Biathlon-Exploit
Irene Cadurisch holt ein Diplom und schreibt ein Schweizer Olympia-Märchen

Die Schweizer Biathleten haben in den vergangenen Jahren so manch positive Geschichte geschrieben. Allen voran Selina Gasparin mit ihrer Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi. Oder Benjamin Weger mit seinen regelmässigen Top-10-Plätzen im Weltcup. Auch Lena Häcki oder Elisa Gasparin gelangen schon Exploits.

Rainer Sommerhalder, Pyeongchang
Merken
Drucken
Teilen
Überglücklich: Irene Cadurisch.

Überglücklich: Irene Cadurisch.

KEYSTONE

Dann wäre da noch Irene Cadurisch. Die Engadinerin blickt auf einen 43. Rang als Saisonbestresultat im Weltcup zurück. Zu Olympia schaffte sie es nur deshalb, weil es für eine Staffel nun halt mal vier Läuferinnen braucht. Ein einziges Mal in ihrer Karriere lief sie unter die besten 20 – vor vier Jahren beim Weltcup in Pokljuka. Unter Fachleuten galt die Grenzwächterin aus dem Engadin stets als schlicht zu schwer und deshalb in der Loipe zu langsam, um besser abzuschneiden.

Und jetzt das. Irene Cadurisch zeigt beim wichtigsten Rennen des Jahres die beste Leistung ihrer Karriere. Das olympische Diplom als Achte muss ihr vorkommen wie ein Märchen. Wie oft hat sie schon von einem solchen Resultat geträumt? «Noch nie», lautet die ehrliche Antwort der 26-Jährigen. Als sie nach dem zweiten Schiessen vorübergehend sogar auf Platz 4 lag, glaubte sie an eine Falschinformation ihres Trainers. Am Ziel riss sie im Stil einer Siegerin beide Arme nach oben, den wenigen Journalisten vor Ort diktierte sie Dankesworte an ihre Familie, an Freund Stefan, Schwester Bettina und an Swiss Ski in die Mikrofone – als wäre sie live im Fernsehen.

Lief überraschend zu einem Olympia-Diplom: Irene Cadurisch

Lief überraschend zu einem Olympia-Diplom: Irene Cadurisch

KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER

Irene Cadurisch ist im Schweizer Sport ein Nobody. Dabei gibt es über sie interessante Dinge zu erzählen. Zum Beispiel über ihre Schiessleistungen. Comicfigur Lucky Luke zieht den Colt schneller als sein Schatten. Cadurisch ihr Gewehr so schnell wie keine andere Biathletin der Welt. Auch im Olympiarennen brauchte sie für die zehn Schüsse am wenigsten Zeit: 46 Sekunden und damit ganze 8 Sekunden weniger als die Zweitschnellste.

Langläuferin oder Bundesrätin

Im Vergleich: Siegerin Laura Dahlmeier verbrachte 79 Sekunden am Schiessstand, Selina Gasparin gar deren 88. Oder über ihre positive Einstellung. Während die meisten Athletinnen über die arktische Kälte und den beissenden Wind klagten, sagte sie, dass sie sich von ihrer Heimat her das Wetter gewohnt sei. Märchen beginnen nun mal im Kopf.

Schon als Kind wollte sie Langläuferin werden – oder Bundesrätin. Für Ersteres gab es mehr Gelegenheiten, denn der Weiler Isola zwischen Sils und Maloja gelegen, ist im Winter nur zu Fuss erreichbar oder auf Langlaufskis. Cadurisch wuchs auf einem Bergbauernhof mit Schafzucht auf und legte früh die gut drei Kilometer zum Kindergarten auf Latten zurück. Wahlweise angetrieben mit eigener Körperkraft oder vom Hofhund. Skijöring einmal anders. Nun war für sie auch Biathlon einmal anders.