Einst war Lara Gut das Vorbild für sie. Nun ist Sofia Goggia Olympiasiegerin und die Schweizerin wartet weiter auf eine Goldmedaille. Goggia hat schon als 15-Jährige Videos der Tessinerin geschaut. Weil ihre Trainer sagten: «So musst du auch fahren!»

Es hat sich gelohnt. Als erste Italienerin überhaupt gewann Goggia gestern eine olympische Abfahrt. Auch ein wenig dank Lara Gut. Diese war eines dieser Talente, die es selten gibt im Skisport. Eine, von der jede abschaut und lernt. Schon mit 16 Jahren war sie im Weltcup konkurrenzfähig. Mit 17 gewann sie ihr erstes Rennen. Lara Gut wurde überall bewundert. Nicht nur von Sofia Goggia.

Die Italienerin wurde zu einer Freundin der Tessinerin, zu einer Bezugsperson im Weltcup, verbunden vor allem auch durch die Sprache. Nun hat die Bewunderin die Bewunderte im Rennen um Gold überholt. «Und ich muss wieder vier Jahre warten», sagt Lara Gut. «Manchmal habe ich das Gefühl, Gold kommt gar nicht mehr. Und dann frage ich mich, was ich falsch mache.» Den zweiten Teil sagte sie nach dem olympischen Super-G, als sie als Topfavoritin Rang vier belegte. Ein Hundertstel hinter Bronze, zwölf Hundertstel hinter Gold. In der Abfahrt verpasste sie gestern ein Tor. Und weil sie zuvor einen Schlag erwischte, schmerzt nun erneut das Knie. Jenes Knie, an dem sie sich an der WM in St. Moritz schwer verletzte.

So nah – und doch so fern

Vor ihrem Unfall im Februar des vergangenen Jahres gewann Lara Gut im Super-G WM-Bronze. Oder soll man sagen: Sie verpasste den Sieg um 36 Hundertstel? Wieder einmal war Gold so nah und im Ziel doch so fern. Es ist die Geschichte, die Lara Gut immer wieder einholt. Zuoberst an einem Rennen eines Grossanlasses? Noch nie.

2010 verpasste sie die Olympischen Spiele mit einer ausgerenkten Hüfte. 2014 klassierte sie sich in der Abfahrt nur zehn Hundertstel hinter den zeitgleichen Siegerinnen Dominique Gisin und Tina Maze auf Rang drei. Statt Gold gab es Tränen. «Wir fahren, um Gold zu gewinnen», sagt Lara Gut. Nur die Möglichkeiten konnte sie bisher nicht nutzen. Als Folge weinte sie schon mehrmals im Ziel.

Drei Tage nach Super-G-Bronze in St. Moritz stürzte Lara Gut beim Einfahren für den Kombinations-Slalom. Sie zog sich einen Kreuzbandriss und eine Meniskusverletzung im linken Knie zu. Das Ende an der Heim-WM als Horror. Zumindest dachten das alle. Nur nicht Lara Gut. Für sie war die Verletzung eine Befreiung. Sie, die Hochbegabte, hatte ein Jahr zuvor endlich den Gesamtweltcup gewonnen. «Doch danach fühlte ich mich leer.» Sie fiel in ein Loch, nahe am Burnout. Immer liefern zu müssen, war ihr zu viel geworden. Während der Verletzungs-Pause fand sie die innere Ruhe wieder.

Nach überstandener Verletzung kehrte Lara Gut Anfang dieser Saison anders in den Weltcup zurück. Aus dem Talent war eine gestandene Athletin geworden. «Ich fühle mich erst jetzt wieder als mich selbst.» Aus dem Mädchen, das alle verzückte, war eine Frau geworden. Zehn Jahre nach dem ersten Podestplatz. Trotzdem verlief der Winter harzig. Ausser im Super-G. In ihrer Lieblingsdisziplin fand sie sofort wieder Anschluss zu den Besten. Das letzte Rennen vor den Spielen konnte sie gewinnen, zuvor stand sie zweimal auf dem Podest. Doch im Olympia-Rennen klappte es eben wieder nicht.

In der Abfahrt gestern gehörte Lara Gut zwar nicht zu den meistgenannten Favoritinnen, der Traum von Edelmetall war trotzdem da. Nach dem bitteren Aus geht das Warten weiter. Fünf WM- und eine Olympia-Medaille hat Lara Gut in ihrer Karriere bisher gewonnen. Nur ein Titel an einem Grossanlass fehlt ihr noch.

Es scheint, als ob ein Gold-Fluch auf ihr lastet. Doch es gibt Hoffnung. Marcel Hirscher, der sechsfache Gesamtweltcupsieger aus Österreich, der von vielen als bester Skifahrer aller Zeiten bezeichnet wird, musste bis Südkorea 2018 warten, bis er seine erste olympische Goldmedaille gewinnen konnte. Hirscher ist zwar nur zwei Jahre älter als Lara Gut und er hat zuvor schon zahlreiche WM-Goldmedaillen gewonnen. Trotzdem zeigt es, dass selbst die grössten Stars manchmal warten müssen. Nach dem Sieg in der Kombination sagte Hirscher: «Diese eine grosse Sache hat mir gefehlt, um alles perfekt zu machen.» Lara Gut hat noch ein bisschen Zeit, um Gleiches zu sagen.