Ausgerechnet er, der immer etwas mehr tat, hat plötzlich weniger zu tun. Seit einer Woche ist Ramon Zenhäusern Skiprofi. Sein Fernstudium der Wirtschaftswissenschaften hat er vor einer Woche erfolgreich abgeschlossen. «Vorher musste ich nach den Trainings und Rennen immer noch für die Uni arbeiten», sagt Zenhäusern. In Val d’Isère kann er nun erstmals tun, was er will.

Zum Beispiel den Laien in der Lobby des Hotels Savoyarde demonstrieren, warum er es mit einer Körpergrösse von zwei Metern im Slalom schwieriger hat als die kleinere Konkurrenz. Er selbst spricht zwar bescheiden von Vor- und Nachteilen der Grösse. Doch wer ihm so zuschaut, wie er zwischen den Couchtischen und Sofas die Schwünge simuliert, erkennt schnell, wie gross die Kunst sein muss, diesen Körper zwischen den eng gesteckten Slalomstangen hindurchzumanövrieren. So gut, dass er an den Winterspielen in Südkorea im Februar Silber gewann und im Weltcup nur eine Woche später Rang drei belegte. «Birnenweich», nannt er die Olympiamedaille selbst im Interview auf Hochdeutsch. Bireweich – irgendwie nicht normal.

Das ist die Geschichte von Ramon Zenhäusern in der Tat nicht. Schon früh traf er immer wieder auf Ski-Trainer, die ihm prognostizierten, dass er mit seiner Grösse nie Erfolg haben werde im Slalom. Doch Zenhäusern blieb – typisch Walliser – stur. Erst recht wollte er beweisen, dass es möglich ist. Darum tat er immer noch ein bisschen mehr. «Zu Beginn trainierte ich nach dem Training im Team noch zusätzlich mit meinem Vater weiter», erinnert er sich. Dann traf er mit Didier Plaschy auf einen Mann, der immer an ihn glaubte. Der Trainer und heutige SRF-Experte geht gerne unkonventionelle Wege. Der «Fall Zenhäusern» begeisterte ihn von Anfang an. «Als ich 15 war, sagte er zu mir: ‹Mit Mitte 20 wirst du im Weltcup zum Podestfahrer›», sagt Zenhäusern. «Ich lachte darüber.»

Das Zahlenspiel

25 Jahre alt war Zenhäusern, als er im März 2018 in Kranjska Gora Rang drei belegte. «Irgendwie verrückt», nennt er die Prognose im Rückblick. Ebenso verrückt findet er die Geschichte zu Olympiasilber. Sein Mentaltrainer schrieb viele Wochen vor dem Rennen auf einen Zettel: «22.2, 2  Meter, 2. Platz.» Das Zahlenspiel rückte in den Fokus der Zusammenarbeit. «Ich lernte, es zu glauben», sagt Zenhäusern. Am 22.2.2018 fuhr der 2-Meter-Mann in Pyeongchang im Olympiaslalom auf Rang zwei.

Vielleicht ist es verrückt. Aber vor allem ist es eine Geschichte von Menschen, die allen Widerständen zum Trotz an etwas glaubten. Zenhäusern wurde dafür belohnt, dass er sich nie für den leichten Weg, also die Aufgabe des Traums, entschieden hatte. Er wurde belohnt, dass er immer etwas mehr tat. Und die Geschichte ist längst nicht zu Ende. «Nun gehöre ich zu den besten Slalomfahrern der Welt. Es ist noch schwieriger, sich unter ihnen zu behaupten, als zu ihnen zu stossen», sagt Zenhäusern. Im ersten Slalom der Saison gelang es ihm mit Rang vier. Am Sonntag in Val d’Isère will er erneut zu den Besten gehören.

Und wann folgt der erste Slalomsieg, nachdem er im Weltcup im vergangenen Winter ein Parallelrennen gewonnen hat? Gibt es auch dafür eine verrückte Prognose? Ramon Zenhäusern lacht, überlegt und schmunzelt dann schelmisch. Es bleibt sein Geheimnis. Nur so viel sagt er: «In meiner Karriere ging es bisher immer Schritt für Schritt nach vorne. Manchmal in winzig kleinen Schrittchen.» Dann verschwindet er in sein Zimmer und sagt zum Abschied: «Keine Angst, langweilig wird es mir nicht.» Vermutlich arbeitet er am nächsten Schritt.