. «Wenn man mit ihm zu sprechen beginnt, bleibt man oft lange hängen. Er ist einer, der sich nie hat biegen lassen.»

Innerhofer bleibt sich treu. Doch auf der Piste ist der Italiener eine Wundertüte. Zwischen Top und Flop liegt manchmal nur ein Tag.

3. Dominik Paris: Der Cool-Geborene

Hat einen unbändigen Willen: Dominik Paris.

Hat einen unbändigen Willen: Dominik Paris.

Dominik Paris imponiert. «Wenn man ihn im Starthaus beobachtet, ihm in die Augen schaut, sieht man seinen unbändigen Willen», sagt Bruno Kernen. Er explodiere jeweils fast vor Motivation. Bis es losgeht, dann ist er in seinem Element. Knauss sagt: «Coolness kann man nicht lernen. Er ist schon so auf die Welt gekommen.»

Doch Paris musste erst lernen, seine Lockerheit mit Ehrgeiz zu vereinen. Lange frönte er lieber den Verlockungen des Lebens. Erst ein Sommer mit harter Arbeit auf einer Schweizer Alp erdete den damals 18-Jährigen.

4. Matthias Mayer: Der mit dem Tunnelblick

Mayer gewann 2014 Olympia-Gold in der Abfahrt.

Mayer gewann 2014 Olympia-Gold in der Abfahrt.

Trifft man Matthias Mayer auf der Besichtigung, lächelt er immer. Aber auf Fragen reagiert er nicht. «Er ist so konzentriert und so im Tunnel, dass er durch einen durchschaut», sagt Knauss. Das Lächeln ist Ablenkung, die Gedanken sind dann ganz woanders. Kernen sagt: «Mich beeindruckt, dass er an den Grossanlässen so stark ist.»

Vor allem an Olympischen Spielen: Mayer gewann Olympia-Gold in der Abfahrt (2014) und Gold im Super-G (2018). Eine WM-Medaille hat er noch nicht. Aber er hat wieder den Tunnelblick.

5. Vincent Kriechmayr: Der Bursche vom Bauernhof

Kriechmayr ist der Sieger der Lauberhornabfahrt.

Kriechmayr ist der Sieger der Lauberhornabfahrt.

Der Sieger der Lauberhornabfahrt ist bodenständig geblieben. «Kein Wunder», sagt Knauss. «Er kommt vom Bauernhof und buckelt bis heute im Stall. Das hat aber noch einen zweiten positiven Effekt: Kriechmayr ist unglaublich kräftig.»

Gleichzeitig ist der 27-Jährige zurückhaltend. «Aber nur gegen aussen», verrät Knauss. «Der Bursche ist ein frecher Hund.» Und ein begnadeter Techniker. Das imponiert Kernen: «Von allen Abfahrern steht er am besten auf dem Ski.» Das kann in Kurven die Hundertstelsekunden für den Sieg bringen.

6. Aksel Lund Svindal: Der edle Ritter

Ein Vorzeigeathlet.

Ein Vorzeigeathlet.

Aksel Lund Svindal ist trotz all seiner Erfolge bescheiden geblieben. Knauss sagt: «Ich würde ihn gerne Sir Aksel nennen, er hätte es verdient, aber ich darf nicht. Er ist der Anführer für Gerechtigkeit. Ein Vorzeigeathlet.» Auch Kernen bezeichnet ihn als Grandseigneur des Skisports. «Auf der Piste hat er aber eine defensive Haltung eingenommen.» Der geschundene Körper des Norwegers lässt nicht mehr den vollen Angriff zu. Die WM-Abfahrt wird Svindals letztes Rennen der Karriere. Eine Medaille zum Abschluss – man wünscht es ihm.