Krass. Da kann Lara Gut als erste Schweizerin nach Vreni Schneider – für die Jüngeren: Das ist die, die mit ihrem «Kafi am Pischterand» jede Après-Ski-Party lahmlegt – den Gesamtweltcup gewinnen, und was fordert die Sportstimme des Schweizer Staatsradios? «Lara Gut soll sich entschuldigen.»

Vreni Schneider - En Kafi am Pisterand (Live im Happy Day)

Vreni Schneider - En Kafi am Pisterand (Live im Happy Day)

Mit Verlaub. In Österreich würden Strassen nach Lara Gut benannt, wenn sie die grosse Kugel gewinnt. In der Schweiz fordert man von der derzeit besten Skifahrerin der Welt eine Entschuldigung an ihre ärgste Konkurrentin Lindsey Vonn, die wegen einer Verletzung das Saisonfinale verpasst.

Gewiss ist es nicht immer einfach, Österreicher zu sein. Denken wir nur an die Flüchtlinge, die ins Land strömen. An den Knatsch mit den Griechen. Oder die lange Durststrecke im Fussball. Aber zumindest Skifahrer/innen haben es in Österreich einfacher. «Im Misserfolg ist der Druck auf den Athletinnen etwa gleich gross», sagt Hans Flatscher, Österreicher, verheiratet mit dem früheren Appenzeller Ski-Darling Sonja Nef und heute Cheftrainer der Schweizer Frauen. «Die Unterschiede machen sich vor allem im Erfolg bemerkbar. Während in Österreich ungetrübte Freude herrscht, sucht man in der Schweiz immer noch etwas, das man bemängeln könnte.»

Lindsey Vonn musste ihre Ambitionen für die laufende Saison begraben

Lindsey Vonn musste ihre Ambitionen für die laufende Saison begraben

In der Schweiz sind Sportstars nicht unantastbar

Schweizer Neidkultur? Vielleicht. Nur muss man bedenken, dass Österreich bis vor 100 Jahren eine Monarchie war. Die Heldenverehrung ist quasi Kulturgut, während die Schweizer schon immer als aufmüpfiges Bauernvolk galten. Im Unterschied zur Schweiz sind grosse Sportler in Österreich unantastbar.

Andi Goldberger, Ski-Adler, stürzte nach seiner Koks-Beichte nicht ab, sondern durfte später im österreichischen Fernsehen als Co-Kommentator arbeiten. In der Schweiz unvorstellbar. Selbst als Anna Fenninger nach einem Zwist mit dem österreichischen Ski-Verband mit einem Nationenwechsel kokettierte, quasi Hochverrat, hatte sie den Support aus dem Volk.

Eine erfolgreiche Lara Gut hätte mit österreichischem Pass wohl ein unbeschwerteres Leben. Und Roger Federer wäre als Engländer wohl schon längst Träger des Ritterordens. Doch in der Schweiz haben wir Mühe, bedingungslos zu folgen. Was nicht nur schlecht ist.

Die groteske Forderung nach einer Entschuldigung

Doch dieser Argwohn kann groteske Züge annehmen. Eben, wenn Berni Schär eine Entschuldigung von Gut erwartet. Aber wofür? Als Lindsey Vonn vor einer Woche beim Super-G in Soldeu stürzte, eine Viertelstunde regungslos liegen blieb und am nächsten Tag wieder an den Start ging, wurde Gut von einem SRF-Reporter gefragt: «Was sagen Sie zu dem ganzen Theater?»

Lindsey Vonn musste nach ihrem Sturz in Soldeu im Rettungsschlitten abtransportiert werden

Lindsey Vonn musste nach ihrem Sturz in Soldeu im Rettungsschlitten abtransportiert werden

Unaufgeregt antwortet Gut: «Ich sage eigentlich nichts. Das ist ihr Theater.» Da sich später aber herausstellte, dass sich Vonn tatsächlich ernsthaft verletzt hat und die Saison beenden muss, forderte Schär, Gut müsse sich für «das Theater» bei Vonn entschuldigen.

Eine Episode, gewiss. Aber sinnbildlich für das ambivalente Verhältnis zwischen Lara Gut und Teilen der Schweizer Bevölkerung. Einerseits bewundert man die Tessinerin für ihr Talent, ihr Aussehen, ihre Unverkrampftheit. Andererseits wirkt vieles suspekt: ihr Ehrgeiz, ihre Gradlinigkeit, ihr Selbstbewusstsein.

Gut wirft nicht nur mit Floskeln um sich

Dabei sollten wir jubeln. «Danke Lara, dass es dich gibt.» In einer Sportwelt, überbevölkert von stromlinienförmigen Floskelartisten, bildet Gut einen willkommenen Kontrast. Lara Gut, wo haben Sie Zeit liegen gelassen? «Auf der Piste.» Welche Chuzpe dieser jungen Frau, einem altgedienten TV-Reporter zu signalisieren: «Seit Jahren fragst du immer den gleichen Quatsch.»

Oder als sie bei einer Pressekonferenz eines neuen Sponsors – notabene ein IT-Unternehmen – gefragt wird, welche Gadgets sie benutze, sagte sie: «Ich lese Bücher.» Auf dem Tablet? «Nein, echte Bücher.» Oder wenn sie nach ihrer Meinung über die Vergabe von Olympischen Winterspielen an Sotschi gefragt wird, zieht sie sich nicht in die Komfortzone zurück, sondern bezieht Stellung und kritisiert die Menschenrechtslage in Russland, die immensen Kosten und die Instrumentalisierung des Sports durch die Politik.

