«Will ich eigentlich noch Skispringer sein?» Das ist die Frage, mit der sich Gregor Schlierenzauer in den vergangenen Wochen auseinandergesetzt hat. Nach einem enttäuschenden Saisonstart verabschiedete sich der Österreicher Anfang Dezember vorübergehend aus dem Weltcup. «Ich fühle mich müde und brauche etwas Abstand von der Schanze», begründete er seinen Schritt.

Rechtzeitig zum Beginn der Vierschanzentournee hat sich Schlierenzauer nun zurückgemeldet. Er will noch Skispringer sein. «Das Feuer in mir brennt noch sehr stark», sagt er. Herausgefunden hat er das in Lillehammer, wo er vor Weihnachten eine Blockhütte mietete und einige Tage verbrachte – eine Mischung aus Ferien und Trainingslager. «Nach dem Saisonstart spürte ich eine gewisse Motivationsleere», sagt er. «Deshalb habe ich einen Schritt zurück gemacht, um meine Situation zu reflektieren. Jetzt bin ich bereit, mit vollstem Einsatz in die Tournee zu starten.»

26 – und schon alles erreicht

Man hätte es ihm nicht verdenken können, wenn er die Sprungstiefel an den Nagel gehängt hätte. Erst knapp 26-jährig, hat Schlierenzauer mit Ausnahme eines Einzel-Olympiasieges alle Titel geholt, die es im Skispringen zu holen gibt. Mit 16 war er im Weltcup aufgetaucht – und hatte eingeschlagen wie eine Bombe. Schon beim dritten Einsatz gewann er erstmals und wurde als Wunderkind gefeiert. Inzwischen ist er bei 53 Weltcupsiegen angelangt und hält damit den Rekord.

Die spielerische Leichtigkeit, mit der er phasenweise seine zumeist älteren Gegner dominierte, ist Schlierenzauer allerdings abhandengekommen. Bereits in den letzten beiden Winter liess er die Konstanz vermissen, auch wenn es ihm beispielsweise bei der WM in Falun zu einer Silbermedaille reichte. Nach den Regeländerungen der letzten Jahre bekundete der begnadete Flieger Mühe, seine Technik den neuen Anforderungen anzupassen. Durch die engeren Sprunganzüge hat der Absprung auf Kosten der Flugphase an Bedeutung gewonnen.

Noch immer tut sich Schlierenzauer schwer mit dem aggressiveren Hinausstechen am Schanzentisch und der dazu passenden Anfahrtsposition. Dabei hatte der akribische Tüftler im Sommer nicht nur im Konditionstraining neue Reize gesetzt, sondern auch sein Sprungsystem von Grund auf neu aufgesetzt. Dafür war er sogar auf die Kinderschanze im heimischen Stubaital südlich von Innsbruck zurückgekehrt. «Auf kleinen Schanzen muss man extrem gut abspringen», sagt er.

Harte Landung nach hohem Flug

Diese Schwierigkeiten waren eine neue Erfahrung für ihn, dem lange alles so leicht von der Hand gegangen war. Der unbeschwerte, siegverwöhnte Jüngling kam ins Grübeln und dachte schon nach den missglückten Olympischen Spielen in Sotschi laut darüber nach, eine Saison auszusetzen. Dabei wurde der österreichische Nationalheld auch von seinem frühen Erfolg eingeholt. Seit er 16 war, steht er in seiner Heimat in der Öffentlichkeit unter permanenter Beobachtung.

Dabei hatten ihn Familie und Umfeld durchaus auf eine harte Landung vorbereitet. «Ich wusste immer, dass einmal schwierigere Zeiten kommen würden», sagt Schlierenzauer. Die Sinnkrise sieht er denn auch in einem grösseren Zusammenhang. «Ich bin in einer Lebensphase, in der man sich gewisse Fragen stellt», sagt er. «Solche gibt es wohl bei jedem Menschen.» Das sieht auch der österreichische Cheftrainer Heinz Kuttin so: «Das sind für Gregor wichtige Lebenserfahrungen.» Der Weltmeister von 1991 liess seinem Schützling in den letzten Wochen bewusst Zeit, zu sich selbst zurückzufinden. «Es zeugt von Stärke, mitten in der Saison eine Auszeit zu nehmen.»

Die Rückkehr auf die Vierschanzentournee hin bedeutet nicht, dass man von Schlierenzauer nun gleich seinen dritten Gesamtsieg nach 2012 und 2013 erwarten darf. «Im Sport ist alles möglich, aber ich bin sicher nicht der Topfavorit», sagt er. «Das Ziel ist es, wieder Schritt für Schritt nach vorne zu kommen». Trainer Kuttin formuliert es so: «Diese Tournee ist für Gregor da, um zu lernen.» Dass er diese Zeit brauchen könnte, deutete sich in der Qualifikation für das heutige Auftaktspringen in Oberstdorf an: Als 46. schlitterte Schlierenzauer mit einer Reserve von 0,9 Punkten äusserst knapp am vorzeitigen Ausscheiden vorbei.