Etwas verlegen entschuldigte sich Hannes Reichelt beim Publikum. «Sorry, dass ich den perfekten Schweizer Tag verhindert habe», sagte der Österreicher, der mit Startnummer 19 den bis dahin führenden Beat Feuz auf Rang zwei und Carlo Janka auf Rang drei verdrängte. Reichelt war aus Schweizer Sicht der einzige Spielverderber an einem ansonsten fast perfekten Tag in Wengen.

Etwas später, nach einem langen Interview-Marathon, fühlte sich Reichelt noch immer ein wenig schuldig: «Ich würde jetzt gerne nach Feldkirch zu meiner Freundin fahren. Aber ich befürchte, an der Grenze haben die Schweizer bereits Wachen aufgestellt, die mich abfangen werden.» Bis dahin hatte sich Reichelt das Lachen verkniffen, jetzt aber platzte es aus ihm heraus: «Darf ich jetzt überhaupt noch ausreisen oder schmeisst ihr mich jetzt sogar raus?»

Der 34-Jährige war schon in den letzten drei Saisons in der Abfahrt am Lauberhorn auf dem Podest gestanden. Zweimal als Zweiter: 2012 hinter Beat Feuz und letztes Jahr hinter Patrick Küng. «Darum werdet ihr mir diesen Sieg jetzt sicher verzeihen können.»

Die Antwort lieferte Beat Feuz, der diesmal in der Rolle des Zweiten war: «Hannes war in den vergangenen Jahren hier immer extrem stark und hatte oft Hundertstelpech. Heute sind diese Hundertstel eben zurückgekommen», sagte der Schweizer, um aber anzufügen: «Nächste Woche in Kitzbühel schlagen wir dann einfach zurück.»

Beat Feuz am Lauberhorn 2015

Beat Feuz am Lauberhorn 2015

Ein schwerer Bandscheibenvorfall

Im letzten Winter hatte Reichelt die Abfahrt am Hahnenkamm in Kitzbühel gewonnen – mit starken Rückenschmerzen. Der Österreicher klagte danach sogar über Lähmungserscheinungen in den Beinen. Zwei Tage später zeigte eine Untersuchung im Spital: schwerer Bandscheibenvorfall. «Zum Glück habe ich mich zu dieser Untersuchung entschlossen, sonst hätte das schlimme Folgen für mich haben können», sagte er nach der sofort nötigen Operation. Die Saison musste Reichelt beenden und verpasste damit die Olympischen Spiele in Sotschi. Das Karriereende war für den 34-Jährigen aber kein Thema: Er plant nun sogar, an den Winterspielen 2018 teilzunehmen.

Dass er nach wie vor konkurrenzfähig ist, bewies er gestern auf eindrückliche Weise. «Jetzt habe ich einen weiteren Klassiker gewonnen, den ich von meiner To-do-Liste streichen kann.»

Eine Grippe in der Vorbereitung

Richtig fit war er aber auch vor diesem Triumph nicht: «Ich hatte einen Männerschnupfen», sagte er. Auf die Nachfrage, was das denn genau sei, meinte er: «Es war keine starke Grippe. Aber weil wir Männer mehr jammern als die Frauen, war das ein Männerschnupfen.» Auskuriert hatte er die leichte Grippe mit Ingwertee und Aspirin. «Und natürlich kam es mir entgegen, dass das Rennen auf den Sonntag verschoben wurde.»

Und trotzdem: Normalerweise sei er erst beim Seilersboden (auf knapp 1500 Meter über Meer) müde, doch diesmal seien seine Beine schon bei Langentreien (rund 1800 Meter über Meer) völlig kraftlos gewesen. «Doch ich dachte mir: Ich gehe lieber mit wehenden Fahnen unter, als dass ich Tempo rausnehme.»

Der Plan ging auf. Reichelt distanzierte Feuz um 12 und Janka um 14 Hundertstelsekunden und fügte zum Schluss des Gesprächs noch an: «Ich liebe das Lauberhorn.» Damit hatte er spätestens alle Fans auf seiner Seite. Die Ausreise sollte geklappt haben.