Ski alpin
Gehörloser Skistar Philipp Steiner: «Stille ist für mich etwas Visuelles»

Philipp Steiner ist das Aushängeschild des Schweizer Gehörlosensports, Das schönste Geschenk hat er schon vor einer Woche erhalten. Da hat er erfahren, dass er bei der Lauberhorn-Abfahrt in Wengen als Vorfahrer zum Einsatz kommt.

Simon Steiner
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Der gehörlose Sportler Philipp Steiner in der Berner Altstadt. Er sagt: «Das hier hat für mich nichts mit Stille zu tun, obwohl ich nichts hören kann.»

Der gehörlose Sportler Philipp Steiner in der Berner Altstadt. Er sagt: «Das hier hat für mich nichts mit Stille zu tun, obwohl ich nichts hören kann.»

Marco Zanoni

Das schönste Geschenk hat Philipp Steiner schon eine Woche vor Weihnachten erhalten. Letzten Montag hat er erfahren, dass er bei der traditionellen Lauberhorn-Abfahrt in Wengen als Vorfahrer zum Einsatz kommt. Auf der längsten aller Weltcupstrecken mit Klippen wie dem Hundschopf oder dem Kernen-S. Die Freude ist gross beim 25-Jährigen: «Das ist bis jetzt mein Karrierehöhepunkt», sagt er. Auch der Arbeitgeber ist stolz auf seinen Mitarbeiter: Der Chef versprach dem Sanitärmonteur spontan eine zusätzliche Woche Ferien. Steiner schmunzelt: «Jetzt weiss mein Chef, dass ich wirklich gut sein muss.»

Doch eigentlich bestand an seinem Können gar kein Zweifel. Philipp Steiner ist einer der weltbesten gehörlosen Skifahrer. Im letzten Winter gewann er bei den Europameisterschaften in Davos drei Silbermedaillen und sorgte damit für eine Wachablösung im Schweizer Alpin-Team, das lange Zeit vom Appenzeller Roland Schneider angeführt worden war. Und Steiner, der seit der Geburt aus ungeklärten Gründen taub ist, hat noch nicht genug. Das Ziel für die Weltmeisterschaften, die im Februar im deutschen Nesselwang erstmals zur Austragung kommen, ist klar: «Silber habe ich schon, jetzt will ich Gold gewinnen.»

Für die Goldmedaille trainiert Steiner, der in Konolfingen aufgewachsen ist, neben der Arbeit fleissig. Seit er im Sommer aus dem Elternhaus ausgezogen ist, kommt noch der Haushalt hinzu. Mit seiner Freundin, die sich in der europäischen Gehörlosen-Jugendorganisation engagiert, teilt er nun in Münsingen eine Wohnung. Gut 20 Trainingstage hat er seit August im Schnee verbracht, die meisten davon auf dem Gletscher in Saas-Fee. Zusammen mit seinem Coach schliesst er sich dabei immer wieder Trainingsgruppen von Hörenden an. Viel Zeit verbringt er auch im Kraftraum, wo er nach dem Plan seines Trainers vorgeht. «Auch wenn das Krafttraining manchmal nervt», wie er zugibt.

Beim Treffen liest er dem Journalisten, welcher der Gebärdensprache nicht mächtig ist, die Frage von den Lippen ab: Was bedeutet Stille für Sie? «Das hier auf jeden Fall nicht, obwohl ich nichts hören kann», sagt er und deutet auf den Weihnachtsrummel in der Berner Altstadt. «Stille ist für mich etwas Visuelles, das ich zum Beispiel in der Einsamkeit der Bergwelt sehe.»

Still ist es für ihn auch auf der Rennpiste nie. Neben der Europacup-Saison der Gehörlosen, die im Januar beginnt, bestreitet Steiner auch regelmässig Regionalrennen der Hörenden. Und hält gut mit. Wie gross sein sportliches Handicap ist, lässt sich nur schwer beurteilen. Zum einen fehlt ihm eine akustische Rückmeldung von den Laufflächen und Kanten der Ski. Zum anderen hat Steiner erst viel später mit dem Wettkampfsport begonnen als die hörenden Rennfahrer. Obwohl er mit seinem Vater schon immer gern Sport getrieben hat, entdeckte er den Leistungssport zu seinem heutigen Bedauern erst als 14-Jähriger.

