Ski Alpin
Jan Tischhauser sieht wieder Licht am Ende des Tunnels

FIS-Renndirektor Jan Tischhauser, einstiger Cheftrainer von Vreni Schneider, Maria Walliser und Michela Figini, befindet sich nach einer schweren Krebserkrankung auf dem Weg der Besserung.

Richard Hegglin
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Jan Tischhauser blickt zu Hause in Wald im Zürcher Oberland zuversichtlich in die Zukunft.

Jan Tischhauser blickt zu Hause in Wald im Zürcher Oberland zuversichtlich in die Zukunft.

Jiri Reiner

Spätestens bei den Finalrennen auf der Lenzerheide im Frühjahr fiel auf, dass der Frauen-Weltcup nicht mehr ist, was er einmal war. Als die Mannschaftsführersitzung der Frauen hätte beginnen sollen, war von den Verantwortlichen niemand anwesend. So übernahm die Männer-Jury um Günter Hujara gleich auch bei den Frauen das Kommando – einmalig in der Skigeschichte.

Atle Skaardal, Chef-Renndirektor der Frauen, fiel wegen einer schweren Erkrankung seiner Frau aus. Der als Ersatzmann aufgebaute Franzose Jean-Philippe Vuillet erlitt in Sotschi bei einem Autounfall Rippenbrüche und ein Schleudertrauma. Und der Posten des andern Renndirektors Jan Tischhauser, in der erfolgreichsten Zeit des Schweizer Skisports Cheftrainer der Frauen, war schon den ganzen Winter verwaist.

Tischhauser, inzwischen 63-jährig, wollte als FIS-Renndirektor zurücktreten. Seine 20. Saison wäre seine letzte gewesen. Doch beim Auftakt 2013 in Sölden fehlte Tischhauser am Jury-Tisch. Das war an sich nichts Aussergewöhnliches, weil Tischhauser oft bis in alle Nacht hinein am Berg arbeitete, damit die Rennfahrerinnen anderntags optimale Bedingungen antrafen.

Aber Tischhauser befand sich nicht auf dem Berg, sondern bei sich zu Hause in Wald im Zürcher Oberland. Er litt unter starkem Kopfweh und ging zu seiner Hausärztin. Die Untersuchung schockte ihn, genau wie die Ärztin. «Herr Tischhauser», eröffnete sie ihm nach dem Bluttest, «der Anteil der roten Blutkörperchen ist so tief, dass er vom Computer gar nicht mehr erfasst wird. Ich befürchte, sie sind schwer krank.»

Ein zweiter Check auf dem Ersatzcomputer liess keine Zweifel offen. Das Immunsystem war kollabiert. Das Kopfweh rührte daher, weil die Blutplättchen kaum mehr Sauerstoff transportierten. Die Ärztin ordnete die unmittelbare Überführung ins Zürcher Unispital an. Tischhauser konnte nicht einmal mehr zu Hause den Koffer holen.

Nur fünfmal in zehn Jahren

Acht Stunden lang, bis morgens um
2 Uhr, lag Tischhauser auf der Notfallstation, «lebensbedrohend krank», wie es Professor Markus Manz formulierte. Eine akute Leukämie der aggressivsten Form, wie sie im 2,5 Millionen Personen umfassenden Einzugsgebiet der Uni-Klinik in den letzten zehn Jahren erst fünfmal vorgekommen ist, liess Tischhauser dem Tod ins Auge blicken. Die Krankheit zeigte ein Bild, wie man es sonst nur in radioaktiv verseuchten Gebieten kennt – aber an solchen Orten hatte sich Tischhauser nie aufgehalten.

Unverzüglich ordneten die Ärzte eine Chemotherapie an. Tischhauser bekam Cortison und nahm binnen kurzer Zeit zehn Kilo zu. Vom Krankenbett aus liess er, auch in diesem kritischen Zustand ganz Renndirektor, mitteilen: «Ich befinde mich in einer sehr schwierigen Situation: Statt gegen schlechtes Wetter und die globale Klimaveränderung kämpfe ich um die Gesundheit. Aber ich habe die Situation akzeptiert und bin bereit, dagegen anzukämpfen.»

Anteilnahme von allen

Aus der ganzen Welt trafen Genesungswünsche ein. Die Amerikanerinnen mit Lindsey Vonn und Julia Mancuso schickten ihm ein Gruppenfoto von der Piste mit einem Transparent: «Get well, Jan». Vreni Schneider rief ihn mehrmals an. Unter Tischhauser hatten die Schweizerinnen eine Rekordmarke aufgestellt und 29 von 34 Rennen in einer Saison gewonnen, Vreni Schneider allein 14. Insgesamt errang das Team von 1988 bis 1993 unter Cheftrainer Tischhauser über 50 Siege und 10 Kristallkugeln. Zuvor hatte er in Calgary den Franzosen Franck Piccard zum ersten Olympiasieg in der neuen Ski-Disziplin Super-G geführt.

An Weihnachten 2013 durfte Tischhauser, mitten in der Chemotherapie, für ein paar Tage nach Hause: «Ich konnte aber kaum eine Treppe hochsteigen. Und durfte ausser meiner Frau Bea keiner weiteren Person begegnen, weil wegen des reduzierten Immunsystems eine Infektionsgefahr zu gross war.»

Ein Jahr später, an Weihnachten 2014, blickt Tischhauser optimistisch in die Zukunft. Vor kurzem hatte ihm der Arzt grünes Licht für eine Reise nach Lake Louise in Kanada gegeben, wo ihm die Veranstalter der Weltcuprennen für seine Verdienste um den Skisport einen Award überreichten. Als OK-Präsident Bruce Hamstaed Tischhauser ehrte, hatte er Tränen in den Augen.

«Für mich war dieser Besuch enorm wichtig», sagt Tischhauser. «So konnte ich Abschied nehmen von den Leuten, mit denen ich über Jahrzehnte zusammengearbeitet habe – jetzt halt etwas anders und mit einem Jahr Abstand. Und ich bekam die beruhigende Bestätigung, dass mein damaliger Entscheid zurückzutreten richtig war.»

Die schönste Message erhielt Tischhauser nach seiner Rückkehr aus Kanada beim monatlichen Check in der Uni-Klinik. Der Arzt schickte ihm ein E-Mail, in dessen Lead-Zeile stand: «Wunderschöne Resultate». In sämtlichen relevanten Bereichen weist Tischhauser bessere Werte auf als vorher.

Wesentlichster Faktor in Tischhausers Genesungsprozess bildete die Blutzellen-Transplantation von seinem Bruder Felix, der dafür extra aus Neuseeland hergereist war. Glücklicherweise wiesen die beiden Brüder identische Blutwerte auf, was in der Regel nur in 20 Prozent der Fälle so ist. Die kritische 100-Tage-Klippe nach einer Transplantation, während der die Gefahr einer Abstossung der Stammzellen droht, passierte Jan Tischhauser ohne Probleme. Aber der 63-Jährige ist sich auch bewusst: «Als geheilt gilt Krebs erst nach fünf Jahren.»

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