Skispringen
«Flieg, Matti, flieg!» – das turbulente Leben von Ausnahmetalent Matti Nykänen geht zu Ende

Der finnische Ausnahmeathlet Matti Nykänen ist nach einem turbulenten Leben im Alter von nur 55 Jahren gestorben.

Roos und Daniel Good
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Matti Nykänen im Februar 1984 als 20-Jähriger auf dem Weg zum Gewinn seiner ersten Olympia-Goldmedaille in Sarajevo.

Matti Nykänen im Februar 1984 als 20-Jähriger auf dem Weg zum Gewinn seiner ersten Olympia-Goldmedaille in Sarajevo.

Getty Images

Matti Nykänen steht auf einer kleinen Bühne in Helsinki, Schweiss auf der Stirn, er grölt seinen grössten Hit ins Mikrofon. «Lennä Nykäsen Matti» singt der wohl beste Skispringer der Geschichte am Freitag in der Bar Ravintola Pallogrilli, «Flieg, Matti, flieg». Das Publikum, mit Biergläsern in der Hand, brüllt die nächste Zeile mit: «Tule elävänä takaisin» – «Flieg, und komm lebend zurück.» Keine drei Tage nach seinem letzten Auftritt ist der grosse Finne tot. Matti Nykänen, der «Maradona des Skispringens», verstarb in der Nacht auf Montag nach einem turbulenten Leben mit nur 55 Jahren.

Nykänens Karriere liest sich zunächst wie ein Skisprung-Märchen. Mit 18 gewann er die WM, mit 19 die Vierschanzentournee, mit 20 Olympia-Gold in Sarajevo. Noch dominanter war Nykänen in der Saison 1987/88: Drei Mal Gold an den Olympischen Spielen in Calgary, wieder Sieg in der Vierschanzentournee und im Gesamtweltcup. Nykänen holte drei olympische Einzeltitel, noch erfolgreicher war nur Simon Ammann mit vier.

Matti Nykänen gewinnt 1988 drei Mal Gold an den Olympischen Winterspielen.

Matti Nykänen gewinnt 1988 drei Mal Gold an den Olympischen Winterspielen.

Keystone

Am 20. Januar 1988 verbuchte Nykänen seinen einzigen Sieg in der Schweiz, als er in St. Moritz ein Weltcupspringen für sich entschied. Es war sein 42. von insgesamt 46 Erfolgen im Weltcup.

Stripper, Sänger, Schläger

Schon im Winter danach geriet er – als noch nicht 26-Jähriger – in eine Baisse, von der er sich nie mehr erholte. Immer häufiger war die Rede von Alkohol. Schon 1991 beendete er die Karriere als Profisportler und geriet immer stärker auf Abwege. Es folgte der tiefe Absturz des Überfliegers. Der Alkohol, die Frauen, das Herz. Die Hölle sei nicht so schlimm «wie mein Leben jahrelang war», sagte der gefallene Held 2012 in einem Interview: «Die Hölle muss ein besserer Ort sein.» Bereits im Jahr 2003 publizierte Nykänen eine Autobiografie mit dem Titel «Grüsse aus der Hölle».

All die Titel, all die Medaillen, die Nykänen holte, sie halfen dem Finnen im richtigen Leben, fernab der Sprungschanzen, nicht weiter. In seinem Wikipedia-Eintrag finden sich heute mehr Zeilen über die Zeit nach der Karriere als über die Jahre als Sportler. Die meisten handeln von Skandalen. Von seinen Scheidungen. Von einer Vorstrafe wegen Körperverletzung, weil er seine fünfte (!) Ehefrau mit einem Messer attackierte. Von seiner Zeit als Stripper, als Sänger und als Darsteller in Erotikvideos. Von einem Herzinfarkt im Jahr 2004. Und immer wieder von Alkohol. Viel Alkohol.

Nykänen: ADHS und Diabetes

«Wenn du trinkst, lebst du wie in einer Blase, siehst keinen Sinn», sagte Nykänen in einem Interview und versuchte sich an einer Erklärung: «Ich stand viele Jahre im Mittelpunkt, alle haben sich um mich gerissen. Ich hatte es satt, es war zu viel. Ich war sehr jung, als ich erfolgreich geworden bin, die Medien waren die ganze Zeit um mich herum – ich hätte Hilfe gebraucht. Das war der Anfang. Ich habe getrunken, weil ich nichts anderes zu tun hatte. Ich wollte vergessen.»

Über das Leben von Matti Nykänen wurde 2006 ein Film produziert. Die Boulevardblätter versuchten, mit Geschichten über den gefallenen Skispringer zu punkten. Beliebt im Volk blieb Nykänen trotz all seinen Eskapaden. Oder vielleicht gerade deswegen. Unbestritten war Nykänen als Sportler eine Ausnahmeerscheinung.

Matti Nykänen im Jahr 2012, vom turbulenten Leben gezeichnet.

Matti Nykänen im Jahr 2012, vom turbulenten Leben gezeichnet.

Keystone

So erfolgreich er im Sport war, so glücklos verlief sein Leben nach dem Karrierenende. Wahrscheinlich auch, weil er an ADHS litt, einer Verhaltensstörung, die bei Nykänen erst spät diagnostiziert wurde. Vor einem Jahr war Nykänen an Diabetes erkrankt. Die Ursache für sein Ableben ist noch nicht geklärt. In Lahti, wo Nykänens Heimschanze steht, wurden die Fahnen gestern auf halbmast gesetzt. In Lahti finden am Wochenende die nächsten Weltcupspringen statt.