Comeback
Hat Simon Ammann den Absprung verpasst?

Rechtzeitig auf die WM ist der Sturzpilot auf die Schanze zurückgekehrt. Und die Karriere könnte weitergehen.

Simon Steiner, Falun
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Am Stammtisch waren die Meinungen nach den Olympischen Spielen in Sotschi schnell gemacht. Simon Ammann? Der hat doch den Absprung verpasst! Der hätte schon längst aufhören sollen! Zweimal war der Skispringer aus dem Toggenburg bei Winterspielen mit Doppelgold der grosse Schweizer Held gewesen, der Auftritt in Sotschi endete jedoch mit Tränen. Ammann hatte sich auf der Suche nach einem innovativen Sprungschuh verrannt und verpasste die Medaillen in Russland deutlich.

Simon Ammann hat sechs Wochen pausiert

Simon Ammann hat sechs Wochen pausiert

Keystone

Dennoch entschied Ammann noch vor dem Ende der Olympiasaison, seine Karriere fortzusetzen. «Skispringen ist meine grosse Leidenschaft», sagte er damals. Ich spüre, dass der Zeitpunkt für einen Rücktritt noch nicht gekommen ist.» Und bereits im November sollte der 33-Jährige seine Kritiker Lügen strafen, als er im finnischen Kuusamo innert zweier Tage seine Weltcupsiege Nummer 22 und 23 feiern konnte.

An der Vierschanzentournee überschlugen sich die Ereignisse um Ammann dann buchstäblich. Nach dem Motto «Alles oder nichts» lautete die Bilanz am Ende: Zwei Podestplätze, zwei Stürze. Und eine schwere Hirnerschütterung, nachdem er in Bischofshofen nach der Landung mit fast 100 Stundenkilometern kopfüber hinfiel, mit dem Gesicht auf dem knallharten Schnee aufprallte und blutüberströmt und bewusstlos ins Spital gebracht werden musste.

Kein junges Kätzchen mehr

Die Stimmen waren zurück, ehe Ammann wieder erwacht war: Der hat doch den richtigen Zeitpunkt für den Rücktritt verpasst! Für den Vollblut-Skispringer hingegen gab es nur ein Thema: Wie komme ich so schnell wie möglich auf die Schanze zurück. Am liebsten hätte sich Ammann schon am Wochenende nach dem Sturz auf der umgebauten Flugschanze von Bad Mitterndorf wieder in die Tiefe gestürzt. Bereits nach zwei Tagen liess er sich im Spitalbett vom Nationaltrainer Martin Künzle die Videobilder des Unfalls zeigen. Und wunderte sich: Wegen eines solchen, eigentlich harmlos scheinenden Sturzes lag er nun hier?

Die Rückkehr auf die Schanze verlief zäher, als sich Ammann dies erhofft hatte. Vor den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City hatte er sich einige Tage nach der Vierschanzentournee im deutschen Willingen ebenfalls eine Hirnerschütterung zugezogen – bei einem eigentlich viel schlimmeren Sturz aus grosser Höhe. Einen Monat später war Ammann Olympiasieger. «Da war er 20», sagt der damalige Nationaltrainer und heutige Skisprung-Chef Berni Schödler. «Mit 33 schüttelt man ein solches Ereignis nicht mehr so leicht ab wie ein junges Kätzchen.»

Gerade noch rechtzeitig auf die Weltmeisterschaften in Falun hin ist Ammann nun aber auf die Schanze zurückgekehrt. Es wäre angesichts der Vorgeschichte eine Überraschung, sollte der Weltmeister von 2007 (Sapporo) in Schweden eine Medaille gewinnen. Dass es ein Fehler wäre, ihn vorzeitig abzuschreiben, hat er in der gestrigen Qualifikation bereits gezeigt. Den Spitzensportler Ammann zeichnet gerade die Fähigkeit aus, bei einem Rückschlag nicht gleich den Kopf in den Schnee zu stecken, sondern sich voll auf seine Aufgabe zu konzentrieren und sich zurückzukämpfen. Dies hat er im Verlauf seiner 18-jährigen Weltcupkarriere zur Genüge bewiesen.

Der Anfang: Mit 16 in den Weltcup Im Dezember 1997 debütiert Simon Ammann beim Eröffnungsspringen der Vierschanzentournee als 16-Jähriger im Weltcup. Dank Rang 15 schafft er überraschend die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Nagano – als bisher jüngster Schweizer Olympiateilnehmer.
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Salt Lake City: Plötzlich Superstar Bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City katapultiert sich Ammann mit zwei Siegen ins Rampenlicht – nachdem er zuvor noch kein Weltcupspringen gewonnen hat. Die US-Medien vergleichen Ammann mit Harry Potter, Talker David Letterman lädt ihn in seine Show ein.
Vancouver: Das zweite Doppelgold Nachdem er nach seinem plötzlichen Durchbruch schwierige Jahre erlebt, kann Ammann bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver seinen Coup von Salt Lake City wiederholen. Mit einer revolutionären Bindung dominiert er die Konkurrenz.
Sotschi: Der Tiefschlag im Kaukasus Im Februar 2014 erlebt Ammann bei den Olympischen Spielen in Sotschi eine bittere Niederlage. Wenige Wochen, nachdem er bei der Vierschanzentournee bis zuletzt um den Sieg mitkämpfte, passt nichts mehr zusammen: Die Spiele enden in Tränen.
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Der Anfang: Mit 16 in den Weltcup Im Dezember 1997 debütiert Simon Ammann beim Eröffnungsspringen der Vierschanzentournee als 16-Jähriger im Weltcup. Dank Rang 15 schafft er überraschend die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Nagano – als bisher jüngster Schweizer Olympiateilnehmer.

Keystone

Ammann hat sich als Skispringer schon mehrmals neu erfinden müssen, um mit der rasanten Entwicklung der Sportart mithalten zu können. Jener Bauernbub aus dem Toggenburg, der es 2002 mit seinem Olympiamärchen auf die Titelseite der «New York Times» schaffte, hätte heute nur schon rein körperlich keine Chance mehr auf einen Spitzenplatz. Das Skispringen ist seither viel athletischer geworden – und Ammann mit ihm.

Und nächsten Winter?

Noch hat sich der erfolgreichste Schweizer Skispringer der Geschichte nicht entschieden, ob er seine Karriere über diese Saison hinaus fortsetzt. Das mag davon abhängen, wie das Comeback verläuft. Vielleicht hat sich Ammann, der seit dem letzten Herbst Vater eines Sohnes ist, in den vergangenen Wochen zu diesem Thema den einen oder anderen Gedanken gemacht. Vor allem aber hat er seine Energie auf das Ziel verwendet, an diesen Weltmeisterschaften wieder konkurrenzfähig zu sein. Wenn er die Leidenschaft für seinen Sport auch im Frühling noch spürt, wird Ammann auch im nächsten Winter noch Skispringer sein. Egal, was der Stammtisch sagt.

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