Skispringen

Gut bewaffnet in die Schlacht am Bergisel

Die Wunderwaffe: Anders Jacobsens Schuhe.GEORG HOCHMUTH/Key

Die Wunderwaffe: Anders Jacobsens Schuhe.GEORG HOCHMUTH/Key

Tourneeleader Anders Jacobsen fordert Gregor Schlierenzauer in dessen Heimat heraus. Gewinnen soll der Norweger gegen den Tiroler dank einem Material-Coup – ein Lederschuh mit gestärkter Zunge.

In der Schlacht am Bergisel kämpften die Tiroler im Jahr 1809 bei Innsbruck gegen Napoleon und die Bayern. Es war ein Drama in vier Akten, in dem sich die Einheimischen letztlich trotz erbitterter Gegenwehr den militärisch überlegenen Besatzungsmächten geschlagen geben mussten. Ihr Anführer Andreas Hofer wurde gefangen genommen und hingerichtet – und wird in Tirol bis heute als Volksheld verehrt.

Um Leben und Tod geht es im Jahr 2013 nicht mehr. Es ist nur eine sportliche Schlacht, die diesmal auf der Schanze am Bergisel geschlagen wird, doch brisant ist die Ausgangslage allemal. Der Tiroler Held heisst Gregor Schlierenzauer und kämpfen muss er gegen die Wikinger – oder zumindest gegen einen ihrer Nachfahren: Der Norweger Anders Jacobsen ist nach zwei Siegen in den ersten beiden Springen der Vierschanzentournee als Gesamtleader nach Innsbruck gereist und hat Titelverteidiger Schlierenzauer damit mächtig unter Druck gesetzt.

Tiroler Tüftler hilft Norwegern

Herausgefordert sieht sich Schlierenzauer, der bei Tourneehälfte mit einem Rückstand von 12,5 Punkten der einzige verbliebene Konkurrent Jacobsens im Hinblick auf den Gesamtsieg ist, insbesondere dadurch, dass der Norweger offensichtlich gut bewaffnet in den Kampf gestiegen ist. So wie Simon Ammann an den Olympischen Spielen die Konkurrenz mit einer revolutionären Bindung aus dem Tritt brachte, scheinen die Norweger nun im Materialbereich einen Coup gelandet zu haben. Dieser betrifft den Schuh: Jacobsen springt seit der Tournee-Hauptprobe in Engelberg wie der aktuelle Gesamtdritte Tom Hilde mit einem Lederschuh mit gestärkter Zunge, welche die Skiführung in der Luft erleichtert.

Umso bitterer für die Österreicher ist, dass die Entwicklung des Schuhs auf eine Tiroler zurückgeht: den norwegischen Nationaltrainer Alexander Stöckl. «Wir haben versucht, den Schuh etwas steifer zu machen», bestätigt Stöckl, der seinen Vater Paul mit der Entwicklung beauftragt hatte. Dieser, ein technisch versierter Tiefbau-Ingenieur und Tüftler, habe den Schuh konzipiert und in Eigenregie einen Prototypen hergestellt.

Auch der Ski ist neu

Zumindest Jacobsens Fortschritte sind augenfällig. Der 27-Jährige springt äusserst offensiv mit extremer Vorlage. Der neue Schuh hilft ihm dabei, den Ski flacher und stabiler zu halten. Noch entscheidender ist möglicherweise, dass Jacobsen seit Tourneebeginn auch ein neuer Ski zur Verfügung steht.

Die Skifirma «fluege.de», hinter der ein Flugbuchungsportal steht, welche das Skispringen als Marketinginstrument für sich entdeckt hat, hat für den Norweger eine Spezialanfertigung entwickelt, die ebenfalls steifer ist als das bisherige Modell. Auch das kommt Jacobsen, der wegen Motivationsproblemen auf die letzte Saison verzichtet hatte, bei der flacheren Skiführung entgegen.

Während Gregor Schlierenzauer nach der erneuten Niederlage in Garmisch die FIS zur genaueren Materialprüfung bei den Norwegern – auch bei den Anzügen – aufforderte, verzichteten die österreichischen Teamverantwortlichen auf einen Protest. «Es ist alles regelkonform», sagte Norwegen-Coach Stöckl. Jacobsen, der die Tournee 2006/07 in seiner ersten Saison schon einmal gewonnen hat, geniesst die Rückkehr ins Rampenlicht. «Ich spüre jetzt den Druck, aber er fühlt sich gut an», sagt der Norweger, der gestern in der Qualifikation nur um einen Hauch hinter Sieger Schlierenzauer zurückblieb. Dieser will in Innsbruck den Heimvorteil nutzen. «Der Bergisel ist quasi mein Wohnzimmer», sagt der Tiroler.

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