Schloss Lenzburg, April 2009. Es ist spät und Lara Gut gefragt. Sie spricht, lacht, posiert – und alles wieder von vorne. Soeben wurde sie zur Nachwuchssportlerin des Jahres gewählt. In St. Moritz hatte sie im Dezember ihr erstes Weltcuprennen gewonnen, nachdem sie in der Saison zuvor, erst 16-jährig, an selber Stelle gestürzt war, über die Ziellinie schlitterte – und Dritte wurde.

Es war ein Märchen, das eine Prinzessin brauchte. Lara Gut, dieses stets lachende, offenbar immer glückliche, sympathische Mädchen aus dem Tessin, wurde sie – ungefragt. Auch diese Zeitung nannte sie Skiprinzessin. Wichtig wird das erst im Rückblick.

Die frischgebackene Nachwuchssportlerin des Jahres Lara Gut (links) posiert auf dem Schloss Lenzburg.

Die frischgebackene Nachwuchssportlerin des Jahres Lara Gut (links) posiert auf dem Schloss Lenzburg.

Noch später am Abend. Die meisten Gäste sind schon gegangen. «Ich hatte noch keinen freien Tag, seit die Saison zu Ende ist. Es ist sehr stressig», sagt sie. «Ich hätte die Möglichkeit gehabt, nach Mauritius zu fliegen. Doch ich musste leider absagen. Viel zu viele Termine.» Sie nimmt sie wahr – alle, immer. Dienst fürs Vaterland quasi. Oder die Pflichten einer Prinzessin. Denkt sie.

Damals ahnte niemand, dass sie genau daran, und an den anderen Schattenseiten des Lebens im Rampenlicht, beinahe zerbrechen würde. Manchmal durch Fremde verursacht, manchmal selbst verschuldet. Am gleichen Abend wird auch Beat Feuz geehrt. Sein Weg, nicht minder erfolgreich, verläuft anders.

Er geht lockerer mit dem Rummel um, wird als Mann aber auch mit anderem konfrontiert. Um im Rollenbild verstaubter Märchen zu bleiben: Helden haben es leichter. Sie retten Prinzessinnen, diese müssen gerettet werden. Lara Gut hat sich selbst gerettet. Doch es dauerte lange.

Verletzt – aber glücklich

Beaver Creek, USA, November 2013. Lara Gut sitzt an einem Kamin. Die Flammen flackern zwar, das Feuer erlischt aber nicht. Dieses Mal passt das Bild. Fast hätte Gut in den Jahren seit St. Moritz 2008 ihre Leidenschaft für den Skisport verloren.

«Ich war jung, ich war nicht auf das vorbereitet, was der Erfolg mit sich bringt», erzählt sie. Erstmals gibt sie einen Einblick in ihre Gefühlswelt. Von wegen immer glücklich. Einsamkeit prägte ihr Leben, sie tat, was sie nicht wollte. Pflichten einer Prinzessin eben.

Sie selbst aber relativierte: «Ich weiss inzwischen, was mir entspricht und was nicht.» Die Skination glaubte gerne, dass ihr Lachen nun echt war. Sie gewann die ersten drei Rennen der Saison, und diese Zeitung schrieb: «Lara Gut ist erwachsen geworden – und fährt so erfolgreich Ski wie noch nie.»

Die erste Podestplatzierung in einem Weltcup-Rennen für Lara Gut im Jahr 2008.

Die erste Podestplatzierung in einem Weltcup-Rennen für Lara Gut im Jahr 2008.

Nachfragen nach ihrem Befinden blieben aus. Vielleicht auch von ihr an sich selbst: «Weil man unbedingt weiterhin gewinnen will und sich vor allem darauf konzentriert, wie man das erreichen kann.»

Lara Gut gewinnt weiterhin. In der Saison 2015/16 sogar das Grösste, was es im Skisport zu gewinnen gibt: den Gesamtweltcup. Logisch, sollten die Heim-WM im Februar 2017 zu ihren Festspielen werden. Doch dann stürzt sie beim Einfahren für den Kombi-Slalom, reisst sich das Kreuzband und beschädigt den Meniskus. Und sie ist glücklich.

Das Drehbuch ändern

Zermatt, September 2017. Lara Gut sitzt in einem Kino vor der Leinwand. Ihr Leben verlief fast zehn Jahre nach Drehbuch. Nur nicht nach ihrem eigenen. «Ich habe gemerkt, dass ich mich in den vergangenen Jahren selbst verloren habe», sagt sie.

Ihr Film hatte keinen Platz für die Privatperson Lara Gut. Die Sportlerin spielte die Hauptrolle. Dominant und getrieben, stark, und nur versteckt verletzlich. «Niemand fragte, wie es mir geht.» Schon wieder, immer wieder.

Es ist dies die Konstante in Lara Guts Geschichte. Von Anfang an sollte sie ein Ski-Schatz sein, die, die immer lacht und glücklich ist. Nur war sie das selten – und der Zwiespalt zwischen Rolle und Realität überforderte sie. «Das letzte Mal, als ich nur auf mich geschaut habe, war ich 16. Jetzt bin ich eine Frau.» Nun forderte sie die Nachfragen bewusst. Nach dem Motto: Fragt mich, wie es mir geht! Ihre Antwort: «Gut.»

Selbst befreit

Oktober 2018. Lara Gut ist mittlerweile verheiratet mit dem Schweizer Fussballer Valon Behrami. Sie nennt ihn oft als Grund, dass es ihr gut geht. «Mein letzter Unfall und die Gewissheit, Valon an meiner Seite zu wissen, haben mich stärker und selbstsicherer gemacht.» Liebe beflügelt. Aber befreit aus dem Korsett der Prinzessin hat sie sich selbst.

Lara und Valon heiraten in Lugano

Lara und Valon heiraten in Lugano

Diese Hochzeit kommt überraschend: Skistar Lara Gut und Fussballer Valon Behrami gaben sich heimlich das Ja-Wort.

«Ich bin zu einer Sportlerin gewachsen, deren Lebenssinn nicht nur auf weitere Siege reduziert wird», sagt sie im Interview mit Swiss Ski vor dem Saisonstart heute Samstag in Sölden. «Es war nicht leicht, die Frau mit der Sportlerin in Einklang zu bringen, bis ich begriffen habe, dass sich die beiden Charaktere letztlich ergänzen.»

Es wäre ihr zu wünschen, dass sie nun ihre Rolle gefunden hat. Denn eines ist klar: Lara Gut ist und war nie die Prinzessin aus dem Märchen. Sie ist eine Person, die auch mal aneckt, die schwierig sein kann und wütend. Eine Person, deren Lachen ansteckend sein kann und die mit ihrer Art fasziniert. Kurzum: ein ganz normaler Mensch.