Ski alpin
Lara Guts St.-Moritz-Effekt verpufft allmählich

Die Tessinerin galt einst als Riesentalent. Obwohl die Tessinerin momentan nicht gross überzeugt, bleibt sie in der Abfahrt neben Fabienne Suter der einzige Schweizer Trumpf.

Richard Hegglin, St. Moritz
Merken
Drucken
Teilen
Schweizer Speed-Hoffnung: Lara Gut.Key

Schweizer Speed-Hoffnung: Lara Gut.Key

KEYSTONE

In St. Moritz ist einst Lara Guts Stern aufgegangen. Auf keiner Strecke bestritt sie mehr Rennen. Da fuhr oder vielmehr stürzte sie im Februar 2008 in ihrer ersten Abfahrt sensationell aufs Podest und wurde im Dezember des gleichen Jahres im Alter von siebzehneinhalb Jahren jüngste Super-G-Weltcup-Siegerin aller Zeiten. Inzwischen haben jene Erfolge eher lähmenden als beflügelnden Effekt.

«Alle sprechen mich darauf an», wiegelt Lara Gut ab, «dabei ist es ja schon fünf Jahre her, seit ich hier gewann und zum letzten Mal auf einem Podest stand.» Die Liebe zu St. Moritz hat andere Gründe als jene Erfolge, die sie als Kinderstar abrupt ins Rampenlicht der Öffentlichkeit hievten und ihr einen Status verliehen, dem sie in ihrem jugendlichen Alter nicht immer gerecht zu werden vermochte. «Hier bin ich schon als Kind oft Ski fahren gegangen», blickt Lara Gut zurück. «Deshalb verbinden mich viele Emotionen mit diesem Ort.»

Die Senkrechtstarterin vom Kurs geraten

31-mal ist Lara Gut auf der Corviglia schon Rennen gefahren. Da fiel sie als 15-Jährige erstmals auf, als sie in ihrem ersten FIS-Riesenslalom mit der Nummer 128 den 39. Rang belegte. Und einen Monat später in ihrer ersten Europacup-Abfahrt mit der Nummer 66 Vierte wurde. Im selben Rhythmus ging es weiter mit dem dritten Rang (mit Startnummer 32) bei ihrer Weltcup-Premiere in der Abfahrt, bei der sie kopfüber ins Ziel stürzte. Und dann der Sieg im Super-G – in Anwesenheit von Ex-Rekordhalterin Annemarie Moser-Pröll, die selber viermal auf der Corviglia gewann und nie verlor.

Für Lara Gut begannen indessen auf ihrem Hausberg härtere Zeiten. Bei der letzten Abfahrt 2012 musste sie sich mit einem 18. Rang begnügen und herbe Kritik einstecken. Sie verfüge nicht über das nötige technische Rüstzeug monierten einige «Experten». Lara Gut wurde dünnhäutiger und pflegt seither mit den Medien ein ambivalentes Verhältnis. Nach den beiden Trainingsläufen (8. und 12. Rang) bemühte sie sich zu erklären, dass sie im Vergleich zum letzten Jahr nicht viel schlechter sei: «Letztes Jahr gewann ich Anfang der Saison einige Rennen, jetzt erst eines. Aber die übrigen Speed-Resultate sind nicht viel anders.» Sie lässt sich nicht einreden, ausser Form zu sein.

Fokus liegt verstärkt auf Gut

Der wesentlichste Unterschied zum letzten Winter: Damals verfügte das Schweizer Team über fünf Abfahrerinnen in der ersten Gruppe. Jetzt sind nach dem Rücktritt von Fränzi Aufdenblatten, der Rekonvaleszenz von Marianne Abderhalden und Nadja Jnglin-Kamer sowie der Verletzung von Dominique Gisin nur noch Fabienne Suter und Lara Gut übrig geblieben. Umso mehr ist der Fokus auf Lara Gut gerichtet.

Entsprechend einsilbig reagiert sie auf Fragen, ob sie nach dem Ausfall von Gisin mehr Druck verspüre: «Es tut mir leid für Dominique, da sie sich in guter Form befand. Doch für mich ändert das nichts.» Sie ist sich gewohnt, die Last einer Nation zu tragen, obwohl sie stets sagt: «Ich fahre primär für mich und nicht für die Schweiz.» Zur Erinnerung: Seit der WM 2003 in St. Moritz gewann sie als einzige Frau WM-Medaillen – insgesamt drei.

Frauen-Chef Hans Flatscher gibt sich keinen Illusionen hin: «Unsere Basis ist schmal geworden. Wir wussten immer, dass wir uns auf dünnem Eis bewegen. Wenn eine Leistungsträgerin verletzt ist oder eine andere einen Hänger hat, wirft uns das zurück. Das ist unbefriedigend, aber ein Fakt.» So ist das Frauen-Team, das im letzten Winter souverän den 2. Platz der Nationenwertung belegte, in den Kampf um Platz 4 verwickelt – wie überhaupt das ganze Schweizer Team. Damit gehen massive Prämien-Einnahmen der Sponsoren verloren. Flatscher strahlt dennoch Zuversicht aus: «Ich hoffe, dass wir uns an der WM revanchieren und dort eine gute Figur machen.» Und natürlich auch am Heimrennen.