Dreimal hat Didier Cuche die Abfahrt am Lauberhorn auf Rang zwei beendet. Doch gewinnen konnte er den Klassiker nie. Am 12. März 2012 beendete er seine Karriere. Zwei Monate zuvor stand Hannes Reichelt in Wengen zum ersten Mal auf dem Podest. Er wurde zweiter hinter Beat Feuz. Didier Cuche beendete sein letztes Lauberhornrennen auf Rang 15. Für den Neuenburger war es das Ende seines Traums vom Sieg, für Reichelt der Anfang einer einmaligen Serie.

Seither stand Reichelt in Wengen immer auf dem Podest. 2014 zum Beispiel erneut als Zweiter. Damals hinter Patrick Küng. 2015 revanchierte er sich bei den Schweizern. Er siegte vor Feuz und Carlo Janka.

Feuz, Küng, Janka – sie alle haben die Abfahrt am Lauberhorn schon gewonnen. Sie alle lieben das Rennen und lieben den Berg. Und trotzdem: Der Titel des Mister Wengen geht nach Österreich. Reichelt sagt: «Es ist eines meiner Lieblingsrennen. Das Panorama oben am Start ist einzigartig. Und das gilt auch für die Strecke. Von mir aus könnten wir hier mehr als nur einmal im Jahr fahren.»

Doch wird Reichelt heute Samstag wie schon 2015 zum Spielverderber für die Schweizer? «Das war schon cool, hier vor zwei Schweizern zu gewinnen», sagt er. Sollte Reichelt tatsächlich gewinnen, kommt Didier Cuche zurück ins Spiel. Dieser war bei seinem letzten Triumph am 24. Februar 2012 in Crans-Montana 37 Jahre und 192 Tage alt. Er ist damit bis heute der älteste Sieger eines Weltcuprennens. Doch Reichelt könnte diese Marke egalisieren. Er ist am Tag der Lauberhornabfahrt 2018, der Zufall will es so, genau 37 Jahre und 192 Tage alt.

Hannes Reichelt (2. Platz), Gewinner Aksel Lund Svindal und Klaus Kröll (3.Platz).

Hannes Reichelt (2. Platz), Gewinner Aksel Lund Svindal und Klaus Kröll (3.Platz).

Teilt sich der Österreicher den Titel des «Ski-Opas» nach dem Rennen mit Didier Cuche? Gut möglich. Sicher scheint, dass Reichelt den Schweizer so oder so irgendwann überholen wird. «Ich kann mir gut vorstellen, noch bis zu den Olympischen Winterspielen 2022 weiterzufahren. Mein Körper ist wie ein alter Traktor. Den stellt man ja nicht ab, weil er sonst nicht mehr anspringt.»

Ein fataler Sturz

Reichelt und Cuche sind am Montag zufällig gemeinsam mit der Jungfraubahn nach Wengen gefahren. Die beiden mögen sich. Überhaupt ist Reichelt im Weltcup sehr beliebt. Er ist selbst für die Schweizer ein sympathischer Spielverderber. Auch wenn sie ihn auf der Piste natürlich am liebsten trotzdem besiegen. «Hannes fährt hier immer stark», sagt Feuz. «Aber ich auch.»
Reichelt ist ein spätberufener Abfahrer. Zum ersten Mal auf einem Abfahrtspodest stand er 2011. Im Super-G gelang ihm die Premiere bereits 2002. «Ich war in jungen Jahren auch ein guter Abfahrer», sagte er einst. Doch dann passierte etwas, das ihn lange beschäftigte und bremste. Im März 2005 stürzte er beim Europacupfinal in der Abfahrt fürchterlich und blieb bewusstlos liegen. «Das blieb lange im Hinterkopf», sagte er Jahre später.

Hannes Reichelt während der Abfahrt.

Hannes Reichelt während der Abfahrt.

So überzeugte Reichelt im Weltcup vorerst nur im Riesenslalom und vor allem im Super-G, wo er 2008 mit Didier Cuche in eine der wohl kuriosesten Entscheidungen involviert war. Der Schweizer führte vor dem letzten Rennen die Disziplinenwertung mit 99 Punkten Vorsprung vor Reichelt an. Dieser musste für den Gesamtsieg das letzte Rennen gewinnen und Cuche durfte gleichzeitig nicht punkten. Tatsächlich siegte Reichelt und Cuche wurde ausgerechnet von Daniel Albrecht noch aus den Punkterängen verdrängt.
Es ist bis heute die einzige Kristallkugel, die Reichelt gewinnen konnte, während Cuche viermal den Abfahrts-, einmal den Super-G- und einmal den Riesenslalomgesamtsieg errang.

Die Wende in Kitzbühel

Reichelt sagt im Rückblick, dass er erst 2011 in Kitzbühel die Bremse im Kopf lösen konnte und zum Weltcupabfahrer wurde. Damals fuhr er mit Startnummer 44 auf Rang 19. Gewonnen hat das Rennen damals – genau: Didier Cuche, der Mister Kitzbühel.
2014, zwei Jahre nach Cuches Rücktritt, erlöste Reichelt dann sein Heimatland. Als erster Österreicher seit Michael Walchhofer 2006 konnte er die Abfahrt auf der Streif gewinnen. Das schwierigste Rennen der Welt ist Reichelt mit einem schweren Bandscheibenvorfall gefahren. Weil kurz nach dem Sieg Lähmungen in den Beinen auftraten, musste Reichelt operiert werden.

Der Rücken war in den folgenden Jahren Reichelts grösste Problemzone. Im September 2016 liess er sich an der Lendenwirbelsäule operieren. «Seither geht es mir viel besser», sagt er. So gut, dass er nun sogar von den Spielen 2022 träumt.
Eine Rekordmarke kann Reichelt Cuche schon am Lauberhorn entreissen. Mit einem Triumph wäre er der älteste Abfahrtssieger im Weltcup. Cuche gewann mit 37 Jahren und 192 Tagen einen Super-G. Bei seinem letzten Sieg in einer Abfahrt am 28. Januar 2012 in Garmisch war er 37 Jahre und 165 Tage alt.

In Wengen wollen Beat Feuz und Co. aber dafür sorgen, dass Cuches Altersbestmarken bestehen bleiben. Die Schweizer würden so zum Spielverderber für den Österreicher. Reichelt sagt: «Der Beste wird gewinnen.» So oder so habe er noch Zeit, ein «Ski-Opa» zu werden. «Das Alter ist nur eine Zahl. So alt fühle ich mich nicht.»

Quiz Lauberhornrennen Wengen 2018