Kritiker werfen Gut Kratzbürstigkeit vor

In zwei Wochen wird Gut in St. Moritz die Ski-Saison mit grosser Wahrscheinlichkeit als Gesamtweltcup-Siegerin beenden. Letztmals ist dieser Coup 1995 einer Schweizerin gelungen: Vreni Schneider. Trotz, oder vielleicht auch wegen dieser langen Durststrecke ist in der Schweiz kein Gut-Hype spürbar. Und sonst?

Vreni Schneider gewann 1995 als letzte Schweizerin den Gesamtweltcup der Frauen

Vreni Schneider gewann 1995 als letzte Schweizerin den Gesamtweltcup der Frauen

Die Kritiker monieren, Lara Gut sei kratzbürstig und launisch. Das war Didier Cuche auch. Doch sein Temperament entpuppte sich auf dem Weg zum Ski-Helden nicht als Stolperstein. Im Gegenteil. Cuche wurde geliebt für seine Authentizität. Und Gut? Die ist dann halt eine Zicke, wenn sie mal nicht das brave Mädchen ist.

Womit wir mitten in der Geschlechter-Falle sind. Cool, wenn ein Skifahrer ein bisschen Rock ’n’ Roller ist. Von einer Frau hingegen erwarten wir: immer schön lächeln, immer schön anständig, immer schön devot. Denn im Gedächtnis sind sie immer noch präsent, diese Ski-Schätzchen von früher.

Sonja Nef, Erika Hess, Maria Walliser, Vreni Schneider. Alle wunderbar charmant. Und immer nett die Schweizer Fahne hochhaltend. Dazu folgende Episode: Als Vreni Schneider in den französischen Alpen mal einen Mist ablieferte – was selten der Fall war –, entschuldigte sie sich hinterher bei den Schweizer Reportern mit den Worten: «Jetzt seid ihr extra wegen mir so weit gereist und ich fahre so einen Seich zusammen.»

Gut wehrt sich gegen die Schätzchen-Schubladisierung

Lara Gut hingegen hat schon als Teenager klargemacht, dass sie nicht für die Schweiz, für den Verband oder sonst wen fährt. Sondern einzig für sich. Damit brüskiert sie. Oder, wenn sie sich vehement gegen das Ski-Schätzli-Image stellt. Oder, wenn sie jahrelang und bis 2014 mit ihrem Privatteam einen Sonderzug fährt. Oder, wenn sie wie an den Winterspielen in Sotschi hemmungslos ihre Enttäuschung über den dritten Platz in der Abfahrt zur Schau stellt, statt sich mit der erstplatzierten Teamkollegin Dominique Gisin zu freuen.

Das Privatteam 2014/15 (von links): Fitnesscoach Patrick Flaction, Bruder Ian, Mutter Gabriella, Lara Gut und ihr Vater und Headcoach Pauli

Das Privatteam 2014/15 (von links): Fitnesscoach Patrick Flaction, Bruder Ian, Mutter Gabriella, Lara Gut und ihr Vater und Headcoach Pauli

Viele jener Menschen, und das sind vor allem die älteren, die das Mittagessen vor dem Fernseher eingenommen haben, wenn irgendwo ein Skirennen stattgefunden hat, irritiert Guts Kompromisslosigkeit. Das ältliche Publikum sehnt sich nach Skifahrerinnen, die zeit ihrer Karriere in der Rolle des ach so herzigen «Meitli» verharrten, weil es in der guten alten Zeit halt immer schon so war. Lara Gut hingegen hat sich schon als Teenager emanzipiert. Was irritiert. Weil sie einen neuen Frauentypus im Skirennsport verkörpert.

Lara Gut's Ice Bucket Challenge

Lara Gut's Ice Bucket Challenge

Gewiss wirkt Lara Gut bisweilen schnoddrig und verkrampft, wenn sie sich gegen die Reduktion auf die erfolgreiche Ski-Beauty wehrt. Doch das ist ihr gutes Recht. Ausserdem sind nicht ihre Ecken und Kanten der Grund für den derzeit fehlenden Hype um den bevorstehenden Gewinn des Gesamtweltcups.

In den sozialen Medien kommt gut an

Im Gegenteil. Gut kommt bei der Generation der digitalen Ureinwohner (Digital Natives) hervorragend an. Carlo Janka und Beat Feuz bringen es bei Facebook zusammen auf 115'000 Fans. Lara Gut auf 496'000. Erstaunlich: Denn der alpine Skisport wird bei der Generation der digitalen Ureinwohner immer mehr an den Rand gedrängt.

Der alpine Skisport zieht nicht mehr so wie früher

Mit ein Grund für die überschaubare Gesamtbegeisterung rund um Lara Gut ist das leicht schwindende Interesse am alpinen Skisport. St. Moritz, wo das Weltcupfinale stattfindet, vermeldet, dass die 2000 Zuschauer fassende Tribüne trotz Gut-Festspielen noch nicht ausverkauft ist.

Oder: 1995 begleiteten durchschnittlich 348'000 Ski-Fans im Schweizer Fernsehen Vreni Schneider auf dem Weg zum Gesamtweltcup-Triumph. Die Frauen-Rennen in diesem Jahr bringen es auf 239'000.

Roland Mägerle, Abteilungsleiter Sport von SRF, sagt: «Verglichen mit unserem Gesamtangebot, das viel grösser ist als noch vor 20, 30 Jahren, läuft der alpine Skisport bei uns gut. Seit 2002 ist der Marktanteil sogar wieder etwas gestiegen. Punkto Zuschauerinteresse muss man sich also keine Sorgen um den Skisport machen.» Oder, Lara Gut sei Dank.