«In der Schweiz hat der Sport für gehörlose Kinder absolut keine Priorität», sagt er. «Zuerst geht es darum, sprechen zu lernen und eine Ausbildung zu machen.» Nicht, dass er dies nicht wichtig finden würde, «aber der Sport könnte ein wertvoller Ausgleich sein». Kritisch beurteilt Steiner auch die gegenwärtige Tendenz, gehörlose Kinder vermehrt zusammen mit Hörenden in die Schule zu schicken. «Viele sind überfordert und werden so erst recht zu Aussenseitern.»

Eine Folge ist, dass die Schweizer Gehörlosensportler mit Nachwuchssorgen kämpfen. Diese sind bereits seit 1930 im Schweizerischen Gehörlosen-Sportverband (SGSV) organisiert. Der Verband engagiert sich in der Förderung von Breiten-, Nachwuchs- und Leistungssport. Rund 500 Athleten sind lizenziert und betreiben Wettkampfsport, doch die wenigsten so konsequent wie Steiner, der auch im Tennis und im Unihockey schon mehrfach Schweizer Meister wurde. «Philipp ist eine Ausnahmeerscheinung», sagt SGSV-Geschäftsführer Roman Pechous. «Er ist so fokussiert und trainingsfleissig, wie man das im Gehörlosensport nur
selten sieht.»

Umso härter traf Philipp Steiner im vorletzten Winter die kurzfristige Absage der Deaflympics, der Winterspiele für Gehörlose. Am Tag vor der Abreise an die Spiele in der Slowakei sass er beim Nachtessen, als er von einem Skikollegen die Nachricht erhielt, die Veranstaltung finde aus finanziellen Gründen nicht statt. «Ich glaubte zuerst an einen schlechten Scherz», sagt der Berner, der vier Jahre zuvor in Salt Lake City als 19-Jähriger bereits Bronze gewonnen hatte, obwohl er damals mitten in den Vorbereitungen auf die Lehrabschlussprüfung steckte. «Die Absage hat mich hart getroffen. Ich hatte von August bis Februar viel trainiert und war bereit für eine Medaille», sagt er. «Und dann durften wir gar nicht antreten. Danach fühlte ich mich richtig leer und wollte eine Weile kein Paar Ski mehr anrühren.»

Die fehlenden finanziellen Mittel sind ein Dauerthema im Gehörlosensport. Weil dieser kaum öffentliche Aufmerksamkeit geniesst, sind Sponsoren nur schwer zu finden. Der einzige Geldgeber des Schweizer Skiteams stieg nach der Absage der Deaflympics aus. Philipp Steiner würde deshalb einen Anschluss der Gehörlosen-Spiele an die Paralympics begrüssen, die den Sportlern mit anderen körperlichen Handicaps eine Wettkampfplattform mit einiger Strahlkraft bieten. «Leider sind unsere Funktionäre zu stur dafür», sagt der Fahrer, der primär von der Brändli-Stiftung unterstützt wird, die jungen Menschen mit Körperbehinderung im Kanton Bern unter die Arme greift. Obwohl er darüber hinaus von Sonderkonditionen bei Ausrüstern profitiert und sein Vater die Arbeit des Servicemannes leistet, kostet ihn eine Saison noch rund 8000 Franken. Zum Vergleich: Nach
seinen drei EM-Silbermedaillen erhielt er 800 Franken an Prämien.

Ums Geld geht es Steiner aber gar nicht. Glück hat er, dass sein Arbeitgeber ihm während der Saison immer wieder unbezahlten Urlaub gewährt. Damit ist auch eine anständige Vorbereitung möglich auf kommende Grossanlässe wie die WM oder die Deaflympics 2015, die im Olympiaort Sotschi ausgetragen werden wollen. Zwischen Weihnachten und Neujahr hat er aber noch etwas anderes vor: Er will anhand von Videos die beste Linie am Lauberhorn herausfinden.